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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 320 | Was bewegt Zentralamerika? Renate Wilke-Launer (Hg.): Südafrika. Katerstimmung am Kap

Renate Wilke-Launer (Hg.): Südafrika. Katerstimmung am Kap

Brandes & Apsel Verlag, Frankfurt a.M. 2010. 249 Seiten, 24,90 Euro.

Die WM ist vorbei, die Probleme bleiben

Die Fußballweltmeisterschaft 2010 bot einen Anlass, die politische und wirtschaftliche Entwicklung in Südafrika seit den ersten demokratischen Wahlen 1994 zu bilanzieren. Die entwicklungspolitische Fachjournalistin Renate Wilke-Launer, die seit vielen Jahren die dortigen Veränderungen intensiv verfolgt, hat einen Sammelband herausgebracht, der als Bestandsaufnahme über die WM hinaus von Interesse sein wird. Sie präsentiert sinnvoll ausgewählte und aufeinander abgestimmte Texte namhafter südafrikanischer Intellektueller. Diese bilden ein breit gefächertes Spektrum kritischer und gut begründeter Situationseinschätzungen zu zentralen Problemen des Landes. So reflektiert der Demokratieforscher William Gumede über die Macht der Regierungspartei, die aus der früheren Befreiungsbewegung hervorging. Ihm schließt sich Moeletsi Mbeki an; der Bruder des früheren Präsidenten Thabo Mbeki widmet sich den Gefahren unterschiedlicher Nationalismen in Südafrika und kritisiert die Wirtschaftspolitik der ANC-Regierung als unsozial.

Die Ärztin und frühere Vizekanzlerin der Universität Kapstadt, Mamphela Ramphele prangert die Korruption und die schlechten Dienstleistungen staatlicher Verwaltungsstellen an. Der Demokratieforscher Ivor Chipkin erläutert, welche Reformen staatlicher Institutionen 16 Jahre nach der politischen Wende dringend notwendig wären. Er bemängelt, dass die Grenzen zwischen Regierungspartei und Staat verschwimmen, was sich beispielsweise in Patronagenetzen bei der Übertragung von Managementstrukturen aus der Privatwirtschaft auf die Führung von Behörden zeigt. Die Kritik an der Privatisierung staatlicher Dienstleistungen, etwa in der Elektrizitäts- und Wasserversorgung, greifen gleich mehrere AutorInnen auf. Last but not least bietet die Herausgeberin Renate Wilke-Launer faktengesättigte und anschauliche Übersichten zu wirtschaftspolitischen Themen.

Die von Wilke-Launer ausgewählten Situationseinschätzungen unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen leuchten Grauzonen aus, die bei den Einschätzungen Südafrikas oft im Dunkeln bleiben. So enthält dieser Sammelband beispielsweise Essays der bekannten afrikaansen Schriftstellerin Antjie Krog und des Autors und Literaturwissenschaftlers Imraan Coovadia, der das Lebensgefühl der indischen Minderheit im heutigen Südafrika beschreibt. Jonny Steinberg, politischer Philosoph und Schriftsteller, widmet sich wichtigen sozialen Problemen, die über die Zukunft Südafrikas entscheiden werden: Kriminalität, HIV/AIDS, geschlechtsspezifische und xenophobe Gewalt. Diese analytischen Texte leiten über zu Zukunftsszenarien, die 35 Intellektuelle 2009 erarbeitet haben. Sie halten der ANC-Regierung einen Spiegel vor und rufen die Zivilgesellschaft auf, an Debatten über die Entwicklung des Landes mitzuwirken.

Rita Schäfer

320 | Was bewegt Zentralamerika?
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