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Najem Wali: Reise in das Herz des Feindes

Ein Iraker in Israel. Aus dem Arabischen von Imke Ahlf-Wien. Hanser Verlag, München 2009. 240 Seiten, 17,90 Euro.

Zwischen Zion und Babylon

Im Frühjahr 1967 unternahm Jean-Paul Sartre eine viel beachtete Reise in den Nahen Osten. Der politisch engagierte Intellektuelle hatte zu Beginn des Jahrzehnts ein legendäres Vorwort zu Frantz Fanons Die Verdammten dieser Erde beigesteuert, in dem er die antikoloniale Gewalt legitimierte. Für antikoloniale arabische Intellektuelle schien er damit zum natürlichen Verbündeten im Kampf gegen den Imperialismus prädestiniert zu sein. Entsprechend erwartungsvoll sahen sie seinem Besuch in Kairo entgegen. Und umso enttäuschter reagierten sie, als sich Sartre einer Verurteilung des Zionismus verweigerte, anschließend auch Israel besuchte und schließlich im Sommer des Jahres während des so genannten Sechs-Tage-Krieges offen Partei für den jüdischen Staat ergriff. Fortan galt der Existentialphilosoph als Persona non grata, als Verräter. Bei einer Neuauflage von Fanons Klassiker bewirkte dessen Witwe, dass Sartres Vorwort nicht mehr aufgenommen wurde.
Während Sartres Besuch in Kairo und Tel Aviv war Najem Wali gerade mal zehn Jahre alt. Er lebte damals im irakischen Basra und kann sich noch gut daran erinnern. Arabische Intellektuelle seiner Couleur hätten sich damals und in den Jahren nach Sartres »Verrat« gefragt, »ob wir den existentialistischen Weg weiterverfolgen oder ihn – wegen Sartres proisraelischer Haltung – aufgeben sollen?« Walis Antwort war dezidiert: »Ich fühlte mich seinerzeit trotz meines jungen Alters verpflichtet, dieser Aufforderung nachzukommen, weil kein anderer als er meine Neugier in die richtige Richtung lenkte: mit dem anderen, dem ‚Andersartigen’ zu reden.« Die erste existentialistische Wahrheit sei: »Es gibt keinen Frieden, ohne unmittelbar mit dem anderen zu sprechen und seine Lebensweise kennenzulernen.« Fast folgerichtig machte sich Wali rund vierzig Jahre nach Sartre auf den Weg ins »Feindesland« – nun von Deutschland aus, wo er seit 1980 lebt und sich einen Namen als Schriftsteller und Kolumnist erarbeitet hat.
Mit der Muttermilch lernt jedes Kind in der arabischen Welt, dass der jüdische Staat die immerwährende Wunde sei und das Palästinaproblem der Kern aller Missstände. Für Wali wird umgekehrt ein Schuh daraus: »Der Stillstand, der Verfall und die Verwüstung der arabischen Gesellschaften hängen nur in einer Hinsicht mit dem arabisch-israelischen Konflikt zusammen: Der Frieden mit Israel wäre das Ende des Opiumrausches, mit dem die arabischen Herrscher, diese Könige und Militärs, ihre Völker betäuben.« Das ist eine wahre linke Vision, wie sie Sartre nicht besser hätte proklamieren können – nur leider wahrscheinlich auch eine Illusion, denn der Knecht braucht gewöhnlich den Feind genauso zum unglücklichen Leben wie der Herr. In jedem Fall aber ist jener Hochverrat, den Wali mit seiner Reise ins Herz des Feindes beging, eine subversive Tat, ohne die die bleiernen Verhältnisse niemals ins Tanzen kommen.
Während der dissidente politische Intellektuelle Sartre in »das Feindesland« reiste, so reiste Najem Wali in »das Land« – so nannten die aus dem Irak stammenden Juden Israel, die nach dem Putsch der »freien Offiziere« unter General Abdel Karim Qasim in Bagdad im Sommer 1958 ihre alte Heimat verlassen mussten und nach Israel flüchteten. Der bestimmte Artikel und damit ein exzeptioneller Status ist Israel somit immer gewiss, aber Walis Perspektive unterscheidet sein Reisebuch von vielen anderen, die über ihre Fahrten ins heilige Land der blutrünstigen Götter schreiben. Er suchte die VerräterInnen, die AußenseiterInnen und die AußenseiterInnen unter den AußenseiterInnen. Darunter sind israelisch-arabische KommunistInnen, DrusInnen, verratene VerräterInnen wie die ehemaligen Angehörigen der Südlibanesischen Armee, die sich nach dem Abzug der Israelis im Jahr 2000 in Israel niederließen. Wali wird angezogen von den »Brüdern im Leid« – von der jüdischen Passion für den Irak und von irakischen Juden zwischen den Ländern. Der exilirakische Schriftsteller fand in Israel die Wehmut und begab sich auf die Suche nach der verlorenen Zeit: »An den Flüssen von Zion, da sitzen wir ... und gedenken deiner, Babylon.« Er spürte alte Wunden auf, durchlebte die Schmerzen erneut, versorgte sie. Auch die »verlorene Zeit« Israels interessierte Sartres Nachfahren: die Welt der Kibbuzim, die untergegangene Gesellschaft der Solidarität und des Sozialismus.
Walis Beobachtungen und Schilderungen sind voller Empathie, das genaue Gegenteil der kaltschnäuzigen nationalistischen pseudorevolutionären Phrasendrescherei, die man von vielen arabischen Intellektuellen und WiderstandspoetInnen seit Jahrzehnten gewohnt ist. Sein Buch ist ein Plädoyer für Toleranz und die Anerkennung von Verschiedenheit. Es empfiehlt Streit statt Harmonie, Differenz statt Konsens, Kritik statt Affirmation. Gleichzeitig ist das Buch zu vernünftig, um wahr zu sein. Was für Wali zählt, ist der Lebensstandard und das Niveau an Rechten und Freiheiten. In diesem Lichte geht es wahrscheinlich den AraberInnen in keinem Land des Nahen Ostens besser als in Israel. Leider geht es in der Palästinafrage ebenso um Identität und historische Rechthaberei – allesamt weitgehend vernunftresistente Felder.
Früher hieß es, die Lösung der Palästinafrage sei der Schlüssel zur Lösung aller anderen Probleme der Region. Seit 2003 glauben manche, in der Lösung des Irakproblems liege der Schlüssel zur Lösung aller anderen Probleme im Nahen Osten. Es ist Zeit, die Schlüssel abzugeben. Die permanente Angst vor dem Krieg – in Israel, nicht anders als im Irak oder einem anderen Land im Nahen Osten – ist die condition humaine. »Feindesland« ist überall.

Jörg Später

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