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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 325 | Chinas roter Kapitalismus Achim Bühl: Islamfeindlichkeit in Deutschland

Achim Bühl: Islamfeindlichkeit in Deutschland

Ursprünge, Akteure, Stereotype. VSA, Hamburg 2010. 319 Seiten, 22,80 Euro

Übers Ziel hinausgeschossen

Die Existenz einer Feindschaft gegenüber Muslimen in Deutschland wird spätestens seit der Sarrazin-Debatte immer weniger in Frage gestellt. Allerdings bleiben viele andere Aspekte nach wie vor umstritten, so etwa die Fragen nach der richtigen Begriffswahl (ist es Islamophobie, Islamfeindschaft oder antimuslimischer Rassismus?), nach der gesellschaftlichen Relevanz dieser Feindschaft und die Vergleichbarkeit zum Antisemitismus.

Achim Bühl, ein Protagonist dieser Debatten, legt jetzt seine Positionierung in einem Buch dar. Die erste Hälfte beschäftigt sich mit der historischen Islamfeindlichkeit und dem Islam selbst. Hier werden auf etwa 120 Seiten viele Themen angerissen: Die Kreuzzüge, die »Türkengefahr« im Mittelalter, Martin Luthers Antisemitismus und Islamfeindschaft, die Reconquista in Spanien, der Orientalismus, Karl May, Max Weber und die deutsch-türkischen Beziehungen. Es schließt sich ein kürzeres Kapitel an, in dem betont wird, inwiefern Islam ein Teil der europäischen Kultur und eine dem Christentum und Judentum verwandte Religion ist – mit der Absicht, die Konstruktion des Islams als »anders« und »fremd« zu durchbrechen.

Neben einigen interessanten Überlegungen, wie etwa über die Bedeutung der Reconquista für die weitere Entwicklung von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit, sind leider viele Mängel festzustellen. Erstens ist die Auswahl der Quellen und Literatur fragwürdig. Wissenschaftliche Literatur wird zu selten berücksichtigt, es wird überwiegend aus beliebigen Internetseiten geschöpft. Zweitens bleibt die Begründung für die These dürftig, dass eine tausend Jahre alte Islamfeindlichkeit festzustellen sei.

Wesentlich anregender ist die zweite Hälfte des Buches, die sich um die »moderne Islamfeindlichkeit« dreht. Zwar dient auch dieser Teil eher politischer Positionierung als ausdifferenzierter wissenschaftlicher Analyse. Aber der Autor leistet hier eine fundierte Kritik an antimuslimischen Ressentiments im Rahmen der deutschen »Islamdebatte«. Bühl schießt dabei manchmal über das Ziel hinaus, wenn er etwa die linke islamkritische Aktion 3. Welt Saar als »rassistisch« bezeichnet und eine ideologische Nähe zum Kulturkämpfer Samuel Huntington und zum »historischen Sendungsbewußtsein des imperialistischen Kolonialismus« behauptet. Abgesehen von solchen Merkwürdigkeiten werden die AkteurInnen und ihre Positionierungen in der Islamdebatte mittels deutlicher Benennung und übersichtlicher Darstellung aufgeschlüsselt.

Insgesamt scheint es, als würde sich die Qualität der »Islamdebatte« in diesem Buch widerspiegeln. Neben überzeugenden Analysen und nachvollziehbarer Kritik finden sich dürftig belegte Behauptungen und falsche Verknüpfungen. Die methodischen und inhaltlichen Mängel in der ersten Hälfte und manche allzu polemische Formulierung in der zweiten Hälfte des Buches bieten offene Flanken für Verrisse, wie sie etwa in der FAZ vom 4. April 2011 zu lesen waren. Dies kann auch von wohlwollenden LeserInnen kaum übersehen werden.

Ismail Küpeli

325 | Chinas roter Kapitalismus
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