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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 317 | US-Außenpolitik in alten Mustern Matthias Küntzel: Die Deutschen und der Iran

Matthias Küntzel: Die Deutschen und der Iran

Geschichte und Gegenwart einer verhängnisvollen Freundschaft. WJS-Verlag, Berlin 2009. 320 Seiten, 22,00 Euro.

Immer wieder Siemens

Ausgangspunkt des neuen Buches von Matthias Küntzel über Die Deutschen und der Iran war die Irritation, die ein Erlebnis auf der Frankfurter Buchmesse 2005 auslöste. Iranische Buchhändler überreichten dem Hamburger Publizisten dort freundlich lächelnd ein Exemplar des antisemitischen Machwerks »Die Protokolle der Weisen von Zion«. Eine Woche später hielt Ahmadinejad seine berüchtigte Rede, in der er angekündigt haben soll, Israel von der Landkarte radieren zu wollen. Überrascht war Küntzel weniger von diesen an Khomeini anknüpfenden Worten, sondern vom Ausbleiben massenhaften Protests. Gerade mal 60 Personen nahmen an einer Kundgebung vor dem iranischen Konsulat in Hamburg teil. Und die deutsche Wirtschaft samt der deutschen Außenpolitik? Business as usual: Deutsche Firmen machten weiterhin emsig Geschäfte mit dem Iran, man suchte den »Dialog« mit den Mullahs und beließ es bei einigen verbalen Missfallensbekundungen bezüglich des Atomprogramms. Die linke und grüne Opposition in Deutschland verteidigte derweil das Recht des Irans auf Atomanlagen und verwahrte sich gegen die Einmischung durch UNO, USA oder andere Staaten.
Zu Recht fragt sich Küntzel: »Woher kam jener Überschuss an Wohlwollen, der Teheran, bei allem, was es machte, entgegenschlug?«. Waren es die Geschäftsinteressen der deutschen Wirtschaft oder allgemeine geostrategische Interessen, Stichwort Öl? Beides reicht laut Küntzel nicht aus, um das enge Verhältnis zu begründen. Was Deutschland von anderen westlichen Staaten maßgeblich unterscheide, seien weniger die gegenwartsbezogenen Aspekte, sondern die »unsichtbare Vergangenheit« der deutsch-iranischen Beziehungen, deren »historisches Kontinuum«.
Gibt es also einen deutsch-iranischen Sonderweg? Küntzel präsentiert zahlreiche Fakten, die diesen Eindruck untermauern. Die gemeinsame Geschichte begann Ende des 19. Jahrhunderts, als das junge deutsche Kaiserreich sich um intensive Beziehungen zu Persien bemühte, zunächst vor allem im wirtschaftlichen Bereich. Nicht zufällig reiste etwa Johannes Georg Siemens nach Persien – der Mitgründer jenes deutschen Konzerns, der bis heute im Iran aktiv ist und unter anderem Technologie zur Überwachung der Oppositionsbewegung lieferte.
Unter jungen persischen Intellektuellen galt es zu Beginn des 20. Jahrhunderts als modern, prodeutsch zu sein, war das Deutsche Reich doch Gegner jener Mächte, von denen Persien sich bedroht sah: Großbritannien und Russland. Über die gemeinsamen wirtschaftlichen und machtpolitischen Interessen hinaus kam aber zunehmend ein weiteres Motiv zum Tragen: Die Islam-Sympathie weiter Teile der deutschen Elite und das damit verbundene romantische Motiv, die als »unverfälscht« wahrgenommene vormoderne Welt zu idealisieren. In Persien glaubte man einen geistesverwandten Verbündeten gegen den verhassten Westen gefunden zu haben.
Die beiderseitige Sympathie überstand bis heute all jene Entwicklungen, die eigentlich für eine deutliche Abkühlung der deutsch-iranischen Beziehungen hätten sorgen müssen: Erster Weltkrieg, Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg, Schah-Regime, Islamische Revolution und schließlich die erneute Radikalisierung unter Ahmadinejad. Im Iran wurden von erheblichen Teilen der Bevölkerung erst der Kaiser, dann Hitler als »Befreier« verehrt. Hitler galt sogar als der »Zwölfte Imam« und wurde von schiitischen Scheichs als Nachkomme Mohammeds bezeichnet. Zwar stellte sich der Iran im Zweiten Weltkrieg nie ganz offen auf die deutsche Seite. Doch es gab eine starke prodeutsche Bewegung und eine enge inoffizielle Zusammenarbeit, die erst durch den Einmarsch Russlands und Großbritanniens erschwert wurde.
Mit seiner historischen Spurensuche verfolgt Küntzel keineswegs rein wissenschaftliche Zwecke. Im Gegenteil, er schrieb ein im engeren Sinne politisches Buch, denn er will erklärtermaßen Einfluss nehmen auf die deutsche Iranpolitik. Er sieht zwei Alternativen: Die zahlreichen Verbindungsstränge zwischen Teheran und Berlin könnten entweder »Sicherungsnetz für die gegenwärtige Politik der iranischen Machthaber« sein oder aber »Druckmittel, um den Kurs Teherans zu ändern«. Als Beispiel für den Einfluss Deutschlands führt Küntzel die iranische Abhängigkeit von deutscher Technologie an, die seit den 1920er Jahren bestehe und die auch heute nicht ohne weiteres durch russische oder chinesische Ersatzlieferungen aufgehoben werden könne.
Die Proteste der iranischen Bevölkerung seit Juni 2009 gegen das Regime begrüßt Küntzel als »potentiellen Wendepunkt«. Jedoch habe sich »die gefährlichste Gruppe innerhalb des islamistischen Systems an die Macht geputscht«. Die Gefahr nuklearer Abenteuer sei daher gestiegen. Daraus folgt für ihn: »Die Unterbindung der iranischen Bombe ist ein kategorischer Imperativ unserer Zeit«. Auf Grundlage dieses Befundes kritisiert Küntzel einflussreiche Berater der deutschen Außenpolitik, wie Volker Perthes, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, und dessen Vorgänger Christoph Bertram. Ersterer verharmloste die iranische Atombombe als »Instrument zur Wahrung der nationalen Interessen der Islamischen Republik«. Letzterer empfahl im August 2009, ein »neues kooperatives Verhältnis zu Teheran zu suchen, ganz gleich, wer dort regiert«.
Küntzel argumentiert in sich schlüssig, und schon rein sprachlich ist seine Darstellung an Klarheit kaum zu überbieten. Das zeichnet sie aus gegenüber vielen anderen Publikationen zum Iran, die sich lieber nicht so genau festlegen wollen. Ein Manko ist, dass Fakten, die seinen Thesen widersprechen, von Küntzel unterbelichtet werden. Beispielsweise kommt die Kritik, die dem Mullah-Regime seit 1979 durchaus auch aus Deutschland entgegenschallt, und zwar aus ganz verschiedenen politischen Lagern, bei ihm kaum vor. Der behauptete »diffuse Allparteienkonsens« ist nicht so umfassend, wie Küntzel es dramatisierend darstellt. Sein Buch ist der beste Beweis dafür. Was allerdings bislang tatsächlich fehlt, ist eine konsequente Umorientierung der deutschen Iranpolitik inklusive ihrer zivilgesellschaftlichen Komponente: Unterstützung der demokratischen Opposition statt Dialog mit dem Regime. Dafür stehen die Chancen derzeit besser denn je.

Christian Stock

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