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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 318 | Alte und neue Grenzregimes Jens Erik Ambacher/ Romin Khan (Hg.): Südafrika – Die Grenzen der Befreiung

Jens Erik Ambacher/ Romin Khan (Hg.): Südafrika – Die Grenzen der Befreiung

Assoziation A, Berlin/ Hamburg 2010. 263 Seiten, 16 Euro.

Die Phase euphorischer Hoffnung auf ein gutes Leben für alle ist vorbei. Immer häufiger wird Südafrika mit dem Begriff Post-Apartheid-Gesellschaft charakterisiert. Das doppeldeutige »Post« beinhaltet zum einen die Altlasten eines psychologisch und institutionell tief ankernden Rassismus, zum anderen die neuerlichen Formen der Ausgrenzung und Ausbeutung entlang rassistischer Kategorien sowie Klassen- und Geschlechtsidentitäten. Die einstige Solidaritätsbewegung gibt sich inzwischen enttäuscht über das Scheitern der Rainbow-Nation. Ihre Vorwürfe an die südafrikanische Regierung lauten meist, die von der internationalen Gebergemeinde überstülpte neoliberale Politik und die ökonomische Durchdringung aller Lebensbereiche akzeptiert zu haben. Es bleiben wenige, die am Potenzial südafrikanischer sozialer Bewegungen festhalten. Gegen diese Mattigkeit gibt es ein wirksames Mittel: Das Buch Die Grenzen der Befreiung. So haben Jens Erik Ambacher und Romin Khan ihren Sammelband über Südafrika genannt, in dem hauptsächlich südafrikanische AutorInnen die gesellschaftlichen Prozesse beschreiben, die das Land in Bewegung halten. Die Herausgeber bieten eine mitreißende Analyse, indem sie die machtpolitischen und psychologischen Abgründe und Widersprüchlichkeiten der sozialen Kämpfe ausbuchstabieren lassen. Dadurch gelingt es, die verflochtenen Verhältnisse darzustellen, in denen die Versuche der Überwindung von race & class & gender ständig zurückgeworfen werden.
Dass selbst augenscheinlich entgegen gesetzte Schlussfolgerungen in dem Buch Platz finden, ist eine Bereicherung. Dale McKinley merkt an, dass es ein Fehler gewesen sei, die Möglichkeit eines nicht-rassistischen Kapitalismus nicht mitzudenken. Greg Ruiters zeigt demgegenüber, wie ein neoliberales Wohlfahrtsmodell sozialer Grundversorgung zu einem technokratischen Kontrollsystem geworden ist, das auch ohne rassistische Aussonderung Armut festschreibt. Achille Mbembe argumentiert ebenso überzeugend, dass der Kapitalismus Reichtum und Armut ständig neu kreiert, solange das rassistische Verhältnis existiert – nicht nur, aber hauptsächlich entlang rassistischer, klassen- und geschlechterspezifischer Ein- und Ausschlussmechanismen. Patrick Bond hält die Stadtentwicklung etwa von Johannesburg mit einem auf Hochglanz polierten Stadtkern und illegalisierten Hüttensiedlungen an den Rändern für ein Abbild der Normalisierung rassifizierter Strukturen.
Ein tief verinnerlichtes Erbe rassischer Identitäten und geschlechterspezifischer Gewalt – oder auch Privilegien – macht es möglich, dass sich in Südafrika trotz Affirmative Action und Black Economic Empowerment soziale Spaltungen vertiefen. Gewalt gegen Frauen (Rita Schäfer) und vermehrt gegen MigrantInnen gehören trotz fortschrittlicher Verfassung zur Alltagserfahrung. Neville Alexander argumentiert, ‘rassische’ Kategorien so anachronistisch wie »Hexen« zu betrachten und vorzugeben, farbenblind zu sein, führe dazu, die historische Chance einer rassenlosen Gesellschaft zu vertun. Michael Neocosmos und Oupa Lehulere gehen darauf ein, dass Südafrika nicht nur ein altes innergesellschaftliches Problem zu lösen hat, sondern kraft seiner hegemonialen Stellung und wirtschaftlichen Macht in der Region auch die soziale Lage außerhalb der Landesgrenzen beeinflusst – und entrechtete Lebensrealitäten für MigrantInnen schafft. Die Feststellung Neocosmos, der Geburtsfehler Südafrikas sei die Bindung von freiheitlichen Rechten an die Staatsbürgerschaft, ist ebenso banal wie richtig. In Kombination mit der weitreichenden Ignoranz der Gewerkschaftsverbände gegenüber den Problemen der MigrantInnen und einer, wie Lehulele zeigt, ausnehmenden Depolitisierung der ArbeiterInnen konnten sich reaktionäre Tendenzen ausbreiten. Auch soziale Bewegungen seien vom nationalistischen »Proudly South African«-Gehabe nicht frei und hatten der xenophoben Gewalt nichts entgegenzusetzen, als sich reaktionäres Gedankengut in einer Hetzjagd gegen die »Anderen« entlud. Offene Grenzen für alle und Solidarität unter ArbeiterInnen und Arbeitslosen ist für ihn die Voraussetzung einer emanzipatorischen Selbstermächtigung.
Das Verhältnis zwischen race and class bleibt letztlich voller Spannung. Betont wird in dem Buch mehr die Forderung nach Klassensolidarität, über rassifizierte Kategorien hinweg. Doch auch eine starke Klassenzugehörigkeit kann zu Grenzziehungen führen und ist auf der Suche nach Befreiung vor identitären Fallstricken nicht gefeit.
Davon abgesehen bleibt das Buch ein großer Gewinn, auch wegen der Unnachgiebigkeit der AutorInnen in einem Punkt: Sie setzen alles daran, sich aus Selbstmitleid und von Verletztheiten zu befreien. Das Festhalten daran, so meinen sie, steht der Überwindung der rassistischen Spaltung genauso im Wege wie die durch Privatisierung der Grundversorgung erzeugte Armut. Ashwin Desais Aussage »Die Menschen erkennen wieder einmal, dass sie Geschichte machen können«, mag euphemistisch klingen. Doch sie beschreibt am besten, was sich im Mikrokosmos des Alltags in Südafrika ereignet: Einflussreiche Beharrungskräfte und ein ungebrochener Veränderungswille sind zeitgleich am Werke und verhandeln die Zukunft der Gesellschaft. Es gibt keinen Grund, in dieser Situation die Solidarität aufzugeben.

Martina Backes

318 | Alte und neue Grenzregimes
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