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Freie Medien

Interview mit der Direktorin Karen Thorne über den Offenen Fernsehsender Cape Town TV

»Wir müssen für jeden Schritt kämpfen«

Cape Town TV (CTV) ist ein Offener Fernsehkanal in Kapstadt, Südafrika. Seit 2008 wird dort Community TV (etwa: Gemeinschaftsfernsehen) gemacht. Der nicht kommerzielle Sender vertritt einen partizipatorischen Ansatz der Massenmedien. In Dokumentationen, Nachrichten, Talkshows und anderen Sendungen sollen marginalisierte Gruppen eine Stimme erhalten. Gesendet wird entsprechend der Zusammensetzung der Community zu 50 Prozent in Englisch sowie in Afrikaans und IsiXhosa. (www.capetowntv.org)

Ralf Hutter: Sie arbeiten bei einem Fernsehsender, der zu den Community Media gehört. Diesen Begriff gibt es auf Deutsch nicht. Wofür steht er?

Grundsätzlich steht er für lokale Medien. In Nordamerika geht es dabei eher um Zugangsoffenheit: Alle sollen senden können und erhalten die nötige Ausbildung und Hilfestellung – wie beim Offenen Kanal Berlin. In Lateinamerika waren die Gemeinschaftsmedien mit progressiven Bewegungen verbunden, mit dem Kampf gegen Unterdrückung. Sie dienten der Mobilisierung innerhalb der Gemeinschaften und setzten sich für sozialen Wandel ein. Bei uns in Südafrika handelt es sich um eine Kombination von all dem.

Hinzu kommt, dass Community Media als der Gemeinschaft gehörend und von ihr kontrolliert angesehen werden. Sie sind gemeinnützig und der Aufsichtsrat wird demokratisch gewählt. Es gibt keine Trennung zwischen dem Sender und der Gemeinschaft. Wir senden nicht einfach nur für sie, sondern versuchen, ihre aktive Teilnahme zu erreichen. Allerdings nicht auf der Grundlage der Zugangsoffenheit, wie in den USA. In Afrika wäre das nicht nachhaltig, denn wir würden überrannt werden. Bei uns hat die Zivilgesellschaft einen sehr hohen Organisationsgrad. Wir versuchen, gezielt verschiedene Sektoren der Gemeinschaft in die Produktion einzubeziehen.

Wer formt denn diese Gemeinschaft?

Im Prinzip alle, die dort leben. Wir beziehen uns auf eine geografische Gemeinschaft. Darin gibt es Interessensgemeinschaften, beispielsweise den Sportsektor, Nichtregierungsorganisationen, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzen, religiöse Organisationen, Bildungseinrichtungen. Wir ermuntern sogar Regierungsstellen, die als solche eigentlich nicht mitmachen dürfen, den Kanal für Bildungskampagnen zu nutzen, etwa bezüglich der Straßenverkehrssicherheit oder des Gebrauchs von Kondomen.

Dann gibt es noch Produktionsfirmen. Wir betrachten sie als Teil der Gemeinschaft. Sie produzieren 30 Prozent unseres Programms. Wir haben ein Mischmodell, bei dem nicht nur AmateurInnen senden. Wir finden, dass Gemeinschaftsmedien auch Arbeitsplätze schaffen sollen. Gerade die öffentlich-rechtlichen Sender tun das nämlich nicht, sie arbeiten nur mit einigen sehr großen Produktionsfirmen zusammen. Dabei gibt es eine lebhafte Szene kleinerer Firmen. Die können bei uns Exposés einreichen. Wenn es zu unserer Programmpolitik passt, schicken wir ihnen eine Auftragsbestätigung. Mit diesem Brief suchen sie Geldquellen, zum Beispiel Werbeeinnahmen. Dafür behalten sie die Rechte an ihrem Beitrag. Ich kenne kein anderes Gemeinschaftsmedium, das einerseits seine ursprüngliche Rolle ausfüllt, andererseits Sendezeit für professionelle Beiträge reserviert. Dieser hochwertige Inhalt – etwa Magazine, Sport- oder Modesendungen – macht den Sender attraktiver. Wir wollen nicht nur ein Sender für arme Schwarze sein.

Wie kam es zu diesem einzigartigen Mischmodell?

Wir haben nicht einfach ein Modell übernommen, sondern uns dem lokalen Bedarf angepasst. Dass sich Sender nicht auch in anderen Städten so entwickelt haben, ist eine traurige Geschichte. Gemeinschaftsmedien werden nicht ernst genommen. Lizenzen wurden ohne Ausschreibung und Regelwerk erteilt. Auch wir bewarben uns nur, weil wir zufällig gehört hatten, dass die zuständige Behörde andernorts eine Lizenz erteilt hatte. Viele, die Lizenzen erhielten, gingen nie auf Sendung, oder wurden wieder abgesetzt, weil sie Rechnungen nicht zahlen konnten oder andere Probleme hatten. Jetzt sind nur noch zwei solcher Fernsehstationen auf Sendung – und in die andere, Soweto TV, hat sich eine große Produktionsfirma eingekauft. Eine weitere Lizenz wurde jetzt in der Provinz Eastern Cape vergeben. Ich habe große Hoffnungen in das Projekt, wenn auch derzeit der Einfluss der Regierung darauf groß ist.

Kann das journalistische CTV-Personal von seiner Arbeit leben?

Ja. Die Produktionen, die nicht von zivilgesellschaftlichen Organisationen selbst gemacht werden, sondern bei uns, werden von gemischten Teams erstellt: Profis, die auch ausbilden, zusammen mit Freiwilligen. Die Freiwilligen lernen dabei viel, was wichtig ist, denn eine höhere Bildung können sich die meisten nicht leisten. Für eine journalistische Laufbahn kann man bei uns in der Praxis lernen. Wir haben 13 Festangestellte und 30 Freiwillige.

Wie kamen Sie zu CTV?

Gemeinschaftsmedien sind seit meinem Journalismus-Studium in den 1980er Jahren meine Leidenschaft. Ich hatte einen sehr radikalen linken Professor, der mich in Medientheorien einführte. Dann arbeitete ich für eine Anti-Apartheid-Organisation, die den Kampf für das Gemeinschafts-TV begann. Ich war dann unter den Leuten in Kapstadt, die bemerkten, dass die Regulierungsbehörde Lizenzen ausstellte, nachdem wir 14 Jahre lang Lobbyarbeit dafür gemacht hatten. Ich bin auf progressive Medienorganisationen zugegangen und habe gesagt: Lasst es uns zusammen machen! Gemeinsam haben wir die Zivilgesellschaft mobilisiert. Als wir den Antrag stellten, hatten wir die Unterschriften von über 100 gemeinnützigen Organisationen als Gründungsmitglieder.

Wie ist der Fernsehmarkt in Kapstadt? Welche Position hat CTV?

Der Fernsehmarkt ist schlecht strukturiert. Es gibt in Südafrika landesweit drei öffentlich-rechtliche Sender, einen privaten sowie Bezahlfernsehen per Satellit. Aber es gibt keine regionalen Stationen – und auf lokaler Ebene nur Gemeinschaftsfernsehen. Nicht einmal in meinen wildesten Vorstellungen hätte ich angenommen, dass in einem demokratischen Südafrika das Gemeinschaftsfernsehen eine Stadt alleine bespielen würde.

Das hat Vor- und Nachteile. Zum einen haben wir keine Konkurrenz. Die Leute sind dankbar, dass es einen Kanal für Kapstadt gibt. Die Öffentlich-Rechtlichen senden aus Johannesburg. Wir werden trotz unserer Mängel überall eingeschaltet. Zum anderen gibt es aber riesige Erwartungen – wir sollen allen alles bieten. Dabei fühlen wir uns unserer traditionellen Rolle verpflichtet. Aber die Leute verstehen nicht wirklich das Konzept der Gemeinschaftsmedien. Wir mussten lange erklären, dass wir keine kleine Kopie der Öffentlich-Rechtlichen oder Kommerziellen sein wollen. All das hat dennoch unsere Ausrichtung beeinflusst. Daher das Mischmodell. Wir bringen auch kommerzielle Sendungen und Unterhaltung, denn das wollen die Leute.

Wie sieht die Programmstruktur von CTV aus?

Weil wir nicht viele Ressourcen haben und nicht viel selbst produzieren oder in Auftrag geben können, ist der Zeitplan etwas vage. Wir bringen viele gute Dokumentarfilme, was auch der beliebteste Programmteil ist. Al-Jazeera oder Deutsche Welle liefern internationale Nachrichtensendungen. Lokale Nachrichten haben wir täglich fünf Minuten, zukünftig soll das eine halbe Stunde sein. Abends gibt es Talkshows zu lokalen Themen. Wir bringen auch viele studentische Filme. Fiktionale Inhalte gibt es nicht. Wir planen aber mit einer Produktionsfirma eine Seifenoper, in der es um Jugendthemen gehen soll.

Wie finanziert sich CTV?

Unser Jahresbudget beträgt umgerechnet 500.000 Euro für ein 24-Stunden-Programm. Diese Summe würden unsere Öffentlich-Rechtlichen vielleicht schon für eine Party ausgeben. 40 Prozent davon sind Spenden von großen Stiftungen. Weitere 40 Prozent sind Gelder, die wir für die Ausstrahlung von staatlichen, kommerziellen und religiösen Sendungen nehmen. Fünf Prozent kommen durch Werbung. Der Rest sind Mitgliedsbeiträge und kleinere Spenden.

Wie weit können Sie senden und wie viele Menschen erreichen Sie?

Wir haben einen Radius von 110 Kilometern. In unserem Sendegebiet leben 2,5 Millionen Menschen. Monatlich schalten 1,2 Millionen Menschen mindestens einmal ein, im besten Fall sind es 150.000 gleichzeitig.

Wann entstand die Initiative für CTV?

Die Lobbyarbeit für Gemeinschaftsmedien begann schon 1991. Wir wollten den Community-Gedanken im neuen Rundfunkgesetz festgeschrieben sehen, das dann 1993 kam. In den folgenden 15 Jahren wurde vor allem auf die Lizenzierung von Gemeinschaftsradios geachtet. Dabei ist Fernsehen gar nicht viel teurer. Die ANC-Regierung war skeptisch gegenüber Gemeinschaftsfernsehen. Sie sollte auch Angst haben, denn es ist ein mächtiges Medium. Es ist nicht unbedingt im Interesse von Regierungen, der Zivilgesellschaft ein solches Sprachrohr zu geben. Der ANC hat durchaus eine Geschichte der Einmischungen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, die dessen Unabhängigkeit bedrohten.

Aber letztendlich zwangen wir sie dazu, Lizenzen herauszugeben. Die Gründung von CTV datiert auf September 2006, auf Sendung gingen wir im September 2008. Seitdem mussten und müssen wir für jeden einzelnen Schritt kämpfen: Um Frequenzen, gegen die hohen Sendekosten, auch für die Übernahme ins digitale Fernsehen – die wollten uns da einfach außen vor lassen! Einmal wurden wir abgeschaltet, weil wir einen Monat lang nicht den Netzbetreiber bezahlen konnten. Ohnehin haben wir erst seit September 2010 eine Lizenz für sieben Jahre. Vorher war die immer auf ein Jahr befristet.

All diese Kämpfe kosten sehr viel Energie. Wir müssen ständig gegen die Regierung den Raum für Gemeinschaftsmedien erhalten. Es ist traurig, dass die Vision für fortschrittliches Gemeinschaftsfernsehen in Südafrika nur zu einer einzigen Fernsehstation geführt hat, die dieser Vision weiterhin folgt. Zwei solcher Sender wurden sogar von der Regierung übernommen!

Besteht das Risiko, dass sich der Sender von seinem ursprünglichen Hintergrund entfernt?

CTV wird sich eher nicht von seinen Prinzipien entfernen. Wobei es schon wichtig ist, wer nach mir die Leitung übernehmen wird. Die meisten Medienleute sind konservativ. Es ist schwer, welche zu finden, die Grenzen erweitern wollen. Es gibt nicht so viele, die von einem radikalen Medienaktivismus her kommen. Viele Progressive sind im Zuge der Demokratisierung Südafrikas in Regierungsstellen oder große Medienorganisationen gegangen. Es gibt nicht mehr viele, die im gemeinnützigen Bereich arbeiten wollen. Es ist eine Herausforderung, eine neue Generation heranzuziehen, die den Stab weiter trägt.

 

Karen Thorne ist Direktorin von Cape Town TV. Interview und Übersetzung aus dem Englischen: Ralf Hutter.

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