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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 321 | umkämpftes Recht auf Gesundheit Helge Buttkereit: Utopische Realpolitik

Helge Buttkereit: Utopische Realpolitik

Die Neue Linke in Lateinamerika. Pahl-Rugenstein Verlag, Bonn 2010. 161 Seiten, 16, 90 Euro.

Warum auf die Revolution warten?

Der Journalist und Politikwissenschaftler Helge Buttkereit liefert mit dem Buch Utopische Realpolitik eine zusammenfassende Studie über aktuelle soziale Bewegungen Lateinamerikas, die einen revolutionären Anspruch haben. Diesen definiert Buttkereit als »Realpolitische Utopien« von Bewegungen, die versuchen, über das derzeit Mögliche in der aktuellen Politik hinaus eine emanzipatorische und gerechte Gesellschaft zu gründen. Den Schwerpunkt legt der Autor hauptsächlich auf antikapitalistische, antineoliberale und antiimperialistische Bewegungen in Venezuela, Bolivien, Chiapas und Teilen Ecuadors.
Durch seine Darstellung verschiedener Gruppen, Strömungen und Kollektive Lateinamerikas, die basisdemokratisch und selbstorganisiert in sogenannten communidades und sindicatos verwaltet werden, vermittelt Buttkereit einen dezidierten Überblick darüber, wie verankert das Aufbegehren gegen (Fremd-)Herrschaft in der Bevölkerung ist. Diese selbstorganisierte Basis bezeichnet der Autor als das ausschlaggebende »Neue an der Neuen Linken«, die oftmals nur anhand der anti-neoliberalen Politik der Präsidenten Morales, Chávez und Correa definiert werde. Die häufigen Bezüge zu globaler (post-)kolonialer, imperialistischer und linker Geschichte machen das Buch abwechslungsreich. Engagiert, zuweilen sehr kritisch und mit großer Sympathie für die sozialpolitischen Entwicklungen in Lateinamerika nimmt Buttkereit die LeserInnen an die Hand und führt sie durch den Dschungel der verschiedenen sozialen Bewegungen, Netzwerke, Kooperationen und Einzelakteure.
Die von Buttkereit ausgewählten Zitate – zum Beispiel von Rudi Dutschke, Ché Guevara und Subcomandante Marcos – könnten passender nicht sein, lassen aber eine kritikfreie Idealisierung der Genannten erahnen. Etwas unterbelichtet bleibt auch die Rolle der Frauen, selbst wenn sich im Buch einige Beispiele von Arbeiterinnen-Kollektiven finden. Wäre es nicht gerade bei einer Analyse der Neuen Linken interessant zu erfahren, inwieweit in den vom Machismo sehr stark geprägten Ländern die Revolution möglicherweise zur Emanzipation der Frauen beigetragen hat? Aber Vollständigkeit ist bei der Darstellung linker Bewegungen nicht möglich und auch nicht Buttkereits Anspruch. Ihm geht es darum, Denkanstöße zu liefern. Wem »Ya Basta!«, die Zapatisten, MAS und ALBA noch fremde Begriffe sind, dem sei dieses Buch als Einstieg ans Herz gelegt.

Sophie Mercadé

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