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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 315 | Digitale Welten Perry Anderson: Nach Atatürk. Die Türken, ihr Staat und Europa

Perry Anderson: Nach Atatürk. Die Türken, ihr Staat und Europa

Aus dem Englischen von Joachim Kalka. Berenberg Verlag, Berlin 2009. 184 Seiten, 19.- Euro.

Britisch-türkisches Rätselraten

Die Türkei ist Vielen ein rätselhaftes Land. Rund vier Millionen Türken leben in anderen europäischen Ländern und wecken dort xenophobische Ängste vor einer Islamisierung. Dabei ist die türkische Republik der einzige laizistische Staat im Nahen Osten und in Europa (neben Frankreich). Die Wirtschaftskraft des Istanbuler Stadtteils Beyoglu dürfte höher liegen als die manch eines kleineren EU-Mitgliedsstaates, während große Teile des ländlichen Anatoliens eher an ein Dritte-Welt-Land erinnern. Seit 2002 regiert mit der AKP eine islamistische Partei, deren größtes Ziel es ist, ein Teil Europas zu werden. Sie betreibt die Demokratisierung des autoritären Staates stärker als alle kemalistischen Regierungen zuvor.
Der britisch-marxistische Historiker Perry Anderson ist mindestens so rätselhaft wie die Türkei. Er war lange Jahre Herausgeber der New Left Review, einer der wichtigsten Zeitschriften der Neuen Linken mit universal-marxistischem Blick. Er gilt als »Mick Jagger der New British Left« und lehrt nun Geschichte an der University of California.
Der Berliner Berenberg Verlag hat nun beide Rätsel zusammengeführt. Vergessene Geschichten, originelle Analysen und eben kleine Rätsel der Weltgeschichte sind die Spezialität dieses Kleinverlags. Nun stellt er drei Texte Andersons aus der London Review of Books über die Türken, ihren Staat und Europa dem deutschen Publikum vor.
Was war der Kemalismus für Anderson? Eine kulturelle Revolution ohne eine soziale, zudem eine vertikale Angelegenheit. Vor allem aber strukturell tief unaufrichtig: Der türkische Säkularismus war auch in den Augenblicken fieberhafter Erhitzung niemals wahrhaft säkular. Der Staat kontrollierte die Schulen und Moscheen. Religion wurde Staatssache und blieb trotz Unterdrückung konstitutiver Teil der Nation. Die AKP ist somit eine Erbin des Kemalismus und nicht ihr Widerpart. Sie ist postkemalistisch, nicht antikemalistisch. Der türkische Säkularismus war also nicht wirklich säkular, und – so möchte man hinzufügen – der türkische Islamismus ist nicht wirklich islamistisch, jedenfalls nicht wie der arabische. Nationalistisch bis zum Anschlag sind jedoch sowohl Kemalisten als auch Islamisten.
Nichtmuslimische Minderheiten haben diesen islamisch aufgeladenen türkischen Super-Nationalismus in der Geschichte immer wieder zu spüren bekommen, nicht nur die ArmenierInnen im Ersten Weltkrieg, sondern 1955 auch die griechischen EinwohnerInnen Istanbuls. Die Genozid-Frage ist für Anderson bei seiner Abrechnung mit dem Kemalismus besonders wichtig. Für ihn besteht kein Zweifel daran, dass es sich beim Massenmord an den ArmenierInnen um Ausrottung gehandelt hat, um den systematischen, staatlich organisierten Mord an einem Volk. Er sieht viele Ähnlichkeiten mit dem Holocaust und regt sich darüber auf, dass so viele an der Einzigartigkeit des Judenmordes festhalten. Der – gute – Grund seines Ärgers ist, dass Letzterer Gegenstand einer monumentalen, ehrfürchtigen, quasireligiösen Erinnerunskultur ist und Ersterer nur »ein Geflüster im Winkel, das kein Diplomat der EU duldet«. Andersons schlechte Begründung für diese Schieflage ist, dass die westlichen Verbündeten Israel und Türkei eine solche Geschichtsinterpretation verlangten.
Stark ist Anderson hingegen, wenn er europäische Fragen im globalen Kontext stellt. Vor allem die komparativen Aspekte überzeugen, schon weil sie jeglichen Orientalismus im Keim ersticken. Anderson arbeitet unentwegt Gemeinsamkeiten und Unterschiede heraus, zum Beispiel zwischen Kemals Herrschaft und anderen mediterranen Diktaturen seiner Epoche wie die Falangisten in Spanien; oder zwischen dem Militärputsch von 1980 und General Jaruzelskis Staatsstreich in Polen; oder zwischen Turgut Özals Wirtschaftsreformen der 1980er Jahre und dem Thatcherismus sowie den Reagonomics; oder zwischen der AKP und der CDU. Das sind ungewohnte Vergleiche, die manches Vertraute in neuem Licht erscheinen lassen.
Was ist nun britisch-marxistisch an Andersons Analyse? Sie stützt sich vor allem auf strukturelle Interpretationen. Regime erfüllen zum Beispiel ihre »historischen Aufgaben«. Die politische Entwicklung wird auf soziale Prozesse zurückgeführt: Weil es zum Beispiel keine explosiven Klassenkonflikte und keine radikale Bewegung zu unterdrücken gab, konnte die Türkei bereits 1950 (anders als das franquistische Spanien) eine Demokratie werden. Politische Herrschaftszyklen werden somit vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen beschrieben.
Und alles ist mit einem guten Schuss Antiimperialismus versetzt. Anderson ist sehr streng mit dem NATO-Mitglied und EU-Beitrittskandidaten, schon weil der Westen das Land immer als Frontstaat geschätzt hat: Im Kalten Krieg gegen den Kommunismus, heute gegen den Islamismus. Niemals darf darüber hinaus nach seiner Überzeugung ein Land von außen zu seinem Glück gezwungen werden, und eine gute Entwicklung verläuft immer von unten nach oben. Schließlich: Wenn etwas schief geht, wie in der ehemaligen britischen Kolonie Zypern, ist am Ende eine britische Labour-Regierung schuld, mehr als eine konservative oder die eines anderen Landes.
Jörg Später

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