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Hefteditorial

Das Leuchtturmministerium

»Wir wünschen euch eine gute Entwicklung da unten«. Mit diesen Worten hat Bundespräsident Heinrich Lübke einst auf einer Afrikareise allgemein verständlich zusammengefasst, auf welche Weise der tradierte kolonial-rassistische Paternalismus in der Bundesrepublik fortlebt. Seinen guten Wunsch teilt, wer weiß: Oben ist, wo die gute Entwicklung herkommt.

Erfolgreich zum Exportgut gemacht hat die Entwicklung insbesondere das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Und das seit nunmehr fünf Jahrzehnten. 50 Jahre Gutes tun, das will belohnt sein. Deshalb feiert das BMZ sich jetzt selbst, und zwar mit »Leuchtturm-Veranstaltungen 2011«.  Wer rätselt, was das soll, wird vom BMZ so aufgeklärt: Ein »Leuchtturm« ist eine Veranstaltung, bei der Lehren aus der Vergangenheit gezogen und Fragen zur Zukunft der deutschen Entwicklungspolitik diskutiert werden. Die Homepage des BMZ lädt mit einer Grafik, die einer steilen Wachstumskurve gleicht, zu insgesamt 14 Leuchttürmen ein. Höhepunkt der Kampagne ist ein hochkarätiges ProminentInnen-Forum, das in den Jubiläumsfestakt mit dem Bundespräsidenten mündet.

Die Ziele der Leuchtturmveranstaltungen klingen fortschrittlich: Das BMZ will »als lernende Organisation über sich hinausdenken«, sieht sich als »internationaler Impulsgeber und Zukunftsdenker«. Man würdigt, dass »Wälder auch spirituelle Bedeutung haben«. Und man will mit »dem ersten Menschenrechtskonzept des BMZ« »die Arbeit an den Menschen ausrichten, nicht an den Regierungen«.

Man hat ja schließlich aus früheren Fehlern gelernt. Das begann spätestens 1985, als ein kritisches Buch erschien, das sich nicht einfach als Werk notorischer NörglerInnen abtun ließ: Brigitte Erler, ehemals Referentin des BMZ und SPD-Bundestagsabgeordnete, kam von einer Projektbesichtigungsreise nach Bangladesch mit der Erkenntnis zurück, dass die gängige Entwicklungspolitik eine »Tödliche Hilfe« fabriziere: »Die Armen werden immer ärmer, die Reichen immer reicher«. Internationalistische Gruppen hatten dies zwar schon seit Anfang der 1970er Jahre behauptet, fanden aber im Gegensatz zu Erler kaum Resonanz.

Die BMZ-Führung wies damals jede Schuld von sich. Dennoch machten sich deutsche EntwicklungsstrategInnen daran, die Entwicklungshilfe weiterzuentwickeln. Heute gibt es nur noch »Entwicklungszusammenarbeit«, was natürlich viel besser klingt, denn: Wir alle leben ja in der Einen Welt und sind PartnerInnen. Die Hilfe diente fortan der Selbsthilfe, denn Abhängigkeit ist schlecht für die Entwicklung. Die alten Patentrezepte sollten nicht mehr übergestülpt werden. Keine Großtechnologie für Kleinbauern, denn: Small is beautiful. Bauer, bleib bei deiner Harke. Man ist ja kultursensibel. Die da »unten« brauchen angepasste Technologien. Wie praktisch, dass Deutschland Exportweltmeister auch für »saubere« Technologien ist.

In der Leuchtturmidee flackert auch etwas jüngere Geschichte nach. Ein wichtiger Einschnitt war sicher Erhard Epplers Amtszeit. Mit Unterstützung durch Willy Brandt sozialdemokratisierte die Lichtgestalt Eppler das BMZ so grundlegend, dass nicht mal die CSU-Minister der Kohl-Ära ganz davon abrücken konnten. Helmut Schmidt klagte einst über Eppler, er habe »gesponnen«, weil ihm die armen Länder mehr am Herzen lägen als es die politische Nüchternheit gebiete. Die Sozialdemokratisierung wurde spätestens seit den 1990ern begleitet von einer marktkonformen Sozialtechnokratisierung: Hilfe erhält, wer sich als Mikrokredit-KleinunternehmerIn auf dem Markt der Möglichkeiten seine Überlebensnische erkämpft. Kritik am Selbsthilfe- und am Mikrokreditmodell wurde aufgefangen mit dem Hinweis, man wolle doch nur das »Empowerment« der Armen erreichen. Das leuchtete auch den KritikerInnen ein, denn das Wort bedient die Perspektive derjenigen, die sich mit den Marginalisierten solidarisieren. Ausgeblendet wurde freilich, dass es bei Empowerment nicht um Powersharing geht, denn die Entwicklungsziele und -Strategien werden immer noch vom BMZ gesetzt. Beispielsweise soll den armen Menschen vor Ort geholfen werden, damit sie nicht als »Asylanten« die deutschen WutbürgerInnen zum Pogrom provozieren.

Doch von derlei hässlichen Dingen will man im Jubiläumsjahr nichts wissen. Mit glanzvollen Leuchtturmveranstaltungen wie der Verleihung des Walter-Scheel-Preises für verdiente EntwicklungshelferInnen soll normative Orientierung geboten werden. Geehrt wird beispielsweise Ulrich Wickert für sein strahlendes Lächeln als Patenonkel von Plan international. Oder Michael Otto, weil »das Angebot von Mode aus ‚Cotton made in Africa’ im OTTO-Versand kontinuierlich ausgeweitet werden« soll. Solches Engagement, so prognostiziert es der amtierende Minister Dirk Niebel, könne »Entwicklungspolitik zurück zu ihren Wurzeln führen«. Damit hat er zweifelsohne Recht.

die redaktion

Der Themenschwerpunkt »Globalisierungskritik« in der letzten Ausgabe 324 war von der Stiftung Umverteilen! gefördert worden, ohne dass wir einen Förderhinweis im Heft unterbringen konnten. Wir danken der »Umverteilen! – Stiftung für eine, solidarische Welt« herzlich für die Unterstützung.

325 | Chinas roter Kapitalismus
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