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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 323 | Die Islamdebatte Editorial Themenschwerpunkt

Editorial Themenschwerpunkt

Die Islamdebatte

Über den Islam wird im Okzident seit Jahrhunderten räsoniert. Oft löste er Faszination aus, das bekannteste Beispiel dürfte der »West-östliche Divan« von Goethe sein. Doch im Rahmen der seit rund zehn Jahren geführten »Islamdebatte« wird der Islam vor allem hinsichtlich der Fragestellung thematisiert, ob er gewaltverherrlichend und gegenaufklärerisch sei. Auslöser dafür war die Islamisierung des palästinensischen Protests gegen die israelische Besatzung im Rahmen der Al-Aksa-Intifada, die sich unter anderem in Selbstmordattentaten und Märtyrerkult manifestierte. Massiv beschleunigt wurde die Islamdebatte durch die Anschläge vom 11. September 2001 und den War on Terror, dessen militärische Komponente fast ausschließlich in Ländern mit muslimischer Mehrheitsbevölkerung ausgetragen wird.

Anschläge islamistischer Gruppierungen sowie antimuslimische Kampagnen etwa gegen Moscheenbau führten zur weiteren Verhärtung der Fronten. Und es erweiterten sich die Themen der Islamdebatte: Bald ging es nicht mehr nur um den Terror von Taliban und Hamas, sondern auch um Frauenunterdrückung, Homophobie und Parallelgesellschaften. Die medialen Öffentlichkeiten sowohl im Westen als auch in muslimischen Ländern zeigten sich ungeheuer erregbar, wie im Fall der Mohammed-Karikaturen. Der von Samuel Huntington herbei geschriebene »Kampf der Kulturen« ist als Kampf der Religionen teilweise Realität geworden.

In den Feuilletons tobt seither ein heftiger, in seiner Rigorosität oft unerträglicher Schlagabtausch zwischen »IslamkritikerInnen« und »IslamversteherInnen«. Auf beiden Seiten wird munter essentialisiert: Den einen gilt der Islam als per se friedliche Religion; der Islamismus wird als mehr oder minder randständige Abweichung vom wahren Geist der islamischen Religionslehre verharmlost. Reflexhaft wehren sie jede Religionskritik am Islam ab und verfangen sich in den Angeln des Kulturrelativismus oder des Orientalismus. Die anderen geißeln den Islam und den Koran als durchweg gewaltorientiert; er habe keine Aufklärung nach westlichem Vorbild durchlaufen und sei daher rückständig.

Tief gespalten sind beim Thema Islam auch die Linke und die Frauenbewegung. Die einen berufen sich auf die Werte von Aufklärung und Emanzipation und wenden sich gegen den umfassenden Herrschaftsanspruch des Islam, wie er durch Kopftuchgebote, »Ehren«morde, Homophobie, islamischen Antisemitismus und vieles mehr zum Ausdruck komme. Die anderen kritisieren die »Islamophobie« als Ausdruck eines westlichen Rassismus, der von der eigenen zivilisatorischen Überlegenheit ausginge. Beide Seiten neigen zu dubiosen BündnispartnerInnen und zur Ausblendung der problematischen Tendenzen auf der eigenen Seite. Dasselbe Phänomen ist zu beobachten bei manchen migrantischen ProtagonistInnen der Debatte, die sich von einer der beiden Seiten als KronzeugInnen vereinnahmen lassen.

Radikale Religionskritik ist zweifelsohne berechtigt – das ist beim Islam nicht anders als bei anderen Religionen, in deren Namen unterdrückt und gemordet wird. Doch die in westlichen Ländern gängige »Islamdebatte« zeichnet sich immer mehr durch Regression aus. Die Grenzen zwischen aufklärerischer, universeller Religionskritik am Islam in emanzipatorischer Absicht und populistischer, pauschalisierender und kulturalisierender Hetze gegen Muslime sind längst verschwommen. Für diese Entwicklung stehen in unterschiedlichem Ausmaß Namen wie Alice Schwarzer, Ralph Giordano, Justus Wertmüller, Henryk M. Broder, Oriana Fallaci, Pim Fortuyn, Geert Wilders und zuletzt Thilo Sarrazin. Ganz weit unten angekommen sind jene Bewegungen und Parteien, die sich in europäischen Ländern erfolgreich unter dem Label »Islamkritik« formieren, um eine seltsame Mischung aus xenophobem Rechtspopulismus, radikalem pro-westlichem Liberalismus und militantem Antifaschismus zu propagieren. Letzteres deshalb, weil man vor »Appeasement« gegenüber den »Islamfaschisten« warnt.

Unser Themenschwerpunkt soll nicht eruieren, was »der Islam« wirklich ist oder welche Facetten er aufweist. Gegenstand ist vielmehr die Debatte über den Islam. Anders gesagt: Es geht um die kritische Analyse der Diskurse über den Islam – im Wissen, dass legitime Religions- und Ideologiekritik umschlagen kann in antimuslimisches Ressentiment.

Ein mögliches Fazit aus diesem Themenschwerpunkt lautet: Viele der gesellschaftlichen Probleme, die im Rahmen der Islamdebatte mehr schlecht als recht verhandelt werden, wären in anderen Debatten besser aufgehoben. Etwa in einer Patriarchatsdebatte, in der Frauenunterdrückung und machistische Männerrollen angegangen werden, ohne sie ausschließlich im Kontext einer einzigen Religion zu verorten. Oder im Rahmen einer Nationalismusdebatte, Antisemitismusdebatte, Sozialdebatte und Rassismusdebatte, innerhalb derer selbstverständlich auch die Abgründe islamisch begründeter Ideologien nicht ausgespart werden dürfen.

Ein weiteres Fazit ist: Die derzeit in Tunesien, Ägypten oder Jemen geführten Debatten über die künftige Rolle

des Islam in Politik und Gesellschaft sind von einer ganz anderen Relevanz als in Europa. Hier geht es grundlegend um die Gestaltung des alltäglichen Lebens, nicht um einen Kulturkonflikt.

 

die redaktion

 

Wir danken der Rosa Luxemburg Stiftung für die Förderung des Themenschwerpunkts.

323 | Die Islamdebatte
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