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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 320 | Was bewegt Zentralamerika? Hans Paasche: Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland.

Hans Paasche: Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland.

(Hg) Franziskus Hähnel mit Beiträgen von Iring Fletscher und Helmut Donat. Donat Verlag, Bremen 2010. 167 Seiten, 12,80 Euro.

Nicht immer schmeichelhaft

Die Deutschen »machen die Schweine, die sie essen wollen, künstlich krank, damit sie ganz dick werden... Und wie die Schweine mästen sie auch sich selbst... Damit er sicher ist, daß er [der Deutsche] sich mäste, setzt er sich zu ganz bestimmter Zeit auch ohne Hunger, zum Schlecken hin... Damit es nicht gekaut werde, gießt der Schlecker Getränke dazu in den Mund.« In solchen und ähnlichen Beschreibungen berichtet ein Afrikaner vor dem Ersten Weltkrieg seinem Häuptling von der Esskultur der Deutschen. Nur ist der afrikanische Briefeschreiber kein Afrikaner, sondern der ehemalige deutsche Marine- und Kolonialoffizier und spätere Pazifist Hans Paasche. Die Briefe sind gespickt mit bissigen und für die Deutschen und ihre »zivilisierte Gesellschaft« nicht immer schmeichelhaften Bemerkungen, die einen noch heute in schallendes Gelächter ausbrechen lassen können.

Die zu einem Buch zusammengefassten Briefe des Afrikaners Lunkanga Mukara sind ein Spiegelbild »deutscher Sitten«. Diese zu karikieren, war nicht nur in der Kaiserzeit sinnvoll, denn auch heute gibt es in der deutschen Gesellschaft Verhaltensmuster, die Angehörigen anderer Nationen völlig unverständlich erscheinen müssen. In einem farbigen und leicht verständlichen Stil geschrieben, wendet sich Hans Paasche in seinen Reisebriefen gegen Kolonialismus und Zivilisationsdünkel der wilhelminischen Gesellschaft. Doch weisen seine den »Lettres Persanes« von Montesquieu nachempfundenen Briefe räumlich und zeitlich weit über das deutsche Kaiserreich hinaus. In ihrer Anklage des Exportes europäischer Lebensformen, Sitten und Gebräuche sind sie von bleibender Aktualität.

Deutlich sieht Lukanga Mukara, dass die Weißen keine Ehrfurcht vor dem haben, was auf der Welt existiert. Ziellose Hektik, sinnleeres Befolgen von Konventionen, Verlust des Einklangs mit der natürlichen Umwelt und vor allem die Jagd nach Geld und Profit – das sind die Phänomene eines falschen Lebens, über die der gebildete Afrikaner in ein Staunen gerät, das Aufklärung auslösen will. Ob es sich um den Ehrbegriff, die Organisation des Arbeitslebens, der Volkswirtschaft, des Verkehrs- und Geldwesens, die Ess- und Trinkgewohnheiten, das »Rauchstinken«, die »Unsitte des Bekleidens«, die Reklame oder um die alltäglichen Lebenslügen und Verrücktheiten der Deutschen handelt – Lukanga Mukara hält den EuropäerInnen einen Spiegel vor, der bis heute nicht blind ist.

In einem Nachwort würdigt Iring Fletscher Hans Paasche als bedeutenden Kämpfer für Frieden, Natur- und Umweltschutz. Das nun erneut aufgelegte Buch des »deutschen Urgrünen« bringt den Autor, der nach seiner Beteiligung an der Novemberrevolution von Angehörigen der Reichswehr ermordet worden war, wieder etwas in den Mittelpunkt des Interesses. Seine pazifistischen, sozialen, antikolonialen und »grünen« Ideen sind nach wie vor aktuell, und man fragt sich, warum Paasche noch nicht zur Ikone entsprechender Bewegungen geworden ist. Seine Biographie, die kenntnisreich in sein abenteuerliches Leben einführt, ist übrigens ebenfalls vor einiger Zeit im Donat Verlag erschienen.

Ulrich van der Heyden

320 | Was bewegt Zentralamerika?
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