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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 318 | Alte und neue Grenzregimes Thomas Fritz: Peak Soil. Die globale Jagd nach Land

Thomas Fritz: Peak Soil. Die globale Jagd nach Land

FDVL-Verlag, Berlin 2009. 164 Seiten, 12 Euro.

Eine bewährte Strategie global agierender Investoren ist, in etwas zu investieren, das nicht endlos vorhanden ist und nach dem es steigende Nachfrage gibt. Ein solches begehrtes Investitionsgut auf dem heutigen Weltmarkt ist fruchtbares Ackerland. Um diese Böden hat sich ein Konkurrenzkampf zwischen Finanzgruppen, Konzernen und Regierungen entfacht. Der Fachjournalist Thomas Fritz untersucht in seinem Buch Peak Soil, wie diese knappe Ressource durch die neue Landnahme langfristig geschädigt wird und größtenteils auf Kosten der Menschen in Ländern des Südens genutzt wird. Seine zentrale These ist, dass die Menschheit nicht nur den Gipfel der Ausbeutung von Erdöl überschreitet, den Peak Oil, sondern auch jenen der Vernutzung von Boden, den Peak Soil.
Der Besitz von Land durch profitorientierte Konzerne ist kein neuartiges Phänomen. Fritz stellt aber fest, dass bei den aktuellen Geschäften »andere Motive, andere Akteure und andere Geschäftsmodelle hinzutreten«. Neben dem üblichen Anbau von klassischen Cash Crops wie Kaffee werden heute stärker Grundnahrungsmittel wie Weizen, Reis oder Mais auf ausländischen Agrarflächen angebaut. Diese neuere Entwicklung wurde vor allem durch den kräftigen Preissprung der Agrarprodukte in den Jahren 2005 bis 2008 ausgelöst. Zum Ausdruck kommt darin ein wichtiges Motiv für die Wettrennen um das Land: die Sicherstellung von Nahrungsmittellieferungen. Einen zweiten Grund für den Anstieg der Landgeschäfte sieht Fritz im weltweit propagierten Kampf gegen den Klimawandel und der Notwendigkeit vieler Länder, die Sicherung ihrer Energieversorgung zu gewährleisten. Dies bedeutet unter anderem steigenden Bedarf nach Agrokraftstoffen.
Das steigende Interesse von Finanzinvestoren an Böden und deren gleichzeitige Verknappung durch Klimawandel, Urbanisierung und Industrialisierung haben viele negative Folgen. Fritz weist die optimistische Prognose der FAO zurück, dass es neben den derzeit weltweit 1,5 Milliarden Hektar Ackerland noch 2,7 Milliarden Hektar an globalen Landreserven gibt (von denen 1,8 Milliarden Hektar in Entwicklungs- und Schwellenländern liegen sollen). Er hält dies für eine auf fragwürdigen Berechnungen beruhende Einschätzung. Ganz im Gegenteil nehme die Bodendegradierung zu, und immer mehr Bäurinnen und Bauern müssen mit viel zu kleinen Landflächen ihren Lebensunterhalt erzielen.
Die verschiedenen Akteure im neuen Landgrab stellt Fritz durch Fallbeispiele vor: vom Daewoo-Konzern, der mehr als die Hälfte des Ackerlandes in Madagaskar pachten wollte, über den Fond der Deutschen Bank DWS, der Aktien von Großbetrieben im Agrobusiness aufkauft, bis hin zu den Aktivitäten der Regierungen von Golfstaaten und bevölkerungsreicher Länder wie China und Indien. Weitere Akteure sind internationale Organisationen wie FAO und Weltbank, die bisweilen als »Grundstücksmakler« auftreten, und die Regierungen der Länder mit Ackerland. Diese bieten auf der Suche nach Direktinvestitionen das Land zu Bedingungen an, die es fragwürdig erscheinen lassen, ob außer den Investoren jemand davon profitiert.
Dass diese Geschäfte eine win-win Situation aller Beteiligten ausschließen, demonstriert Fritz an der brasilianischen Savannenregion Cerrado und dem thailändischen Nordosten. Im Cerrado führen die gigantische agroindustrielle Landnahme seit den 1970ern und die Kommerzialisierung der Landwirtschaft zu erheblichen Umweltbelastungen wie Wasserverschmutzung und Degradierung von Böden. Gleichzeitig bewirken sie soziale Spaltungen, denn immer mehr Böden werden in Plantagen mit relativ geringen Beschäftigungsanteilen bewirtschaftet. Viele Kleinbauern werden dadurch land- und arbeitslos, da der Industriesektor in Brasilien nicht genügend Einkommensmöglichkeiten generiert. Das Beispiel des Nordostens in Thailand verdeutlicht, dass Subsistenzwirtschaft für viele Familien die einzige Absicherung vor Hunger und vollständiger Mittellosigkeit ist, weshalb die dortige Landnahme existenzbedrohend ist.
Neben den negativen ökologischen Konsequenzen ist es vor allem das Versagen in sozialen Fragen, das laut Fritz die Kommerzialisierung der Landwirtschaft so erfolglos macht. Ähnliches gilt nach Fritz für marktorientierte Bodenreformen, die sich entweder als ineffizient erwiesen oder in erster Linie den Erwerb von Land durch Konzerne und Großbetriebe erleichterten. Die Bodengeschäfte bergen zudem die Gefahr, dass gewalttätige Konflikte zunehmen, wie Fritz an den Beispielen Pakistan, Sudan und Kolumbien belegt. In fast allen lang andauernden Konflikten weltweit spielt der Zugang zu Land eine wichtige Rolle.
Fritz zieht das Fazit, dass die auf einer marktliberalen Strategie beruhenden Landgeschäfte im Widerspruch zur Armutsbekämpfung stehen. Zwar sehen viele Regierungen, UN-Behörden und Entwicklungsagenturen die Risiken des Geschäfts, jedoch geht es ihnen weniger um eine Abkehr als darum, Investitionen in die Landwirtschaft für alle etwas profitabler zu machen. Die hierfür gewählten Ansätze wie unverbindliche Richtlinien für Unternehmen oder das Modell einer Vertragslandwirtschaft von Kleinbauern haben sich als ineffektiv erwiesen. Fritz setzt demgegenüber auf die gesellschaftliche Aneignung des Landes und eine demokratisch kontrollierte Bodenordnung. In einer klaren Sprache und mit zahlreichen Fakten unterfüttert zeigt Fritz, warum Geschäfte mit Böden so heikel sind: Im Gegensatz zur Immobilienspekulation muss hier nicht erst eine Blase zerplatzen, um viele Menschen zu gefährden. Hier wird direkt mit der Lebensgrundlage gehandelt.

David Jüngst

318 | Alte und neue Grenzregimes
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