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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 314 | Zentralasien postsowjetisch Hrant Dink: Von der Saat der Worte

Hrant Dink: Von der Saat der Worte

Zusammengestellt, aus dem Türkischen übersetzt und herausgegeben von Günter Seufert. Verlag Hans Schiler, Berlin 2008. 24,00 Euro.

Gesät, aber noch nicht geerntet

Der türkisch-armenische Intellektuelle Hrant Dink wurde im Januar 2007 vor der Redaktion seiner Zeitung »Agos« von einem jugendlichen Täter erschossen. Der 53-jährige Journalist war zur Hassfigur für türkische Nationalisten geworden. Sie verübelten es ihm, dass in seiner Zeitung der Genozid an den ArmenierInnen durch die Jungtürken 1915 und die Diskriminierung der überlebenden armenischen Minderheit zum Thema gemacht wurden. Die RechtsextremistInnen befanden Dink offensichtlich für so gefährlich, dass sie einen Mann der Worte nur dadurch zum Schweigen bringen konnten, indem sie ihn ermordeten.
Dem Schiler Verlag ist zu verdanken, dass eine Auswahl der wichtigsten Texte von Dink nun in deutscher Sprache zugänglich ist.
Von der Saat der Worte ist ein intelligentes, lyrisches Buch geworden. Zudem ist mit ihm weit mehr als ein Nachruf auf einen der wichtigsten fortschrittlichen Intellektuellen Istanbuls erschienen. Dinks Texte hätten hierzulande schon gelesen werden sollen, bevor er traurige Berühmtheit erlangte.
Aus Angst vor dem herrschenden türkischen Nationalismus hatten bis zur Gründung von »Agos« vor etwas mehr als zehn Jahren selbst armenische Publikationen in der Türkei den Begriff »Genozid« in Anführungszeichen gesetzt. Die von Hrant Dink gegründete Zeitung spielte eine wichtige Rolle für das Wiedererstarken des Selbstbewusstseins der armenischen Minderheit in der Türkei.
Nicht nur faschistische Gruppen, sondern auch die türkische Regierung half mit, ein geistiges Klima zu verfestigen, in dem die Thematisierung des Genozids zum »Vaterlandsverrat« wurde. Wegen »Beleidigung des Türkentums« war Dink wiederholt vor Gericht gestanden und 2005 zu einer Haftstrafe von sechs Monaten verurteilt worden. Die Verbindungen seines Mörders zum so genannten derin devlet, dem »tiefen Staat«, wurden zwar immer wieder sichtbar, bislang jedoch nicht ausreichend aufgearbeitet. Bei derin devlet handelt es sich um ein klandestines Netzwerk zwischen dem Inlandsgeheimdienst MI'T, dem Gendarmeriegeheimdienst JITEM, rechtsextremen Gruppierungen und der organisierten Kriminalität.
Doch Hrant Dink sollte nicht nur als Opfer des türkischen Rechtsextremismus in Erinnerung bleiben. Er war immer ein Armenier aus der Türkei. Er war Istanbul genauso verbunden wie seiner armenischen Kultur und Sprache. Damit eckte er nicht nur bei türkischen Nationalisten an, sondern auch bei Teilen der armenischen Diaspora, die nicht verstehen wollte, dass Dink primär den Diskurs über die ArmenierInnen und die armenisch-türkische Geschichte in der Türkei ändern wollte und dabei manche Reaktion auf die Genozidleugnung aus dem Ausland sogar für kontraproduktiv hielt. Als Linker stand er grundsätzlich jedem Nationalismus skeptisch gegenüber, setzte sich aber für die Rechte von KurdInnen in der Türkei genauso ein, wie für die anderer Minderheiten. Die kulturellen Traditionen dieses »Mosaiks von Anatolien« betrachtete er als Reichtum, den er sich nicht nehmen lassen wollte. Zu Anatolien passe, dass »wir miteinander leben, und einer die Sprache des anderen versteht«. Hrant Dink war damit kein Vertreter eines multikulturellen Nebeneinanders, sondern eines Miteinanders.
Zum zehnten Jahrestag der Gründung seiner Zeitung Agos 2006 fragte er sich: »Hat es die Zeitung vermocht, die türkische armenische Gemeinschaft und ihre Einstellungen zu verändern?« Die Frage ist bis heute offen. Sicher ist jedoch, dass Hrant Dink als einer der wichtigsten Brückenbauer und Kritiker der modernen Türkei in Erinnerung bleiben wird. Die Früchte seiner Saat werden vielleicht erst in Jahrzehnten zu erkennen sein.

Thomas Schmidinger

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