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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 315 | Digitale Welten Marcel Hänggi: Wir Schwätzer im Treibhaus – Warum die Klimapolitik versagt

Marcel Hänggi: Wir Schwätzer im Treibhaus – Warum die Klimapolitik versagt

Rotpunktverlag, Zürich 2008. 290 Seiten, 21,50 Euro.

Faulsein statt dummschwätzen

Längst wird der Klimawandel von der Wirtschaft als Chance begriffen: Technische Innovationen könnten mittels Dematerialisierung und Energieeffizienz zu Klimaschutz führen – bei gleichzeitigem Wachstum der Wirtschaft. Mit Nobelpreisen geadelte Theorien, die diese Vorhersage zu belegen glauben, gibt es genug. Politische Kräfte, die sich auf die Erfinder derlei Prognosen berufen, ebenfalls – kurz vor der Klimakonferenz in Kopenhagen erst recht.
Endlich gibt es nun aber auch ein Buch, das mit dem Mythos aufräumt, technologische Entwicklung könne im Bündnis mit dem Marktliberalismus das Klima retten. Wir Schwätzer im Treibhaus entlarvt die Buchhaltungstricks der marktliberalen Klimaretter ebenso wie deren irreführende Prognosen. Vom Kohlendioxidhandel – also dem Geschäft mit ‚Luftverschmutzungsrechten’ – über angebliche Kompensationen – die auch schon mal als Katalysator industriellen Wachstums fungieren – bis hin zur Verschiebung von Industrieproduktionen – die weiterhin fossile Energieträger wie Erdöl, Erdgas und Kohle verbrauchen – in die Dritte Welt: Der Wissenschaftsjournalist Marcel Hänggi zeigt konsequent, warum all diese Instrumente nicht zum Rückgang der Klimagase führen. Dabei widerlegt er die markteuphorischen Klimaretter gerne mit ihren eigenen Argumenten und den Denkfehlern ihrer eigenen (Un)logik, um dann – und darum ist das Buch so lesenswert – den Blick auf jene gesellschaftlichen Dimensionen des Klimawandels zu lenken, der den meisten KlimaspezialistInnen abhanden gekommen ist.
Hänggi verweist auf die meist versteckte globale Ungerechtigkeit der klimapolitischen Bilanzierungen, etwa wenn die in Indien produzierten und hier konsumierten Wegwerfartikel die Klimabilanzen am Ort der Produktion belasten. Er kritisiert gesellschaftliche ‚Selbstverständlichkeiten’ wie das automobile Leben, ohne deren Infragestellung keine Lösungen gefunden werden können. Hänggi zeigt, wo die wissenschaftlichen Grundlagen der Klimapolitik in Kosten-Nutzen-Analysen gefangen und blind für Verteilungsungerechtigkeiten sind.
Während viele OptimistInnen behaupten, technisch sei der Wandel zu einer klimaneutralen Gesellschaft längst möglich, sagt Hänggi das Gegenteil: Die Fixierung auf Technik verhärtet zugleich
die energieaufwändigen und automobilen Lebensgewohnheiten und verschärft damit die Ursache des Problems. Ohne den Ausbruch aus Denk- und Lebensgewohnheiten, so sein Fazit, sind gerechte Lösungen für den Klimawandel nicht zu haben. Er plädiert für andere Raum- und Verkehrsstrukturen, nicht für individuellen Verzicht, sondern für gesellschaftliche Brüche. Wie zum Beispiel mehr Faulheit als eine Form der Entschleunigung der Produktion.
Martina Backes

315 | Digitale Welten
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