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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 318 | Alte und neue Grenzregimes Moderne Nostalgie- Die neue HafenCity in Hamburg würdigt den Geist des Kolonialismus

Moderne Nostalgie- Die neue HafenCity in Hamburg würdigt den Geist des Kolonialismus

von Anke Schwarzer

Die Stadt Hamburg gibt sich gerne weltoffen. Die Label »kolonial« und »überseeisch« scheinen untrennbar dazu zu gehören. Und so wird ein Hotel im Kolonialstil gebaut, ein »Colonialwarenmarkt« ins Leben gerufen und eine Straße auf den Namen »Am Kaiserkai« getauft. In der neuen HafenCity schlägt Hamburgs koloniales Herz besonders laut. Dort gibt es Geschichtsbewusstsein von vorgestern für die Stadt von morgen.

Das ehemalige Hafengebiet, wo derzeit die neue HafenCity gebaut wird, ist eine der größten Baustellen Europas. 5.000 Wohnungen und Büros für 40.000 Arbeitsplätze sollen dort entstehen, ergänzt durch zehn Kilometer Kaipromenade, eine U-Bahn-Linie, die HafenCity-Universität, die kostenträchtige Elbphilharmonie, das Science-Center und ein Terminal für Kreuzfahrtschiffe. Die HafenCity preist sich als modern und umweltbewusst. Doch der neue Stadtteil ist autoorientiert, und ursprünglich hatte man Schule und Kita vergessen. Vor allem aber macht das geplante Hamburg Cruise Center der Öko-Bilanz einen Strich durch die Rechnung: Kreuzfahrtschiffe verursachen durch Müllverbrennung, Stromverbrauch und schwefelhaltigen Treibstoff riesige Mengen an Schadstoffen. Der Zeit hinterher hinken aber insbesondere die neuen Straßen- und Gebäudebezeichnungen. Private Investoren, der Senat, der Bezirk Mitte und die HafenCity Hamburg GmbH arbeiten Hand in Hand daran, Kaiserkult und Kolonialflair zu verbreiten. Und so kann man »Am Kaiserkai« selbst gemachten Kuchen im Café »KaiserPerle« verzehren. Im »Überseequartier« hat ein holländisch-deutsches Investorenkonsortium den Gebäuden die Namen ehemaliger Kolonien und Kolonialwaren wie Kaffeesorten, Hölzer und Textilien verpasst. Die Bauten heißen »Java«, »Arabica« und »Pacamara«. Eine Ladenpassage trägt den Namen »Cinnamon«, ein Einkaufzentrum heißt »Palisander« und im »Silk« ziehen Büros ein. An der Überseeallee steht das Gebäude »Linnen«, weitere Häuser heißen »Virginia«, »Ceylon« und »Sumatra«. Tatjana Schildt, Sprecherin des Konsortiums, weist darauf hin, dass an diesen Orten die »Frachten aus Übersee« gelöscht wurden und deshalb an sie erinnert werden soll.
Mehrere Plätze tragen die Namen von Eroberern. Es gibt einen Marco-Polo-Tower mit Luxuswohnungen, Magellan- und Marco-Polo-Terrassen und am Kaiserkai den Vasco-da-Gama-Platz. »Diese drei Entdecker bzw. Handelsreisenden stehen symbolisch für die Erkundung neuer Erdteile und Handelswege«, heißt es aus der Kulturbehörde. Der Geschäftsführer der HafenCity Hamburg GmbH, Jürgen Bruns-Berentelg, lobt: »Die Internationalität und der Pioniergeist der Entdecker bringen die Bedeutung dieser Orte für die HafenCity hervorragend zur Geltung.« Und Kultursenatorin Karin von Welck sagt: »Ich freue mich sehr, dass das Westgebiet mit den ersten drei Namensgebungen eine so geschichtsträchtige Identität erhält. Straßennamen prägen und gestalten eine Stadt. Sie bilden auch Stadtgeschichte ab und können – wie in diesem Fall – besondere Impulse für die Zukunft geben.« Welche Impulse das koloniale Flair wohl gibt? Was für die einen Internationalität bedeutet, lässt andere an Zwangsarbeit, Plünderung von Rohstoffen und Plantagenwirtschaft denken.
Bei den Namensgebungen in der Hafencity bedient sich der Senat derselben historischen Vorbilder, wie es die Erbauer der Speicherstadt vor über 120 Jahren taten, zur Blütezeit des Deutschen Kolonialismus. Damals, 1888, erhielten Vasco da Gama und Magellan auf der Kornhausbrücke Denkmäler. Das entsprach dem aggressiven Zeitgeist des wilhelminischen Kaiserreichs, das nach Seemacht und Kolonien strebte. Hamburger Kaufleute wie Heinrich Carl Schimmelmann (1724-1782), Cesar Godeffroy (1813-1885) und Adolph Woermann (1847-1911) zählten zu den Global Playern des deutschen Kolonialismus. Die zahlreichen kolonialen Bezüge in Hamburg reichen also weiter zurück als in die Zeit reichsdeutscher Kolonialherrschaft, die im Jahr 1884/85 begann, und sie führen bis hinein in die Gegenwart. Bis heute werden sie jedoch vom »offiziellen« Hamburg und von der Hamburg Marketing GmbH verdrängt, verklärt oder gar nostalgisch als »Marke« wiederbelebt. 2006 hatte die Stadt sogar einem Sklavenhändler ein Denkmal gesetzt – und es erst nach Protesten wieder abgebaut.
Ja, Straßennamen prägen eine Stadt und drücken ein bestimmtes Geschichtsbewusstsein aus. Und so ist es kein Zufall, dass es bis heute keinen Ort postkolonialen Gedenkens in Hamburg gibt. Keine Straße, kein Denkmal, kein Platz ist der Erinnerung an die Opfer des Kolonialismus und an die FreiheitskämpferInnen gewidmet. Seit vielen Jahren protestieren das Eine Welt Netzwerk Hamburg, Kunstschaffende, Menschen aus der Black Community und das Projekt hamburg-afrika.de vergeblich gegen diese einseitige Geschichtsvergessenheit und die imperialen Namen im Stadtraum.
Derweil ehrt der Senat »Entdecker« und blendet dabei aus, dass diese Männer als Eroberer aufbrachen. Mit ihnen begann das Zeitalter von Kolonialismus und Sklaverei auf der südlichen Halbkugel, dessen Folgen bis heute anhalten. Hamburg, das als Hafenstadt Jahrhunderte lang von Europas kolonialer Expansion profitierte, sollte eigentlich eine Vorreiterrolle in der selbstkritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit spielen. Bisher ist das Gegenteil der Fall.

Anke Schwarzer ist Journalistin und arbeitet beim Eine Welt Netzwerk Hamburg.

318 | Alte und neue Grenzregimes
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