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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 315 | Digitale Welten John L. & Jean Comaroff: Ethnicity, Inc.

John L. & Jean Comaroff: Ethnicity, Inc.

University of Chicago Press 2009. 234 Seiten, 20,99 Euro.

Modernes Ethno-Business

Das Geschäft mit ethnischen Identitäten und kulturellen Unterschieden ist nicht erst seit gestern weit mehr als ein Nischenmarkt, auf dem Schnitzereien aus Tansania oder Batik aus Indien feilgeboten werden. Die systematische und planmäßige In-Wert-Setzung und Vermarktung von Ethnizität und auch Nationalität hat seit Mitte der 1980er Jahre einen massiven Aufschwung erfahren. Wie sich diese Entwicklung zur neoliberalen Wende des Kapitalismus sowie zu dessen Wertekanon und Praxis verhält, untersuchen John und Jean Comaroff in ihrem Buch Ethnicity, Inc.
Die Publikation liest sich als eine ebenso rasante wie mitreißende Reise durch den Kosmos des modernen Ethno-Business. Die beiden Anthropologen, die an der University of Chicago lehren und forschen, versammeln detaillierte Schilderungen von Produktion und Vermarktung von kultureller Differenz. So erfahren wir unter anderem vom ökonomischen Aufstieg der Bafokeng im Nordwesten Südafrikas, die auf der Grundlage des Platinbergbaus und unter der Bezeichnung Royal Bafokeng Nation ein beachtliches Wirtschaftsimperium aufgebaut haben und deren Chiefs als »Geschäftsführer« adressiert werden. Ein eigenes Kapitel ist den Anfängen der Verwertung von Ethnizität am Beispiel indigener Gruppen in Nordamerika gewidmet, bevor die Autoren den Bogen zur Vermarktung des Nationalstaates – Britain, PLC; Russia, Inc. – schlagen.
Die reichhaltige Empirik setzen die Comaroffs mit leichter Hand ins Verhältnis zu jenen Formen der Macht und des Regierens, die der Neoliberalismus mit sich bringt: »Der historische Prozess, der mit der Überführung von Unternehmen in lebende, Rechte besitzende Personen begann, endet mit der Verwandlung von lebenden, Rechte besitzenden Personen in Firmen gleichenden ‚private Subunternehmer’ – menschliche Makler, die über ihre Fertigkeiten, ihr Erbe und ihr verkörpertes Kapital verfügen und es vermarkten«, konstatieren sie. Diese theoretische Erkenntnis mag nicht neu sein, wird jedoch am Beispiel ethnischer Identitäten kreativ durch originäre Beobachtungen ausgebaut und verdichtet.
Zu diesen Beobachtungen gehört unter anderem, dass juristische Auseinandersetzungen über Land – und wirtschaftliche Interessen generell – oft am Anfang der Begründung einer Ethnie und ihrer entsprechenden Ethnicity, Inc. stehen. Identität wird häufig als Eigentum reklamiert und »mit eindeutig korporativen Mitteln gemanagt«. Kulturelles und ökonomisches Kapital verschmelzen dabei miteinander. Im Zuge dieser Entwicklung wird der Kampf um politische und soziale Emanzipation mehr und mehr in Form von Rechtsstreits ausgetragen. Lawfare nennen die Comaroffs die bevorzugte Waffe auf diesem Feld.
Mit Ethnicity, Inc. setzen Jean und John Comaroff wieder einmal einen Standard für die wissenschaftliche Beschäftigung mit Ethnizität. Diese ist in vielen Regionen – entgegen den Annahmen sowohl der klassischen als auch der kritischen Theorie – weiterhin und offensichtlich mehr denn je ein integraler Bestandteil heutiger Lebenswelten.

Ruben Eberlein

315 | Digitale Welten
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