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Ghada Abdelaal: Ich will heiraten!

Partnersuche auf Ägyptisch. Lenos Verlag, Basel 2010, 218 Seiten, 14,90 Euro.

Partnersuche auf Ägyptisch

Wie findet eine Frau heutzutage in einem Land wie Ägypten den ‚Mann fürs Leben’? Vor allem, wenn frau nicht mehr zu den Jüngsten zählt, was in dem Land am Nil bereits ab dreißig Jahren der Fall ist? Ghada Abdelaal stellt sich in ihrem Buch Ich will heiraten! genau dieser Frage und traf damit einen Nerv vieler Frauen. Das beweist der große Zuspruch ihres arabischsprachigen Blogs »Wanna be a bride«, in dem sie 2006 ihre ersten Texte zu diesem Thema ins Netz stellte. Viele Ägypterinnen sahen sich dadurch ermutigt, ihre Sicht der Dinge und ihre persönlichen Erfahrungen zu diesem Thema in Blogs zu veröffentlichen. Das nun in deutscher Übersetzung erschienene Buch ist eine Zusammenstellung der Texte von Ghada Abdelaal.

Die Autorin, Jahrgang 1978, arbeitet als Apothekerin in der ägyptischen Industriestadt Mahalla al-Kubra nordwestlich von Kairo. Als unverheiratete Frau über dreißig erlebt sie allerhand groteske Situationen mit potenziellen Heiratskandidaten. Sie sind Realsatire pur: Vom Militärangehörigen, der die Sittenpolizei beauftragt, sich über sie und ihre Familie zu erkundigen, einem äußerst attraktiven Arzt, der nicht mal ein Studium abgeschlossen hat, bis hin zu einem bereits im Ausland verheirateten Ägypter, der von seiner Mutter zu einer weiteren Heirat mit einer Ägypterin gedrängt wird. Schließlich macht sie sogar ein Heiratsantrag eines Unbekannten im Bus um ihre Geldbörse leichter. Absurdität, Tragik und Humor liegen dabei dicht beieinander, und Abdelaal versteht es in einer erfrischenden unterhaltsamen Art, diese Situationen lebendig zu vermitteln.

Dazwischen finden sich Kapitel mit teilweise ernsten, reflektierenden Anklängen. Etwa wenn es um das Thema Geld und Heirat geht, die hohen Ansprüche der Familien bezüglich der Aussteuer, die angesichts der dramatischen wirtschaftlichen Entwicklungen kaum zu erfüllen sind. Ist da noch irgendwo Platz für ein Gefühl wie Liebe?, lässt sich zu Recht fragen.

Das gegenseitige Kennenlernen vor der Ehe ist in Ägypten nur bedingt möglich, da die Eheanbahnung über Bekannte und Verwandte der übliche Weg ist. Anhand der zehn Heiratskandidaten, die sich bei Abdelaal – letztlich erfolglos – vorstellen, fächert sie anschaulich die heutigen gesellschaftlichen Probleme auf, mit denen nicht nur die Autorin selbst konfrontiert wird. So verfügen heute wesentlich mehr Frauen in ihrer Altersgruppe über einen Hochschulabschluss als früher, sie sind berufstätig und haben sich einen eigenen Freundeskreis aufgebaut. »Die Frau von dreißig arbeitet, verdient Geld und braucht keinen Mann, der sie ernährt«, schreibt »Bride« alias Ghada Abdelaal frei heraus.

Auf der Seite der Männer herrschten jedoch oft überkommene Vorstellungen, bei denen Traditionen, die starke Bindung an die eigene Mutter und auch ein Wiedererstarken der Religiösität eine Rolle spielen. Ghada Abdelaal spricht sich klar für mehr Selbstbestimmung von  Ägypterinnen aus – und das nicht nur bei der Suche nach dem richtigen Ehepartner.

Die im Buch geschilderten Episoden wurden inzwischen als Fernsehserie verfilmt und jüngst im Fastenmonat Ramadan ausgestrahlt. Herausgekommen ist dabei seichte Fernsehunterhaltung mit Slapstick-Charakter – ohne kritischen Unterton und ohne die Forderungen nach Veränderung, die Abdelaal in ihrem Buch artikuliert.

Sandra Megahed

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