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Editorial Dossier

“Your body is a battleground”

Der Vatikan ist empört. Die Ehrung eines Wissenschaftlers, dessen Forschung zu „einer Vielzahl an Kühlschränken, gefüllt mit Embryonen“ geführt hat, geht selbsternannten Lebensschützern wie Ignacio Carrasco de Paula gegen den Strich. Denn der Leiter der päpstlichen Akademie für das Leben verteidigt die Einmaligkeit der Schöpfung, und so ist der diesjährige Nobelpreis für Medizin, der Robert Edwards für die Entwicklung der In-vitro-Fertilisation verliehen wurde, ein Affront. Für Paare mit verzweifeltem Wunsch nach eiGENem Nachwuchs ist der Eizellcocktail im Reagenzglas sicher eine Hilfe, der inzwischen Millionen Menschen ihre Existenz verdanken. Dem Klerus jedoch sind der Stammzellforschung ausgelieferte Tiefkühl-Föten ein Graus: Nach christlicher Sicht fängt im Moment der Befruchtung das Menschenleben an.

Anand Grover, UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Gesundheit, erntete im Juli dieses Jahres ebenfalls heftige Kritik seitens der Katholischen Kirche. Grover hatte gesagt, dass in Staaten, in denen ein absolutes Abtreibungsverbot bestehe, die Rechte von Frauen auf Gesundheit stark beeinträchtigt seien. Sein Bericht zeigte zudem, dass auch ein Verbot von Sexarbeit sowie die Kriminalisierung von gleichgeschlechtlichen Beziehungen das Recht auf Gesundheit negativ beeinflusst.

Sexuelle Orientierung, Abtreibung und Fertilisationstechniken sind immer wieder Stein des Anstoßes, um das individuelle Menschenrecht auf reproduktive und sexuelle Gesundheit öffentlich zur verhandeln. Auf der Internationalen Konferenz zu Bevölkerung und Entwicklung in Kairo 1994 wurden reproduktive und sexuelle Rechte erstmals umfassend in Verträgen ausgearbeitet und als Menschenrechte anerkannt. Nach der damaligen Definition umfasste Reproduktive Gesundheit unter anderem das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung wie auch das Recht, über Familienplanung eigenständig entscheiden zu können, wozu der Zugang zu Informationen, Verhütungsmethoden oder medizinischer Versorgung zählten.

Das das deutsche Entwicklungsministerium (BMZ) hat ein sehr beschränktes Verständnis dieses Rechtes: Einen „hohen Stellenwert“ kommt der Reproduktiven Gesundheit als Fördersektor deshalb zu, weil sich das Ministerium um die „Zunahme der Weltbevölkerung“ sorgt, besonders in Asien und Afrika. Und die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) denkt ganz pragmatisch im Sinne der Kontrolle von Bevölkerungswachstum Frauengesundheit und Fruchtbarkeit zusammen: So werden „Fortschritte“ im Sektor Gesundheit zum Beispiel in Vietnam damit „bewiesen“, dass die „Fruchtbarkeitsrate“ in 15 Jahren von 3,8 auf 2,2 Prozent gesenkt worden sei.

Der Einzug reproduktiver Rechte in „Maßnahmenkataloge“ der Hilfsprogramme ist einerseits Erfolg feministischer Bemühungen um Selbstermächtigung. Andererseits wird seit den1990er Jahren offensichtlich, dass es sich bei der Umsetzung oft nur um eine perfide Form biopolitischer Bevölkerungsregulierung handelt. Vielerorts wurden Frauenrechte auf die Auswahl von Verhütungsmitteln reduziert. Das Malthus’sche Märchen vom Ende der Armut durch weniger Geburten wird weiter erzählt, und die Überbevölkerungs-Ideologie (siehe iz3w 297) der internationalen Institutionen geht Hand in Hand mit den pronatalistischen Programmen der Industrienationen. In ihnen verkümmert das Menschenrecht auf reproduktive Gesundheit zur Anleitung für gesundes, hygienisches, vorsorgendes und genormtes Verhalten – zum Wohle der Weltbevölkerung.       

Spätestens mit Geburt des neuzeitlichen Staates war die Verwaltung und Kontrolle des Frauenkörpers ein Instrument der Bevölkerungsregulierung. Restriktive Gesetze, medizinische Lehrbücher und gängige Praktiken vergangener Jahrhunderte zu Sexualverhalten, Hygiene und Hysterie zeugen vom Willen zur Disziplinierung alles „Ab-Normalen“: Frauen, Homosexuelle, Psychisch Erkrankte. Die Beherrschung, Unterdrückung und Ausbeutung Schwarzer Körper war ebenfalls präsent. Macht über die Fremde, das Andere stand im Zentrum kolonialer Phantasien der europäischen Nationen. Und wie ließ sich das Fremde besser kontrollieren als über den weiblichen Körper? Rassistische Zuschreibungen äußerten sich in der Bezeichnung von südlichen Ländern und Kontinenten mit „weiblichen“  - und das hieß in Kolonialzeit „schwachen“ – Attributen. Afrika war der „jungfräuliche“ Kontinent, der oder die „Wilde“ galt als Synonym für Lasterhaftigkeit, Naturverbundenheit, Unreinheit und Zurückgebliebenheit. Ziel war die „Domestizierung des Fremden“ durch Einflussnahme auf die Fortpflanzungsfähigkeit.   

Der gebärende und damit mütterliche Frauenkörper stellt auch feministisches Denken immer wieder vor grundsätzliche Probleme. Zum einen wurde die kapitalistische Verwertungsdynamik der Reproduktionsarbeit stets kritisiert, zum anderen die Fürsorgeethik und soziale Ganzheitlichkeit der Mutterschaft betont. Aus der einen Linie kam die Forderung, die Geschlechterverhältnisse umzugestalten und mit macht- und privilegienkritischen Ansätzen eine geschlechteregalitäre Gesellschaft zu fördern. Aus der anderen Linie erwuchs die „neue Mütterlichkeit“. Bekannte afrikanische Feministinnen wie Chikwenye Orgunyemi oder deren afro-amerikanische Mitstreiterin Alice Walker betonten den Wert mütterlicher Attribute für gesellschaftliche Prozesse. Das Bemuttern habe nicht nur Auswirkungen auf die Familie, sondern auch auf kommunale, nationale und internationale Prozesse. Namen wie „Mama Africa“ oder „Mütterchen Russland“ zeugen von dieser Mythologisierung der Mutterschaft, die aber das Fortbestehen einer patriarchalen Gesellschaft sichert.

Dass die Mutterschaft wieder vermehrt ins Zentrum des Lebens westlicher Frauen rückt, davor warnt die Grande Dame des französischen Feminismus, Elisabeth Badinter. In ihrem neuen Buch „Der Konflikt“ spricht sie von einem neuen Biologismus, der Frauen als Bewahrerinnen der Natur sieht. Ist es Zufall, dass in Zeiten zunehmender Technisierung von Fortpflanzung eine Bewegung entsteht, die den Frauenkörper auf seine nackte Generativität zurückwirft? Was bleibt von den Ideen mancher Feministinnen, die in neuen Reproduktionstechnologien eine Chance für mehr Selbstbestimmung sowie Befreiung vom Muttermythos sehen?

Nun, zunächst bleibt die Chance auf hohe Gewinne seitens der Industrie und Unternehmen. Denn die Kommerzialisierung und Privatisierung reproduktiver Gesundheit schreitet weltweit fort. Auf dem globalen Markt reproduktiver Möglichkeiten verscherbeln Frauen aus Ländern des Südens ihre Eizellen an wohlhabende Paare der Industrienationen. Zugleich machen Pharmakonzerne gute Geschäfte mit dem Verkauf von Verhütungsmitteln wie Norplant (Hormonstäbchen) oder der Dreimonatsspritze – Medikamente, deren Wirkstoffe zum Teil in westlichen Ländern längst verboten sind. Da die hohen Nebenwirkungen oft weitere medizinische Behandlung erforderlich machen, setzt sich die Abhängigkeit der Frauen von Gesundheitseinrichtungen weiter fort. Ein Teufelskreis, aus dem nur herauszukommen ist, wenn neben der medizinischen Versorgung auch die rechtliche und sozial-ökonomische Situation verbessert und beispielsweise Abtreibung legalisiert wird.

Im historischen Rückblick auf die Gesundheitsprogramme der Hilfsorganisationen für den globalen Süden fällt vor allem eines auf: Fehlende einklagbare Rechte auf Seite der Frauen stehen der medizinisch-technischen Definitions- und Versorgungsmacht von ExpertInnen gegenüber. Je weniger Rechte auf der einen, desto mehr Macht auf der anderen Seite. Wenngleich gerne über Empowerment gesprochen wird, so ist ein Power-Sharing schon bei der Definition der Ursachen für Gesundheitsprobleme vieler Frauen nicht erwünscht. Sie sollen das bleiben, als was sie die Medizin schon immer gerne betrachtet hat: Kranke, Opfer und Hilfsbedürftige, die an fertig designten Vorsorgeprogrammen „partizipieren“ sollen. Dekonstruktivistische Ansätze der Geschlechter und Geschlechterrollen scheinen dabei nur für weiße AkademikerInnen zu gelten – zumindest tauchen die Bedürfnisse von Homo-, Trans- oder Intersexuellen auf politischen Strategiepapieren für reproduktive Gesundheit im Süden gar nicht erst auf.

Die Erkenntnis, dass sexuelle und reproduktive Rechte auf Gesundheit fundamentaler Bestandteil allgemeiner Menschenrechte sind, verdanken wir keiner göttlichen Eingebung. Sie ist vielmehr Ergebnis langwieriger Kämpfe um sexuelle Selbstbestimmung, ausgefochten von sozialen Bewegungen, Organisationen und einzelnen AkteurInnen. Nur wenn die sozialen Dimensionen Reproduktiver Rechte umfassend erkannt, verbrieft und damit auch einklagbar sind, könnten sie tatsächlich zu einem machtvollen Instrument politischer Bewegungen und Individuen werden - egal, was ein kleiner Patriarch in Rom dazu sagt.  

die redaktion  

Der Slogan “Your body is a battleground” wurde durch das gleichnamige Werk der feministischen Künsterlin Barbara Kruger geprägt und von der Frauenbewegung aufgegriffen, um gegen repressive Körperpolitik vorzugehen.

321 | umkämpftes Recht auf Gesundheit
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