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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 321 | umkämpftes Recht auf Gesundheit Gespendet – gehandelt – getauscht

Gespendet – gehandelt – getauscht

Interview mit Erika Feyerabend über die Globalisierung der Eizellmärkte

iz3w: Jüngst hat eine 70-jährige Inderin Schlagzeilen gemacht, die ein Kind geboren hat. Ist es Zufall, dass sich dieses Wunder der Reproduktionsmedizin im globalen Süden vollzogen hat?
Erika Feyerabend: Diese »Wunder« vollziehen sich überall in der Welt. Lange standen im globalen Süden Politiken im Fokus, die insbesondere arme Frauen unfruchtbar machten. Dennoch ist es kein Zufall, dass diese künstliche Befruchtung im Reagenzglas und Geburt nach der Menopause in Indien stattgefunden hat. Mit der britischen Kolonialherrschaft wurden dort westliche medizinische Wissenschaften etabliert, und es gibt dort mittlerweile entsprechende Kliniken für zahlungsfähige Paare. Auch die Vorstellung, dass Frauen eine Ansammlung von reproduktiv nutzbaren Substanzen in sich tragen, die »gespendet«, gehandelt und getauscht werden können, akzeptiert zumindest ein Teil der indischen Gesellschaft.

Die Fortpflanzungsindustrie ist ein stark globalisierter Sektor. Gelegentlich sprechen Sie sogar von einem »Reproduktionsimperium«. Wie sieht die internationale Arbeitsteilung aus?
Diesen Begriff hatte ich im Zusammenhang mit »Global Art« benutzt, einem US-amerikanisch-israelischem Unternehmen, das verschiedene Eizellspendezentren unterhielt, unter anderem in Bukarest. Entnommen wurden Eizellen von Frauen aus Bukarest und Umgebung für Kundinnen in den USA, Israel oder Großbritannien. Die Spenderinnen haben für die körperlichen Strapazen rund 250 US-Dollar erhalten. Das Geld wird nicht als Bezahlung deklariert, sondern als Aufwandsentschädigung, um dem Vorwurf eines kommerzialisierten Eizellhandels vorzubeugen. Die Bridges-Klinik in London, die mit dem Eizellzentrum kooperierte, ließ sich ihre Dienste – also den Befruchtungszyklus inklusive Eizellspende – von der Empfängerin mit ungefähr 8.000 Euro honorieren.

Woher kommen die Eizellspenderinnen?
In Osteuropa sind es vor allem arme Frauen. In Spanien wird eine »Aufwandsentschädigung« von rund tausend Euro gezahlt. Hier sind es vielfach Studentinnen, die sich so ihre Ausbildung oder ein wenig Luxus verdienen. Aber auch Emigrantinnen in westeuropäischen Staaten versuchen damit ihren Lebensunterhalt aufzubessern. Neben der Prostitution und dem Heiratshandel bilden sich die Eizellmärkte heraus, als ein weiteres Ausbeutungsverhältnis, in dem Frauen ihren Körper zu Markte tragen.

Ein Grund für diese Entwicklung liegt vermutlich in der Tatsache, dass die Eizellenspende in vielen Teilen Westeuropas illegal ist?
Die Eizellspende gegen direkte Bezahlung ist in Westeuropa verboten. In Spanien, Großbritannien oder in Osteuropa wird sie über zum Teil erhebliche »Aufwandsentschädigungen« attraktiv gemacht. Doch es gibt einen internationalen Befruchtungstourismus – auch ohne »Eizellspende«. Hierzulande werden vier Reproduktionszyklen bei der künstlichen Befruchtung von den Krankenkassen bezahlt. Da sie hohe Misserfolgsraten aufweist, gehen Frauen danach oft zu »Billiganbietern«. Zudem machen unterschiedliche gesetzliche Regelungen die Behandlungen im osteuropäischen Ausland oder globalen Süden attraktiv. Hiesige rechtliche Restriktionen beziehen sich beispielsweise auf die Altersgrenzen der In-Vitro-Fertilisation (IVF). Die künstliche Befruchtung einer 70-jährigen könnte hier nicht stattfinden, in Indien ist sie rechtlich möglich. Auch die Prä-Implantations-Diagnostik (PID) ist hierzulande gesetzlich zumindest nicht eindeutig erlaubt, in Belgien oder einigen osteuropäischen Ländern jedoch kein Problem. Dort kann man eine IVF mit PID bekommen, also die Reproduktionsmedizin inklusive der genetischen Überprüfung der außerkörperlich entstandenen Embryonen.

Die Preishierarchien, rechtlichen Differenzen und sozialen Unterschiede sind als Motor der globalisierten Märkte politisch akzeptiert?
Medizintourismus ist politisch gewollt – sei es für Augenoperationen, Zahnsanierungen, Schönheitschirurgie oder auch Reproduktionsmedizin. Manche IVF-Zentren, beispielsweise in Südafrika, werben mit niedrigen Preisen, wunderbarem westlichen Hotel-Standard, hohem medizinischen Standard und mit einem reichen ethnischen Spendenpool. Das ist ein boomender und ausweitungsfähiger Markt, der sich nicht mehr allein um mehr oder weniger preiswerte Angebote für kranke Menschen organisiert. Medizin ist weltweit ein lukrativer Markt, »Gesundheit«, »Wellness« oder »Schönheit« sind ausbaufähige Konsumgüter, und die Grenze zur medizinisch notwendigen Versorgung ist sehr durchlässig geworden. Frauen, die als »unfruchtbar« oder »genetisch riskant« klassifiziert werden, sind ja nicht krank. Hier kann Bedarf geschaffen werden, der mit Lifestyle und Urlaub kombiniert wird.
Der reproduktive Sektor kann zusätzlich auf eine lange Tradition bauen, die besonders die gebildeten und zahlungskräftigen Frauen dazu auffordert, Kinder zu kriegen und zu wollen. Diese Frauen können auf etablierte medizinische Angebote setzen, die die Illusion befördern, der eigene Nachwuchs sei planbar und qualitätsgeprüft. Pränatale Diagnostik und Schwangerenvorsorge sind bevölkerungspolitisch motiviert. Diese Angebote sind zudem zu individuellen Wünschen, Bedürfnissen, sozialen Erwartungen und individuellen Körperwahrnehmungen geronnen. Das ist der soziale Boden, auf dem nun die kommerziellen Reproduktions- und Eizellmärkte gedeihen.

Inwiefern spielen Herkunft und Hautfarbe eine Rolle für die Möglichkeit zu spenden? Sind sie bei der Nachfrage seitens der EizellempfängerInnen von Bedeutung?
Sofern die Eizellen für reproduktive Zwecke verwendet werden, spielen der Status, der gesundheitliche Zustand und auch die ethnische Herkunft sehr wohl eine Rolle. Die fixe Idee, dass gesellschaftlicher Erfolg oder Genialität auch genetisch bedingt sei, ist mit der Genomforschung, der Reproduktionsmedizin und den entsprechenden Diskursen mittlerweile wieder populär geworden. Genau das ermöglicht die Fortpflanzungsindustrie und ihre Profite. Das ist aber etwas anderes als die rassischen Kategorien des 19. und 20. Jahrhunderts. Eizellen schwarzer Frauen sind durchaus gewollt, wenn man sich ein entsprechendes Kind kreieren will. In den USA sind es besonders gut situierte weiße Frauen, die Eizellspenderinnen werden. Es gibt dort sogar Vermittlungsagenturen, die sich auf spezielle Frauen aus speziellen Klassen oder aus spezifischen Berufen konzentrieren. Die kalifornische Agentur CN-Angels beispielsweise vermittelt Eizellen von Models. Ethnische Herkunft wird als ästhetische Kategorie gesehen, Beruf oder Hobbys als erwerbbarer biologischer Baustein für die »Nachwuchsproduktion«.
Ein neuer Bereich ist die Klon- und Stammzellforschung, die ebenfalls auf Eizellen angewiesen ist. Hier spielen Kategorien wie Herkunft, Ethnie usw. keine Rolle. In diesem Kontext sind Eizellen reiner Rohstoff für Laborprozesse. Sollten die Klonverfahren, um Stammzellen und transplantationsfähiges Gewebe zu produzieren, jemals tatsächlich gelingen, dann wird der Bedarf an weiblichen Eizellen bioindustrielle Dimensionen annehmen.

Was bedeutet die Eizellentnahme für die Gesundheit der Spenderinnen?
Die Frauen müssen sich hormonstimulieren lassen. Die Gabe von Hormonen birgt immer ein (Krebs)Risiko. Im Falle des Unternehmens Global Art haben einzelne Frauen ein so genanntes Überstimulationssyndrom ausgebildet: Der Bauch bläht sich zum Teil fußballgroß auf, die Eierstöcke werden geschädigt, Wasseransammlungen im Körper entstehen. Das kann zur Unfruchtbarkeit oder bis zum Tode führen.

Es gibt ReproduktionstechnologInnen, die in der Eizellspende eine Chance für Arme sehen, sich am eigenen Schopf aus der Misere zu ziehen...
Ja, es gibt ÖkonomInnen und PhilosophInnen, die den Verkauf von Körpersubstanzen – seien es Organe, Eizellen oder anderes Gewebe – mit dem Verkauf von Arbeitskraft oder intellektuellem Eigentum gleichsetzen und so normalisieren wollen. Die Armen dieser Welt hätten damit eine Chance, ihre Lage zu verbessern, und die Körperressourcen für die behandlungsbedürftigen ZahlerInnen würden nicht mehr knapp sein – eine »win-win«-Situation. Ein solches Modell der Selbstvermarktung wird aber bisher nur von sehr marktradikalen SpezialistInnen angeführt. Öffentlich wird eher das Modell der altruistischen Spende favorisiert. Frauen »helfen« unfruchtbaren Frauen, lautet die dominierende Botschaft. In den USA gibt es Zeitungen, in denen die aus den Reproduktionspraktiken entstandenen Familien ausführlich beschrieben werden. Damit wird eine ganz neue soziale Welt geschaffen. Das Geld spielt zwar eine große Rolle, aber nicht in der Darstellung der Motive – sowohl der Anbieterinnen als auch der Spenderinnen. Dennoch ist unübersehbar: Frauen unterziehen sich Hormonbehandlungen und operativen Ei-Entnahmen nur, wenn sie materielle Vorteile davon haben. Doch die offensive Direktvermarktung als Diskurs, das passt nicht in den Mythos und die Selbstinszenierung einer Medizin, die Macht über den »reproduktiven« Körper als Heilbehandlung darbietet.

Wobei der politische Diskurs und die rechtliche Frage den technischen Möglichkeiten hinterher hinken...
Die ökonomischen Interessen sind zentral. Das Gebiet ist extrem privatisiert. Es funktioniert nach Profitinteressen und Wachstumsoptionen. Eizell-Geberinnen wie auch unfruchtbar oder genetisch riskant klassifizierte Frauen werden in ihren individuellen Lebens- und Leidenssituationen kommerziell ausgenutzt. Altruistische Mitmachbereitschaft normalisiert gleichzeitig die Vorstellung, dass Eizellen hilfreich für andere sind. Das wiederum ist notwendig, um diese kommerziellen Zonen überhaupt zu schaffen und perspektivisch auch die Selbstvermarktung vieler Frauen als ebenso normal anzusehen wie den Verkauf der Arbeitskraft. »Frei« ist die Abgabe von Teilen seiner selbst jedoch nie. Sie ist entweder der materiellen Not geschuldet, oder sie wird in Familien zum Beispiel erwartet, um Familienangehörigen zu helfen, um Ausbildungen zu bezahlen, um Luxus zu ermöglichen.

Kinderlosigkeit ist für Frauen überall auf der Welt oft ein soziales Problem. Ist es möglich, dass das Thema »Unfruchtbarkeit« für die Reproduktionstechnologie gerade auch im globalen Süden ein Potential darstellt?
Jotsna Gupta, die in den Niederlanden forscht, hat die Reproduktionsangebote in den USA, Europa und Indien verglichen. Sie stellte fest, dass die Eizellspende in Indien weniger ein Geschäft zwischen anonym bleibenden Spenderinnen und Empfängerinnen ist, sondern eher zwischen Verwandten stattfindet, ähnlich wie bei Adoptionen. Die Spenderinnen sind oft Schwestern, Kusinen oder Schwägerinnen. Die Frauen werden in ihrer Rolle als Gebärende, als Helferinnen gebeten, diesen »Dienst« zu leisten. Zahlungsfähige Mittelschichtangehörige können potentiell von der IVF mit und ohne fremde Eizellen, über die vorgeburtliche Geschlechtsauswahl bis zur Leihmutterschaft für rund 10.000 Euro reproduktive Dienstleistungen kaufen. Das sollen sie nach Gusto der Privatkliniken in steigendem Maße tun – und zwar auch im Sinne einer »nachholenden Entwicklung«. Möglich ist aber auch, dass eine starke indische Frauenbewegung solche Entwicklungen durchkreuzt. Im Iran, sonst als islamisch-fundamentalistisches Land geltend, gibt es sowohl Eizellspenden als auch Geschlechtsauswahl. Die Reproduktionstechnologie ist hier völlig liberal organisiert und frei von Restriktionen. In Osteuropa ist die Spende von Eizellen eher erlaubt, aber der Eizellhandel ist durchaus verboten. Welche Praktiken möglich sind, das hängt nicht nur an Paragrafen, sondern auch an politischer Kritik, an internationaler Öffentlichkeit. Das Eizellzentrum Global Art in Bukarest ist durchsucht und zeitweise geschlossen worden, weil betroffene Frauen sich nicht mit ihren gesundheitlichen Schäden abgefunden haben, weil JournalistInnen die Geschäfte öffentlich machten, weil Frauenorganisationen in verschiedenen Ländern protestierten und weil im EU-Parlament diese Proteste aufgegriffen wurden.

Frauenkörper wurden in der Medizingeschichte immer als etwas kontroll- und behandlungsbedürftiges betrachtet. Setzt sich eine ähnliche Sichtweise mit den heutigen Repro-Technologien fort?
Unbedingt. Die Kontrolle der Gebärfähigkeit hat eine lange medizinische und staatliche Geschichte: Sterilisationen und Hormonpräparate für arme oder kranke Frauen, fortpflanzungsförderliche Familien- und Steuerpolitik für gebildete Schichten. Die Gestaltung des Bevölkerungskörpers über eine Politik von Unfruchtbarmachung oder Gebäranreizen ist üblich. Mit den Reproduktionstechniken wird diese Politik erweitert. Frauen, die gebären sollen und wollen, können zwischen verschiedenen Techniken, Preisen und Kliniken »wählen«. Dass Frauen solche Angebote als positiv, als Zugewinn an individueller Wahl ansehen, das ändert weder etwas am bevölkerungspolitischen noch am ökonomischen Charakter.

Welche Gefahren sehen Sie perspektivisch in der Reproduktionsmedizin, und wo sind vielleicht Befreiungspotenziale ernst zu nehmen?
Seit es die Reproduktionstechnologie gibt, haben sich Frauenorganisationen damit beschäftigt, in allen Teilen der Welt. Besonders die außerparlamentarische Frauenbewegung der 1980er Jahre kritisierte bevölkerungspolitische Programme im globalen Süden. Das waren insbesondere Hormonpräparate und Sterilisierungen, um Frauen unfruchtbar zu machen. Sie hat die »Industrialisierung der Fortpflanzung« im Westen kritisiert, die den neuen Reproduktionstechnologien innewohnt und die eugenischen Interessen problematisiert, die mit pränataler Diagnostik und Genomforschung eine Renaissance erfahren haben. Internationale Frauenorganisationen wie FINRRAGE (Feminist International Network on Resistance to Reproductive Technology and Genetic Engineering) haben gegen die globale Bevölkerungspolitik, deren Austragungsort der Frauenkörper ist, in Form von internationalen Kampagnen opponiert.
Es gab – insbesondere im US-amerikanischen Raum und unter feministischen Akademikerinnen – aber auch andere Positionen, die das Freiheitspotential durch neue, reproduktive Konsumangebote betonten. Das war aber keine Position, die mehrheitlich in den Frauenbewegungen vertreten wurde. Die Frage war eher: Wie erklären wir, dass Frauen diese Technologien wollen? Mit welchen Argumenten können wir auf deren bevölkerungspolitisches Potential aufmerksam machen? Wie können wir die sozialen Zwänge sichtbar machen, die Frauen bewegen, gesundheitlich sehr belastende Befruchtungszyklen nachzufragen? Wie kann der eugenische Charakter der Genomforschung erklärt werden? Die Angebote bauen aufeinander auf, sie werden immer ausufernder. Frauen sollten Kinder bekommen, dann sollten sie gesunde Kinder bekommen. Unfruchtbare Frauen sollten sich hormonstimmulieren lassen, dann sollten sie sich wegen der Unfruchtbarkeit des Mannes reproduktiven Eingriffen unterziehen. Nun ist das genetisch riskante Paar eine Art neuer Patient. Hinzu kommt die fortpflanzungswillige Frau nach der Menopause, diejenige, die sich über Eizellspende die schädigende Hormonbehandlung erspart, diejenige, die wegen genetischer Risiken oder schädigender Krebsbehandlung Eizellen anderer Frauen braucht.
Der Begriff der »Freiheit« ist ans medizinische Dienstleistungsangebot gekoppelt. Die Aufforderung zur Abgabe von Eizellen, die in Stammzellforschungen und anderen Laborexperimenten verbraucht werden, das ist dann die Freiheit, an bioindustriellen Wertschöpfungen teilzunehmen. Ob Frauen das nun individuell wollen, kann nicht der Maßstab sein. Das Projekt ist politisch und es ist nicht »nur« dazu angetan, die Gebärfähigkeit von Frauen biomächtig zu kontrollieren, sondern ihren Körper für profitable Produktionsprozesse dienlich zu machen. Genau das ist kein individuelles Problem.

Das eingeforderte Befreiungspotential ist eigentlich in der Gesellschaft zu suchen...
...in der Veränderung von sozialen Beziehungen und von Geschlechterverhältnissen. Und auch in der Veränderung des Gesundheitssystems. Es ist die kritikwürdige Privatisierung des Gesundheitswesen, die die privaten Reproduktionskliniken wachsen lässt – nicht um Patientinnen, sondern um Kundinnen der »Ware Gesundheit« anzulocken.

Erika Feyerabend ist freie Journalistin und Gründungsmitglied von BioSkop.

Das Interview führte Martina Backes.

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