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Editorial zum Themenschwerpunkt

Alte und neue Grenzregimes

Manchmal sind Grenzen notwendig. Man muss sich im städtischen Leben von Reizen abgrenzen und das Private vom Öffentlichen. Man kann seine eigenen Grenzen ausweiten oder akzeptieren, abschaffen geht nicht. Eine allgemeine Grenzenlosigkeit gibt es wohl nicht. Aber in diesem Heft geht es um eine spezifische, historische Grenze: Die alt-bekämpfte Landesgrenze im Raum und in den Köpfen. Ihre Wirkungsmacht hat sie nicht verloren – nur sieht man sie mitunter nicht mehr. Über die ehemalige Feindesgrenze zwischen Deutschland und Frankreich fahren heute Leute hin und her, nur um schnell ein Baguette zu holen. Dort, wo früher ein Schlagbaum war, nimmt man nur noch ein wenig den Fuß vom Gaspedal. Der Raum auf dieser Fahrt ist allerdings von unsichtbaren Grenzen durchzogen, die die Einen beschränken und die für die Anderen unbemerkt bleiben.

Mit den falschen Papieren und dem falschen Aussehen wird man am Autobahnrastplatz in diesem Grenzgebiet mit einiger Wahrscheinlichkeit kontrolliert und landet dann, und das kann noch Glück im Unglück sein, für Monate und Jahre in einem deutschen Flüchtlingsheim. Dieses ist mit einem sichtbaren Zaun umgrenzt und die BewohnerInnen unterliegen einer unsichtbaren Residenzpflicht, der zufolge sie den Landkreis nicht verlassen dürfen. Der Lebensunterhalt ist auf Sozialsätze limitiert, die unter dem nominalen Existenzminimum liegen. Die Arbeitsmöglichkeiten sind auf null und die gefühlte Perspektive bald auf keine begrenzt. Nach einer Weile verinnerlichen auch ehemalige Bessergestellte die sozialen und symbolischen Grenzen gegenüber dem normalen Alltagsleben: Ein Theater zu betreten, ja, allein daran zu denken, liegt bald jenseits der Vorstellung.
In der EU geschieht das, was mit dem historischen Konstrukt der Grenze seit ihrem Anfang geschieht: Sie wird aufgelöst und neu gezogen. Die Beschränkung der Ausgeschlossenen wird möglichst nicht thematisiert. Man habe in der EU ja eine solche Freizügigkeit. So werden die neuen und weiter bestehenden Grenzlinien klein geredet oder sogar als Kulturgut gepriesen. Ständig redet man vom Europäischen Film oder von Europäischer Diplomatie so schwärmerisch, als sagte man Coq au vin. Es sei an die intellektuellen Grenzen erinnert, die solche Wir-Konstruktionen nie überschritten haben und bei der europäischen Identität auch nicht überschreiten werden. Michael Jeismann schrieb in seiner Studie über das nationale Bewusstsein von Deutschland versus Frankreich, »man wird sich das, worauf sich ‚Nationalempfinden’ stütze, gar nicht einfach genug vorstellen dürfen: einige Namen (Napoleon, Blücher, etc.), einige Schlachten und vor allem ein kleiner, aber vielfach tradierter Set von Eigenschaftsbestimmungen, mit deren Hilfe man sich als ‚Franzose’ im Gegensatz zum ‚Deutschen’ oder vice versa verstehen konnte.« Zack, geschieden. Seien es Linien in der Landschaft, Kontrollzonen, soziale, symbolische, ethnische, nationale, religiöse, regionale oder sonst welche Grenzen: Nie werden hier Gedanken verfeinert, nie das Leben verbessert.

Ein ernstes Problem der begrenzten Welt sind die hohen Zahlen an Menschen, die den Grenzen auch heute zum Opfer fallen. Um die Grenzen zwischen der armen und der reichen Hemisphäre zu überwinden sterben tausende Menschen schon bei dem Versuch, die Außengrenzen Europas zu überwinden. Und es sind immer gleich Tausende, wenn man über die Opfer der ethnischen Grenzziehungen in Ex-Jugoslawien spricht, oder über die Opfer der Landkonflikte im Sudan (siehe Seite 29).
Der Themenschwerpunkt folgt der Frage, wie sich über Grenzen die so genannte Herkunft konstituiert und wie sie sich sogar in kritisch gemeinten Debatten um Migration oder Kolonialismus festigt (S.19). Und er fragt danach, wie sich die Binnengrenzen der EU zu einem Kontrollregime in der Fläche transformieren, das für unliebsame MigrantInnen weniger die Einreise, als das alltägliche Leben in der EU verunmöglicht (S.24). Umgekehrt legt beispielsweise der marokkanische Staat seinen EmigrantInnen, die nach Europa gehen, nahe, dass sie immer MarokkanerInnen bleiben sollen (S.28). Das erinnert fast an die Aussage des türkischen Premiers Tayyib Erdogan, dass Assimilation ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit sei. Um die Wünsche der Betroffenen schert sich dabei niemand. Im Sudan überformt die Grenze zwischen arabisch identifizierten und afrikanischen Bevölkerungen kleinteiligere Landkonflikte. Eine zukünftige Grenze zwischen Nord- und Südsudan wird die Probleme kaum lösen, sondern eher neue Sezessions- und Vertreibungsfeldzüge nach sich ziehen – wenn die alten Grenzziehungen nicht zivilgesellschaftlich entschärft werden. Der Iran inszeniert sich als global orientierte Republik, dessen Fokus, die Umma, die islamische Gemeinschaft, keine Grenzen kennt (S.34). Aber es gibt kaum eine schärfere Grenzziehung, als die, die extreme Gläubige zwischen ihrer Religionsgemeinschaft und den Anderen ziehen. Den Themenschwerpunkt beschließt der Blick in das kommunistische Nordkorea (S.35) – für ‚No Borders’ gibt es jedoch keine Spur: Das braun-rot gewandete Völkchen hinter seinen dicken Mauern hat den geringsten Ausländerteil weltweit und ist in seiner ‚Reinheit’ recht sonderbar geworden.

die redaktion

318 | Alte und neue Grenzregimes
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