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Editorial

Ende einer Dienststelle

Haben Sie schon mal im iz3w angerufen? Wenn ja, hatten Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit einen freundlichen jungen Mann an der Strippe. Falls Sie öfter mit uns telefoniert haben, werden Sie sich vielleicht gewundert haben, dass der junge Mann häufig wechselte. Doch das ist nun vorbei. Die Ära »Zivildienst im iz3w« ist zu Ende, der letzte ZDL bereits verabschiedet.
Den letzten Anstoß dazu gab die Entscheidung der schwarz-gelben Koalition, den Zivildienst auf nunmehr sechs Monate zu verkürzen. Eine Entscheidung, die gemischte Gefühle aufkommen lässt. Einerseits ist es erfreulich, dass der staatliche Zwang zum Zivildienst peu à peu abgeschafft wurde, zumal damit die Auflösung der Wehrpflicht einhergeht. Damit wird endlich wahr, wofür ganze Generationen von Pazifisten, Antimilitaristen und andere Staatsfeinde gekämpft haben. Und ehrlich gesagt, dem Bürokratie-Monster »Bundesamt für Zivildienst« trauern wir keine Träne nach. Nie wieder Dienstantrittsanzeige, Einstellungsuntersuchung, staatsbürgerlicher Unterricht, Heimschläfererlaubnis, Regelüberprüfung! Und vor allem: Nie wieder neue Dienstvorschriften in den Leitfaden einsortieren!!!

Andererseits weht uns doch ein Hauch von Wehmut an. Die »Zivis« sind uns in den letzten dreieinhalb Jahrzehnten einfach ans Herz gewachsen. Wie viele es genau waren, die hier bis zu 24 Monate lang Dienst schoben, lässt sich kaum rekonstruieren. Doch dürften es über 70 gewesen sein, waren im iz3w doch zeitweise bis zu drei Zivis gleichzeitig beschäftigt.
Damals Anfang der 1970er Jahre, als der Zivildienst noch »Ersatzdienst« hieß, hatte das iz3w zwei Jahre lang hartnäckig um die Anerkennung als Dienststelle kämpfen müssen. Man hatte Großes vor mit den jungen Leuten. In einem internen Schreiben kündigte ein Vorstandsmitglied an: »Ein Ersatzdienstleistender würde bei uns auch in direkte politische Aktionen eingespannt werden«. 1973 war es dann soweit: Ausgerechnet ein »Dr. Marschall« vom Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung erkannte die Aktion Dritte Welt als Einrichtung an, in der Ersatzdienst geleistet werden kann.
Die hochfliegenden Pläne für politische Aktionen relativierten sich rasch, die Zivis übernahmen vielmehr einen erheblichen Teil der alltäglichen Verwaltungstätigkeiten. Das Bundesamt sah das nicht gerne, und ab 1987 durften die ZDL nur noch »Hausmeister« sein. Ein neues Aufgabenprofil musste für sie erstellt werden. Auf dem Dienstplan standen jetzt 1,5 Wochenstunden für »Blumenpflege« sowie 2 Stunden für die »Reparatur und Wartung des Dienstfahrrades«. Letzteres zeigte aufgrund der häufigen Polituren bald erhebliche Abnutzungserscheinungen und musste ständig repariert werden ...
Unerwartete Aufregung in die Sache mit dem Zivildienst kam im Jahr 1990. Ein junger Mann, der sich für eine Zivildienststelle im iz3w beworben hatte, stieß in der »konkret« auf eine Anzeige der Kampagne »Waffen für El Salvador«. Ihm missfiel, dass diese Kampagne zugunsten der FMLN unter anderem von den »Blättern des iz3w« getragen wurde. Er beschwerte sich bei seiner künftigen Dienststelle: »Für mich ist es unvereinbar, auf der einen Seite Kriegsdienst hier in der Bundeswehr zu verweigern und auf der anderen Seite (indirekt) eine Guerillaarmee zu unterstützen.« Der Brief des erbosten Pazifisten endete mit der Ankündigung, das Bundesamt zu bitten, dem iz3w die Bewilligung für die Zivildienststellen zu entziehen.
Das Bundesamt reagierte prompt und verlangte eine Stellungnahme, ob das Gebot der politischen Neutralität gewährleistet sei. Die bauernschlaue Antwort des Vorstands: »Die angesprochene Anzeige wurde von der Redaktion der Zeitschrift der ‘Blätter des iz3w’ unterstützt und nicht von der Aktion Dritte Welt. Die Zivildienstleistenden arbeiten jedoch bei der Aktion Dritte Welt«. Woraufhin sich der zuständige Sachbearbeiter im Bundesamt gedacht haben muss: »Verarschen kann ich mich selbst.« Und äußerte die nicht unzutreffende Vermutung, dass ein »Zusammenhang zwischen der Aktion Dritte Welt und der Zeitschrift der ‘Blätter des iz3w’ besteht«. Schließlich habe man das seinerzeit selbst gegenüber dem Bundesamt kundgetan, als es um die Bewilligung der Stellen ging.
Nun kam der Rechtsanwalt des iz3w ins Schwitzen. Er schlug vor, die Sache so darzustellen: Die Redaktion sei »aus dem Ruder gelaufen«, werde aber zukünftig durch ein Redaktionsstatut an die Kandare genommen. Das Bundesamt akzeptierte gnädigerweise, und seither ist die Zeitschrift politisch total neutral und die Redaktion auf Kurs.

Bye, bye, liebe Zivis. Uns bleibt ein letztes Dankeschön. Nicht nur weil ihr unseren Alterdurchschnitt deutlich gesenkt habt und ihr alle Vorurteile über die angeblich unpolitische junge Generation widerlegt habt. Sondern auch, weil eure gelegentlich radikale Systemopposition gegen das Aboverwaltungsprogramm uns zu Reformen zwang. Von denen nun Wolfgang Albrecht und Friedemann Köngeter profitieren, die eure Aufgaben übernommen haben. Die beiden sind nicht mehr ganz so jung, aber genauso freundlich wie die Zivis. Rufen Sie doch mal an und überzeugen sich selbst!

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