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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 321 | umkämpftes Recht auf Gesundheit Hilary Wainwright: Reclaim the State

Hilary Wainwright: Reclaim the State

Experiments in Popular Democracy. New Revised Edition, Seagull, London/New York/Calcutta 2009. 470 Seiten, 17,99 Euro.

Demokratie lokal

Hilary Wainwrights neuer 470-Seiten Wälzer handelt von der Demokratie. Doch anders als die meisten Bücher, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen, beginnt Reclaim the State nicht im antiken Griechenland, sondern im brasilianischen Porto Alegre der Gegenwart. Seit 1989 entscheiden die BürgerInnen dort Jahr für Jahr über einen Teil ‚ihres’ Stadthaushaltes. Von Porto Alegre aus führt Wainwright ihre LeserInnen nach England, Norwegen, Italien und Spanien, um dort ähnliche Modelle partizipativer Mitbestimmung und Haushaltsverfahren auf lokaler Ebene zu erkunden. »Reclaim the State« fragt nach aktuellen Formen direkter Demokratie, nach Gerechtigkeit, Umverteilung und dem Zugang zu (öffentlichen und privaten) Ressourcen. Und es beschäftigt sich mit den alltagspraktischen Problemen von Demokratie jenseits der Wahlurne.
Dabei geht die britische Soziologin, die auch das linke Magazin Red Pepper mit herausgibt, in dreierlei Hinsicht über den bloßen Vergleich verschiedener Fallstudien hinaus: Erstens stellt Wainwright den empirischen Kapiteln einen ausgezeichneten historischen und theoretischen Teil voran. Neben grundlegenden Überlegungen zu Macht, Herrschaft und Demokratie geht es ihr um die Kritik an Formen lokaler BürgerInnenbeteiligung, wie sie in der zweiten Phase des Neoliberalismus, also ab etwa Mitte der 1990er Jahre, entwickelt worden sind: in Deutschland zum Beispiel im Rahmen des Bundesprogramms »Soziale Stadt« und in England unter Tony Blair als »New Deal for Communities«. Zweitens beruht Wainwrights empirische Analyse auf zwei langen Feldforschungsphasen. Eine erste Ausgabe von »Reclaim the State« erschien bereits und enthielt Material aus den 1990er und frühen 2000er Jahren. Für die überarbeitete zweite Ausgabe von 2009 besuchte Wainwright vier der Städte in Brasilien und England ein zweites Mal und ergänzte das Buch um weitere Fallstudien aus anderen Ländern. Daher leistet die Neuausgabe nun auch einen Zeitvergleich. Im Fall von Porto Alegre etwa fragt die Autorin, wie sich die Abwahl des linken Bürgermeisters im Jahr 2004 auf den BürgerInnenhaushalt ausgewirkt hat und diskutiert die lokalen Veränderungen nach dem Amtsantritt von Lula im Jahr 2002.
Drittens ist das Buch nicht nur gut recherchiert, sondern auch ausgezeichnet geschrieben. Über weite Strecken liest es sich wie eine Reportage. Die LeserInnen begleiten Wainwright zu brasilianischen Nachbarschaftsworkshops, zu Interviews mit GewerkschaftsaktivistInnen in Newcastle und auf Stadtspaziergänge im italienischen Grottammare. Dabei werden die alltäglichen Probleme bei der Einführung und Weiterentwicklung partizipativer demokratischer Verfahren anschaulich. Für alle, die sich mit BürgerInnenhaushalten und lokaler Demokratie beschäftigen, ist »Reclaim the State« ein Muss. Es bietet eine theoretisch fundierte und empirisch dichte Analyse aktueller und praxisrelevanter Beispiele. Einziges Manko: Obwohl das Buch bereits in mehrere Sprachen übersetzt worden ist, gibt es immer noch keine deutsche Fassung.

Henrik Lebuhn

321 | umkämpftes Recht auf Gesundheit
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