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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 319 | 50 Jahre postkoloniales Afrika Boubacar B., D.: Murambi. Das Buch der Gebeine.

Boubacar B., D.: Murambi. Das Buch der Gebeine.

Edition Hamouda, Leipzig 2010. 184 Seiten, 10,90 Euro.

Macheten-Wörter

»Immer fanden diese Dinge weit weg statt, in einem Land am anderen Ende der Welt. Nur dass dieses Land am anderen Ende der Welt, zu Beginn des April 1994, meins ist.« Noch lange Zeit nach dem Genozid ist Cornelius Uvimana, die Hauptfigur des Romans Murambi, fassungslos. Vier Jahre nach der Ermordung von einer Million RuanderInnen reist er aus dem Exil in Djibouti nach Kigali. Dort trifft er auf seine JugendfreundInnen Jessica und Stanley sowie seinen Onkel Siméon Habineza und erfährt, dass sein Vater für die Ermordung von zehntausenden Menschen in einer Schule in seinem Heimatort Murambi verantwortlich ist. Unter den Toten befinden sich auch seine Mutter und seine beiden Geschwister. Nachdem der Vater in eben dieser Schule auf den Massengräbern der verscharrten Leichen die Unterbringung der in den letzten Genozidwochen eintreffenden französischen Armee koordiniert hatte, ließ er sich von Frankreich im Rahmen der »Operation Turquoise« ins sichere Exil ausfliegen.
Der bereits 2000 in Frankreich erschienene Roman »Murambi« entstand ausgehend von einer Initiative des Schriftstellers Nocky Djédanoum und des Journalisten Maïmouna Coulibaly. Sie veranstalteten unter der Schirmherrschaft des Festivals Fest’Africa eine Reise, die 1998 zehn afrikanische AutorInnen nach Ruanda führte, darunter den senegalesischen Schriftsteller Boubacar Boris Diop. Unter dem Titel »Schreiben um zu Erinnern« entwickelten die Teilnehmenden des zweimonatigen Aufenthalts Texte, die sich der Erinnerung an den Genozid von 1994 widmen. Die panafrikanische Initiative führte in der Folge zu heftigen Kontroversen um die Legitimität, die Möglichkeiten und Grenzen künstlerischer Auseinandersetzungen mit dem Genozid. Nur die beiden ruandischen Autoren Vénuste Kayimahe and Jean-Marie Rurangwa wählten für ihre Veröffentlichungen nicht-fiktionale Formen. Diops stark dokumentarischer Roman, der im März 2010 endlich in deutscher Übersetzung erschien, rekonstruiert den ruandischen Genozid entlang der Rückkehr von Cornelius Uvimana nach Ruanda. Cornelius macht sich auf die Suche nach einer Geschichte, die er nur aus der Ferne verfolgt hat und die ihm nur den Rückblick und die Gespräche mit den Überlebenden als Möglichkeiten lässt, um ihre Traumata und Zerstörungen nachzuvollziehen. Sie nicht geteilt zu haben, vielmehr von der Verantwortung seines eigenen Vaters für die Massentötungen zu erfahren, empfindet er wie ein zweites Exil. Er, der Ruanda nach seiner über zwanzigjährigen Abwesenheit wenig kennt und der vom Willen zu verstehen bestimmt ist, dient als Identitfikationsfigur, anhand derer die Erzählung entwickelt wird. Mit ihm besuchen die LeserInnen die Orte der Morde, wo die Gebeine der Toten unbestattet als Mahnmale liegen, treffen sie auf die Geschichten der Überlebenden und auf ihren Kampf darum, eine Zukunft zu denken.
Diop eröffnet »Murambi« mit einer radikalen Position: Drei Figuren berichten in den ersten Kapiteln jeweils aus subjektiver Perspektive über den Tag, an dem das Präsidentenflugzeug abgeschossen wurde – was den Vorwand für den Genozid lieferte. Während für Faustin Gasana der ersehnte Tag erreicht ist, an dem die »Arbeit« gegen die »Feinde« beginnen kann, wird von dem Videoverleiher Michel Serumundo, der um seine Familie fürchtet, im Folgenden nicht mehr die Rede sein. Seine Stimme verliert sich in den Wirren der Massaker, ob er überlebt, bleibt ungewiss. Die dritte Perspektive ist die der weiblichen Hauptfigur Jessica, die, bevor sie sich mit falschen Papieren dem Widerstand der Patriotischen Front Ruandas (FPR) anschließt, eine Freundin in eine Kirche begleitet, in der diese Schutz sucht und dort später ermordet wird.
Diese drei Positionen stehen unvermittelt nebeneinander und eröffnen den mittleren Teil des Romans, in dem der Genozid als ein bruchstückhaftes Mosaik aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird. Die Geschichte Jessicas und des fortschreitenden Widerstands wird immer wieder aufgegriffen und durchzieht diese Rekonstruktion, die für den Rückkehrenden Cornelius als widersprüchliche und schmerzvolle Mehrstimmigkeit stattfindet, die ihn auch mit seinen eigenen Stereotypen konfrontiert. Seine Fragen führen wiederholt auf die international weiterhin vorherrschende Darstellung des ruandischen Genozids als Produkt eines uralten tribalen Hasses zurück. Diese falsche Vorstellung wird in »Murambi« dekonstruiert und die koloniale Fixierung der sozialen Gruppen der Hutu, Tutsi und Twa ebenso wie die Machtkämpfe im Land seit 1959 nachgezeichnet. Auch die Rolle Frankreichs im Genozid findet immer wieder Erwähnung.
Mit zu den stärksten Szenen des Romans gehört das Zusammentreffen eines französischen Colonels mit dem Vater der Hauptfigur, der für Frankreich eine strategisch wichtige Figur bleibt. Während der Schreibtischtäter seine Taten ohne Beschönigung als logische Konsequenz der französischen Position bezeichnet, verwehrt sich der Vertreter Frankreichs voller Ekel davor, mit dem Genozid in Verbindung gebracht zu werden. Er akzeptiert, den Verbündeten Frankreichs auszufliegen, verlässt jedoch nicht die sachliche Sprache der staatlichen Interessenswahrung und weigert sich, die französische Verantwortung für den Genozid ohne diplomatische Phrasen zu benennen. Diops nachdenklicher, nüchtern und schlicht geschriebener Roman stellt sich den menschlichen Zerstörungen, der Trauer, der Ohnmacht des Exilierten und dem Desinteresse der Weltöffentlichkeit für den ruandischen Genozid. Er thematisiert die Herausforderung, eine Sprache zu finden für ein Geschehen, in dem »sogar die Wörter nicht mehr wissen, was sie sagen sollen.« Er beschreibt die Suche nach Wörtern, die den Zerstörungen entsprechen, »Macheten-Wörter«, »Knüppel-Wörter«. Und er vermittelt durch die Perspektive des Rückkehrers Cornelius auf die Menschen im Land seiner Kindheit etwas von der Schwierigkeit, die es bedeutet, in einer postgenozidalen Gesellschaft weiterzuleben, in der auch die Überlebenden schwer beschädigt sind.

Lotte Arndt

319 | 50 Jahre postkoloniales Afrika
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