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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 315 | Digitale Welten Parag Khanna: The Second World. Empires and Influence in the New Global Order

Parag Khanna: The Second World. Empires and Influence in the New Global Order

Penguin Books, London 2008. 496 Seiten, 9,40 Euro.

Scheitern an der Zweiten Welt

In der Zweiten Welt, so die Kernthese von Parag Khannas Buch The Second World, werde die Machtverteilung für das 21. Jahrhundert entschieden. Die Zweite Welt bestehe aus all den Ländern, die gleichzeitig über Merkmale der Ersten und der Dritten Welt verfügen wie etwa Brasilien, Iran oder Vietnam. Es seien Länder, in denen Armut und Wohlstand, rasante Entwicklung und perspektivlose Unterentwicklung Seite an Seite aufträten. Auf dem, was Khanna als »geopolitischen Marktplatz« bezeichnet, könnten sie sich eines der drei Imperien China, EU und USA als Partner wählen. Wegen ihrer wirtschaftlichen Dynamik und ihres Ressourcenreichtums beeinflussten die Länder der Zweiten Welt so den Kampf um die weltweite Vorherrschaft in entscheidendem Ausmaß.
Khannas Ansatz, eine enorme Anzahl von Staaten in Asien, Lateinamerika und Osteuropa zu untersuchen, ist an sich schon beeindruckend. Gleiches gilt für den beruflichen Werdegang des 1977 in Indien geborenen Autors, der in bedeutenden US-amerikanischen Think Tanks gearbeitet hat. Im vergangenen Jahr war Khanna als Ratgeber Barack Obamas tätig. Beste Voraussetzungen, um ein aus erster Hand informiertes Buch über die Geopolitik des 21. Jahrhunderts zu schreiben.
Doch The Second World enttäuscht. Das Buch ist über weite Strecken ein aus subjektiven Eindrücken zusammengebastelter Reisebericht. Khannas beliebteste Interviewpartner sind Taxifahrer, deren Aussagen als objektive Analyse präsentiert werden. Mit ihnen kommt er auf der Fahrt vom Flughafen zum Hotel ins Gespräch. Den Entwicklungsstand eines Landes bewertet er nach der Qualität der Straßen, auf denen er fährt. Die weiteren GesprächspartnerInnen gehören zumeist der kosmopolitischen Bildungselite der Zweiten Welt an. Wie problematisch dies ist, wird besonders bei den Ausführungen zur innenpolitischen Lage Ägyptens deutlich: Khanna befragt einen Menschenrechtsaktivisten, einen pro-demokratischen Politiker und eine Studentin. Hieraus entsteht das Bild einer von überzeugten DemokratInnen geprägten ägyptischen Gesellschaft. Es geht an der Realität vorbei.
Auch an anderer Stelle kommt man aus dem Staunen nicht heraus: Die politische Instabilität Lateinamerikas erklärt Khanna mit der »lateinamerikanischen Kultur«. Sie fördere Korruption und Verlogenheit. LateinamerikanerInnen seien zwar stolz, doch zeigten sie wenig Respekt für ihre Mitmenschen, wie Elend und ungezügelte Kriminalität verdeutlichten. Neben solchen Ärgernissen hapert es des Öfteren an sachlicher Richtigkeit: Chinas Engagement bei der UN Mission auf Haiti wird von Khanna als gleichwertig mit demjenigen Brasiliens dargestellt. Es dient als Indiz für den angeblich überall wachsenden Einfluss der Volksrepublik, der sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch zieht. Doch während Brasilien den Oberbefehlshaber der internationalen Truppe auf Haiti und mit mehr als 1.000 Soldaten das deutlich größte Kontingent stellt, nehmen lediglich 143 Polizei- und Zivilkräfte Chinas teil. An anderer Stelle bezeichnet Khanna das von einer alevitischen Elite beherrschte Syrien als »sunnitischen Staat wie Saudi Arabien«. Und die Bombardierung der chinesischen Botschaft in Belgrad wird auf das Jahr 1991 datiert (korrekt ist 1999).
Dank der sprachlich-stilistischen Fähigkeiten des Autors ist das Buch leicht lesbar. Und die Bandbreite der angesprochenen, geopolitisch zentralen Themen ist groß. Die Grundidee von The Second World mag zwar vorzüglich sein, doch ist Khanna an der Umsetzung gescheitert.
Sören Scholvin

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