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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 319 | 50 Jahre postkoloniales Afrika Editorial zum Themenschwerpunkt

Editorial zum Themenschwerpunkt

Afrika postkolonial

Derzeit steht der afrikanische Kontinent wegen der Fußball-WM in Südafrika im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit. Doch es gibt einen weiteren Grund, warum 2010 ein ganz besonderes Jahr ist: 17 afrikanische Staaten feiern den 50. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit und ziehen aus diesem Anlass eine vorläufige Bilanz der postkolonialen Ära. Zu diesen Ländern gehören einige, die bis heute die negativen Schlagzeilen über »Afrika« beherrschen, wie etwa Somalia oder die DR Kongo. Es sind aber auch Länder darunter, die aus Sicht der ehemaligen Kolonialmächte Frankreich, Großbritannien und Belgien als vergleichsweise stabil gelten, wie etwa Gabun oder Kamerun. Und es sind einige der größten und wirtschaftlich stärksten Länder Afrikas dabei, wie Nigeria.
Wer glaubt, 50 Jahre Unabhängigkeit von den europäischen Kolonialisten würden in den jeweiligen Ländern euphorisch gefeiert, irrt. Zwar gibt es Versuche seitens der Regierungen, an den jeweiligen Independence Days Jubelfeiern zu lancieren. Doch sie schlagen fehl. Beispiel Senegal: Hier ließ Präsident Abdoulaye Wade Anfang April mit großem Pomp ein »Denkmal der afrikanischen Renaissance« einweihen. 14 afrikanische Staatschefs folgten seiner Einladung. Mit seinen über 50 m Höhe überragt das Denkmal die US-amerikanische Freiheitsstatue, und ganz im Stile realsozialistischer Propaganda heroisiert es den Freiheitskampf. Dumm nur, dass die Opposition zum Boykott der Einweihung aufrief und direkt vor den Feierlichkeiten tausende Menschen dagegen demonstrierten... Und auch in Nigeria stoßen die geplanten 50-Jahr-Feiern im Oktober nicht auf Gegenliebe. Die Zeitungen des Landes sind voller Beschwerden über die für die Feierlichkeiten vorgesehenen Ausgaben von zehn Milliarden Naira. Diese würden großteils in den Taschen korrupter Politiker verschwinden, lautet die verbreitete Meinung.

Noch weiter in ihrer Kritik gehen manche afrikanische Intellektuelle. »Unsere Eltern fragen immer wieder, wann diese Unabhängigkeit endlich vorüber geht«, lässt der Schriftsteller Venance Konan den Erzähler in seinem satirischen Roman »Les Catapilas, ces ingrats« sagen. Angesichts von Bürgerkrieg, Misswirtschaft und ‚bad governance’ in seinem Heimatland Elfenbeinküste kann Konan den letzten 50 Jahren nur wenig gute Seiten abgewinnen.
Es wäre vollkommen falsch, aus Kritik wie jener von Konan den Schluss zu ziehen, »die« AfrikanerInnen seien unfähig, ihre Länder selber vernünftig regieren zu können. Denn die sozialen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Verwerfungen durch den Kolonialismus lassen sich nicht binnen weniger Jahrzehnte aus der Welt schaffen. Schon in den Jahrzehnten vor 1960 hatte der koloniale Staat die Grundlagen dafür gelegt, dass der Einfluss der Kolonialmächte im postkolonialen Zeitalter groß blieb. In nahezu allen Bereichen der Wirtschaft, der Politik oder des Bildungswesens kam es keineswegs zu echter Unabhängigkeit – allen Bestrebungen der FreiheitskämpferInnen zum Trotz. Sehr bald setzte sich der Begriff des »Neokolonialismus« durch, um den fortdauernden Einfluss der Ex-Kolonialmächte zu charakterisieren. Dagegen gesetzt wurde die Hoffnung auf afrikanische »Einheit« und panafrikanische Solidarität. Sie wurde schon bald enttäuscht, weil allzu oft die partikularen Interessen postkolonialer Herrschercliquen dominierten – ganz im Sinne der Ex-Kolonialmächte.

Die postkoloniale Ära ist bis zum heutigen Tag außerordentlich bewegt. Sie war zunächst stark beeinträchtigt von der Blockkonfrontation und der Stellvertreterpolitik, die politische Alternativen zu Kapitalismus und Staatssozialismus – den »Dritten Weg« – gerade in Afrika praktisch unmöglich machte. Nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes keimte die Hoffnung auf Demokratisierung. Sie wurde bald zunichte gemacht durch die gewaltförmige Ethnisierung zahlreicher sozialer Konflikte, die bis dahin durch nationalistische Regime im Zaum gehalten worden waren. Fortan galt das postkoloniale Afrika als der Kontinent der failed states, der Bürgerkriege, der Genozide, der Warlords, der Armut und des Hungers. Heute oszilliert die Politik des Westens gegenüber Afrika zwischen halbherzigen Befriedungsmaßnahmen wie etwa in der DR Kongo und dem Rückzug aus jeglichem Afrika-Engagement. Allenfalls im Zuge des »Krieges gegen den Terror« vermag Afrika gelegentlich noch einige (militärische) Aufmerksamkeiten zu erregen. Der relative Rückzug des Westens machte Platz für einen neuen Akteur: Die VR China, die frei von kolonialen ‚Altlasten’ ihre wirtschaftlichen Interessen umso erfolgreicher durchsetzt. Inzwischen hat um Afrika erneut ein Wettlauf um Ressourcen wie etwa Böden eingesetzt, der nicht zum Vorteil der dort lebenden Menschen verläuft.
Mit unserem Dossier wollen wir einige Schlaglichter auf die unvollkommen gebliebene postkoloniale Unabhängigkeit werfen – in der beharrlichen Hoffnung, dass die nächsten 50 Jahre zu einer Ära der Freiheit in Afrika werden. Ansätze dazu sind reichlich vorhanden. Es wäre schon viel gewonnen, wenn Europa es unterließe, sie zu unterminieren.

die redaktion

Für die freundliche Unterstützung des Dossiers »Afrika postkolonial« danken wir: der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der AG Dritte Welt hier! der Stiftung Umverteilen!

PS.: »Independance Cha Cha« wurde 1960 von Joseph Kabasele Tshamala komponiert und während der Verhandlungen zur kongolesischen Unabhängigkeit in Brüssel uraufgeführt. Das Lied wurde zur Hymne nicht nur der nationalistischen Bewegung im Kongo, sondern auch in den anderen unabhängigen Staaten Afrikas.

319 | 50 Jahre postkoloniales Afrika
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