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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 316 | Südafrika abseits der Fußball - WM Editorial zum Themenschwerpunkt

Editorial zum Themenschwerpunkt

Zwischenstopp am Kap

Südafrika glitzert und glänzt. Ob auf Webseiten oder in der internationalen Presse: Die Stadien leuchten golden, und die Lichter entlang der Zufahrtsstraßen verleihen dem digitalen Bilddatenstrom Hochglanz. So war es geplant, und so wird es ausgeführt. Streiks, die sich gegen prekäre und teils gefährliche Arbeitsbedingungen auf den Großbaustellen richteten, waren hingegen nicht geplant – und sind bei einer Bildersuche kaum mehr zu ermitteln.

Im Wetteifern um Superlative steht die Kaprepublik anderen Gastgeberländern sportlicher Großereignisse nicht nach: Sogar größer und schöner als in Deutschland seien die Stadien für die Fußballweltmeisterschaft geworden, schrieb jüngst die Süddeutsche Zeitung. Allerdings gibt es da eine kleine Nuance. Deutschland kümmerte sich ganz allein um seine Stadien, Südafrika tut das mit deutscher Hilfe. Das Lob der SZ für den Liebling auf dem afrikanischen Kontinent ist, schaut man genau hin, Selbstbestätigung der eigenen architektonischen Leistung. Auch unter erschwerten Bedingungen wie in Südafrika sind deutsche Architekturbüros in der Lage, Meisterwerke zu erbauen.

Einige der Glanzobjekte liegen nur einen Steinwurf weit entfernt von dem Teil Südafrikas, den es deswegen gibt, weil es die Apartheid gab. Die Townships entlang der Zufahrtsstraßen gehören zu den Orten, von denen Superlative anderer Art zu berichten sind: abgestellte Wasserhähne und Stromleitungen, zerstörte Hütten, polizeiliche Willkür. In diesem Südafrika ist für die große Mehrheit der BewohnerInnen so ziemlich alles prekär: Wohnen, Gesundheit, soziale Sicherheit – und für viele Zugezogene aus den angrenzenden Ländern zudem der Aufenthaltsstatus. Die Zusammenhänge dieser Parallelwelten bleiben in aller Regel für die BetrachterInnen unsichtbar. Wenngleich die »(Non)-Whites Only«-Schilder fehlen, die Grenzen aus dieser Zeit sind überall vorhanden, sozial wie räumlich.
Die gesellschaftliche Modernisierung der Kaprepublik spielt sich dennoch nicht in den Stadien ab. Tatsächlich sind es die Townships, aus denen heraus erkämpft wird, was sich die Menschen vom Ende der Apartheid versprochen hatten: Keine Diskriminierung, gleiche Rechte, demokratische Verfahren, legale Rechtssprechung und am Ende ein gutes Leben. So wurde letzen Oktober nach einer langen Reise durch die gerichtlichen Instanzen ein Paragraf des Slum Acts vom südafrikanischen Verfassungsgericht als ungültig erklärt. Die Klage hatte Abahlali baseMjondolo, die Shackdwellers’ Bewegung aus Durban, eingereicht. Es geht um Paragraph 16, demgemäß die Stadtverwaltungen »verpflichtet« waren, so genannte illegale Siedlungen gewaltsam zu räumen, wenn die Landbesitzer dies nicht selber erledigten. Auch die private Kontrolle über die Versorgung mit Strom und Wasser wird inzwischen am Obersten Gericht verhandelt. Die Gerichtsmühlen mahlen allerdings langsam und sind teuer.
Im Gegensatz zur Trägheit gerichtlicher Verfahren steht die kurz entschlossene Einsatzbereitschaft von Polizei und Militär, die erst kürzlich 112 Personen in Gauteng festnahmen, teilweise wegen Vergehen wie Trunkenheit beim Spazierengehen.

Die Fußball-WM wird in Europa Anlass dafür sein, über Südafrika 15 Jahre nach der Apartheid erneut Bilanz zu ziehen. Dabei ist die Zeit zwischen damals und heute für die vielen SüdafrikanerInnen, die seither ununterbrochen und mitten in den täglichen Kämpfen für den Abbau der Ungleichheit leben, von unerfreulichen Kontinuitäten gezeichnet. Statt in post-aparter Manier Bilanz zu ziehen, möchte unser Dossier ein paar Baustellen aufzeigen, die sie fertig gestellt oder auch noch vor sich liegen haben.

die redaktion

316 | Südafrika abseits der Fußball - WM
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