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Hefteditorial

Das Böse externalisieren

Zehn Jahre ist es mittlerweile her, dass die Anschläge vom 11. September 2001 die Welt erschütterten. Bis heute bleiben diese Taten unbegreiflich, trotz aller Versuche, sie mit der islamistischen Gesinnung der Selbstmordattentäter zu ‚erklären’. Zwar ist die Spurensuche nach den ideologischen Motiven und Bezügen notwendig, schon allein, um solche Taten möglicherweise künftig verhindern zu können. Aber es muss dabei eingestanden werden: Es gibt Abgründe menschlichen Handelns, die sich den Versuchen einer Rationalisierung und Beeinflussung entziehen.

Genau dieses Unergründbare politisch und religiös motivierter Gewalt ist es, das Ängste und Überreaktionen auslöst. Das Erschrecken darüber, zu welchen Mordtaten bis dato unauffällige Menschen fähig sind, erlaubte es erstaunlich widerspruchslos, im Zuge des »Krieges gegen den Terror« jene Liberalität und Freiheit zu opfern, die man doch zu verteidigen vorgibt. Man will das Dunkle, das absolut Böse mit allen Mitteln bekämpfen, man will es von sich fern halten, es externalisieren – ganz so, als habe es nichts mit dieser (Welt-)Gesellschaft zu tun.

Der Massenmord, den Anders Behring Breivik auf der norwegischen Insel Utøya verübte, macht in ähnlicher Weise wie 9/11 fassungslos. Es ist nicht nur die enthemmte Brutalität der Tat selbst, die schockiert, es ist auch Breiviks ausführliche ‚Begründung’ für den exekutierten Hass. Breivik formuliert in seinem »Manifest« keine klassischen rechten oder gar neonazistischen Ideologeme, ein Begriff wie »Rasse« wird von ihm nicht verwendet. Er sieht sich vielmehr als selbsternannte Avantgarde im Kulturkampf gegen den Islam und den Multikulturalismus. Er gibt vor, zu vollstrecken, wozu andere nicht konsequent genug waren.

Doch so viele Quellen und ‚Belege’ er zitiert, so wortreich Breivik sich zu erklären versucht: Es bleibt das Manifest eines paranoiden Wahnsinnigen, vor dem Erklärungsversuche notwendigerweise versagen. Es ist daher viel zu kurz gegriffen, wenn Breiviks Handeln zur logischen, geradezu unausweichlichen Konsequenz des »Islamhasses« im Westen determiniert wird. »Der rassistische Wahn kommt mitten aus der westlichen Wertegemeinschaft«, glaubt beispielsweise Werner Pirker in der jungen Welt Breiviks Tat in einen größeren Kontext stellen zu können. Für ihn und einige andere KommentatorInnen scheinen die Morde von Utoya eine willkommene Steilvorlage für die eigene politische Agenda zu sein, sie werden umstandslos in eine Linie mit dem Irakkrieg, der Libyenintervention und Israels Besatzungspolitik gestellt. Nicht nur in Internetportalen wie Indymedia, auch in der seriösen Presse ist die Tat von Breivik zum austauschbaren Versatzstück in politischen Schlammschlachten geworden, zum Vehikel für billige Abrechnungen.

Es gibt aber auch eine gegenläufige Tendenz zum Determinismus, die nicht minder kritikwürdig ist: Die Pathologisierung, in der Breivik als bloßer Einzeltäter mit psychischen Problemen erscheint. Obwohl er sich in seinem Manifest um politische Begründungen bemühe, habe seine Tat nichts mit der realen Debatte über den Islam zu tun. Nicht immer drückt sich diese Abwehrhaltung so kaltschnäuzig aus wie bei dem Publizisten Henryk M. Broder, einem der wortgewaltigsten Islamkritiker in Deutschland. Er war in Breiviks Manifest mit der These zitiert worden, Europa ordne sich dem islamischen Machtanspruch unter. Gefragt, ob er sich darüber Sorgen mache, antwortete er: »Das einzige, worüber ich mir Sorgen mache, ist, woher ich Ersatzteile für meinen Morris Traveller aus dem Jahre 1971 bekomme.«

Mit deutlich größerem argumentativen Aufwand bemüht sich das ideologiekritische »Aktionsbündnis gegen Wutbürger« um eine Ehrenrettung der Islamkritik: »Anders Behring Breivik war als pathologischer Moslemhasser kein Islamkritiker, denn Kritik am Islam wird mit dem Ziel geübt, den Menschen etwas Besseres anzubieten als eine freudlose Religion, als Unfreiheit, Dogmatismus, Unterdrückung und Gewalt. Sie ist im besten Sinne aufklärerisch, als sie an den Moslem appelliert, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen und den Ausweg aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu suchen. Dies liegt vollkommen quer zu dem, was Breivik in seinem Manifest (...) schreibt«.

An dieser Einschätzung ist einiges dran, und doch macht es sich das »Aktionsbündnis« allzu einfach. Es unterschlägt, dass Islamkritik ein weites Feld ist. Mittlerweile dominant geworden ist darin eine rechtspopulistische Strömung, deren Tonfall aggressiv, verbissen und bösartig ist. Nicht anders als radikale IslamistInnen ist man beseelt vom ‚Wissen’ um die eigene Überlegenheit und hat für alle Andersdenkenden und -gläubigen nur Verachtung übrig. Leute wie Geert Wilders oder die BloggerInnen von Politically Incorrect sind Hassprediger mit einem geschlossenen Weltbild, die vorgeben, das Richtige – weil Aufklärerische – zu wollen, und dabei umso kompromissloser Feindbilder konstruieren, auf die ein Breivik sich dann glaubt berufen zu können.

Das Problem dieser Sorte von »Islamkritik« liegt bereits grundlegend in der Ausrufung eines »wir« gegen »die« begründet. In den einschlägigen alarmistischen Buchtiteln wie »Der Krieg in unseren Städten« (Udo Ulfkotte) oder »Hurra, wir kapitulieren« (Broder) wird eine simple Frontstellung konstruiert: Die Muslime versus die Deutschen. Oder in der verfeinerten Variante: Der Unterdrückungsanspruch des Islam versus Freiheit und Liberalität. Notwendige Differenzierungen bleiben da auf der Strecke, sie werden gar als »Appeasement« diskreditiert.

Was davon zu halten ist, hat Jörn Schulz in seinem Einleitungsbeitrag für den Themenschwerpunkt »Islamdebatte« (in iz3w 323) so formuliert: »Wer etwas über andere sagt, sagt immer auch etwas über sich selbst.« Insofern ist es nicht allein Breiviks Manifest, das Aufschluss gibt über die Abgründe der Weltgesellschaft, sondern auch das Reden über Breivik.

 

Eine nachdenkliche Sommerpause mit Zeit zum Innehalten nach norwegischem Vorbild wünscht

die redaktion

326 | LGBTI gegen Homophobie
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