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Editorial

Hurra, wir sind erwachsen!

Vierzig Jahre alt werden ist ein echter Einschnitt im Leben. Dieser Geburtstag markiert wie kein anderer die Scheidelinie zwischen dem endgültigen Erwachsenwerden und dem rasch voranschreitenden Altwerden. Woraus dann eine Midlife Crisis resultiert, mit Symptomen wie Stimmungsschwankungen, Grübeleien, innere Unsicherheit und Unzufriedenheit mit dem bisher Erreichten. Doch obwohl die vorliegende Zeitschrift in diesen Tagen ihren 40. Geburtstag begeht, bleibt die Midlife Crisis aus. Die Stimmung in der Redaktion ist prima, das Grübeln überlassen wir unseren AutorInnen, unsicher sind wir nur in finanzieller Hinsicht, und unzufrieden sind wir schon gleich gar nicht mit der Zeitschrift. Als im November 1970 erstmalig die blätter des iz3w erschienen, handelte es sich um eine von Hand zusammen getackerte Loseblattsammlung. Gesetzt wurde mit der Schreibmaschine, die Überschriften wurden mit dem Filzstift gemalt, und nur sehr vereinzelt lockerten Karikaturen oder Schaubilder die Bleiwüste auf. Alles andere als locker war auch der Schreibstil: Mit großem Ernst und zumeist staubtrocken referierte man über die Situation der »Entwicklungsländer«, die deutsche Außenpolitik und die Machenschaften deutscher Konzerne. Bei allem großen Respekt vor den Pionierleistungen der seinerzeitigen AktivistInnen: Ein bissel dröge war das alles schon, zumindest aus heutiger Sicht. Die GeburtshelferInnen der blätter des iz3w hatten aber auch gar nicht den Anspruch, eine Zeitschrift mit journalistischer und graphischer Qualität zu machen. Ihr Zauberwort hieß »Information«, und so lautete in der ersten Ausgabe die zentrale Fragestellung: »Wie gewinnt man den dringend notwendigen informatorischen Einblick in die Prozesse der E.L.-Politik, d.h. wie kommt man zu einem analytisch differenzierten, sowie permanent aktuellen Informationsstand?« Der Versuch, diese im typischen Duktus formulierte Frage praktisch zu beantworten, stieß durchaus auf Nachfrage. Aus dem Stand hatte die Loseblattsammlung 2.000 AbonnentInnen, darunter Promis wie Erhard Eppler, Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass und Ernst Bloch.

Nicht überliefert ist, wie Schriftsteller Grass die bereits im Titel deutlich werdende Vorliebe der Redaktion für Abkürzungen aller Art fand. Bei einer LeserInnenbefragung Mitte der 1970er Jahre regte sich jedenfalls Protest. Der Buchladen im Ostertor aus dem gleichnamigen Bremer Szeneviertel beschwerte sich: »Diese Scheißkürzel gehen einem wirklich auf die Nerven.« Die BuchhändlerInnen machten es sich aber auch ein wenig einfach: »Einen Titel können wir uns nicht ausdenken, das könnt ihr sicher besser!« Naja, eben nicht... Ein anderer Leser klagte: »Der Titel eurer Zeitschrift gefällt mir nicht sehr«, er bevorzuge »3. Welt im Spiegel«. Das wiederum gefiel der Redaktion nicht, stellte der Vorschlag doch eine gewisse Nähe zu einer bei Linken nur mäßig beliebten Frauenzeitschrift her. Ein Hans-Joachim aus Heidelberg schickte gleich zwölf Namensvorschläge. Am flottesten war »Terzo Mondo«, denn, wie Hans-Joachim schrieb, »italienisch klingt immer gut!« Weniger galt das für seinen Vorschlag »Die Kämpfe der Völker und Staaten der 3.Welt sind gerecht, weil sie richtig sind«. Die drei Fragezeichen hinter diesem etwas tautologisch klingenden Zeitschriftentitel deuteten aber an, dass Hans-Joachim selbst nicht so ganz überzeugt war. Wie dankenswerterweise auch die seinerzeitige Redaktion, die wohl nicht nur typographische Nachteile befürchtete.
Das Hadern mit dem kryptischen Titel ist jedenfalls so alt wie die Zeitschrift selbst. Unvergessen bleibt beispielsweise jene Leserin, die einst einen Brief an die »FR4Z« schrieb (die Post stellte ihn übrigens ebenso zuverlässig wie ungerührt zu). Überlegungen, die Zeitschrift in »Hinterhof« umzubenennen, wurden jedoch genauso über den Haufen geworfen wie die Auflösung der Abkürzung iz3w in »informationen zu weltweiten widersprüchen«. Und so leben wir nun halbwegs in Frieden mit unserem Namen. Wie das halt so ist, wenn man 40 wird.

Ein Geburtstagsfest zum 40. wird es übrigens nicht geben. Ob das doch ein kleines, aber typisches Anzeichen für eine Midlife Crisis ist? Ach was, wir haben uns der Verbreitung von Informationen verschrieben, und deshalb gönnen wir uns lieber eine umfangreiche Veranstaltungsreihe rund um die Ausstellung »Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg«. Sie wird ab dem 5. November in Freiburg gezeigt (siehe Seite 16).

die redaktion

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