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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 326 | LGBTI gegen Homophobie Editorial zum Themenschwerpunkt

Editorial zum Themenschwerpunkt

Schluss mit der Angst

Die Welt besteht nicht nur aus jenen zwei Sorten Mensch, die sich, als männlich und weiblich sauber klassifiziert, vom diametral entgegen gesetzten Geschlecht angezogen fühlen. Spätestens seit dem Hype um die Gay Prides von Moskau bis Mexiko gibt es einen spektakulären Ort der Akzeptanz für lesbische und schwule Identitäten.

Und es geht nicht nur um diese beiden. Wer sich nicht zwischen homo und hetero entscheiden will, ist bisexuell. Eine Person kann intersexuell – also mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen – leben. Sie kann eine transgender, vom biologischen Geschlecht abweichende Geschlechtsidentität haben. Die Formel LGBTI steht für lesbische, schwule, bisexuelle, trans* und intersexuelle Orientierungen. LGBTI will die Multitude sexueller Orientierungen benennen.1

Das Thema der sexuellen Identitäten ist umkämpft. In Uganda lag in der vorsommerlichen Legislaturperiode ein Anti-Gay-Gesetz vor, in dem Strafen bereits für die Unterstützung von Homosexualität vorgesehen waren. Schwulen, die mit dem HI-Virus infiziert sind und Sex haben, droht gar die Todesstrafe. Eine weltweite Gegenkampagne sorgte für die Aussetzung der Abstimmung. Nun will der Parlamentsabgeordnete Otto Odonga das Gesetz erneut einbringen. Anders läuft es in Litauen: Im Entwurf eines Mediengesetzes wurde Werbung für Homosexualität mit einer Strafe von bis zu 3.000 Euro belegt. Nach internationalen Protesten nimmt das litauische Parlament nun statt des Verbots einen Antidiskriminierungsartikel in das Gesetz auf.

In den letzten Jahren waren Erfolge für die Ankerkennung der LGBTIs zu verzeichnen. Die so genannte Homo-Ehe wird in immer mehr Ländern legalisiert, Antidiskriminierungsgesetze werden verabschiedet. Andererseits nehmen offene Anfeindungen nicht ab. »Schwul« ist auf jedem deutschen Schulhof eine abwertende Diffamierung. Trotz Antidiskriminierungsgesetzen steigt die Zahl von Hassverbrechen gegen LGBTIs. Ist das ein letztes Aufbäumen der homophoben Kräfte?

Dass die unterschiedlichen Sex- und Gender-Identitäten ihre Berechtigung haben, wurde jüngst explizit bei der UNO bestätigt. Im Juni hat der UN-Menschenrechtsrat eine Resolution gutgeheißen, welche die Rechte von Schwulen, Lesben und Transgender unterstreicht. Prompt meldete sich der Vatikan zu Wort und reklamierte, dass diese Entwicklung der Anfang davon sei, die Homosexuellen-Rechte in die weltweite Menschenrechtsagenda zu übernehmen. Laut Erzbischof Silvano Tomasi, stehe dies im Widerspruch zum Recht der freien Meinungsäußerung, die ja auch für religiöse Führer gelte. Weiter fordert er, dass die Staaten das Recht haben sollen, gewisse sexuelle Verhaltensweisen zu verbieten. Heute würden viele Christen verfolgt, nur weil sie Homosexualität ablehnen.

Verkehrte Welt auch an anderer Stelle. Die Tickermeldungen in diesem Themenschwerpunkt (nachzulesen unter www.gay.ch) stehen für die Diskrepanz zwischen rechtlichen Reformen und erlebter Realität von LGBTIs weltweit. Jüngst rief Paul Evans Aidoo, Minister der westlichen Provinz in Ghana, die Sicherheitskräfte dazu auf, die Schwulen im Lande ausfindig zu machen. Dazu sollten alle Grundbesitzer Männer melden, die sie als

homosexuell verdächtigen. Dieses »soziale Geschwür«, so Paul Evans Aidoo, sei verantwortlich dafür, dass die HIV/Aids-Rate angestiegen sei. Ein Auslöser war ein Zeitungsartikel, in dem geschrieben wurde, dass in der westlichen Provinz Ghanas rund 8.000 Schwule und Lesben leben würden. Christ*innen wie auch Muslim*a riefen einträchtig zu Protesten gegen Homosexualität auf.

Allerorten lassen sich solche Beispiele dafür finden, wie Homo- und Transphobie für den Erhalt patriarchaler, klerikaler, religiösfundamentalistischer oder politischer Macht eingesetzt wird. Das kann nur funktionieren, wenn diese Gesinnung als abrufbare Haltung in der Gesellschaft vorhanden ist. Die Auswirkungen auf LGBTIs sind heftig: Die Selbstmordraten von lesbischen, schwulen und bisexuellen Jugendlichen sind durchschnittlich fünfmal so hoch wie bei Heterosexuellen (bei Trans*Menschen liegen sie noch höher). Dahinter stehen Erfahrungen mit geschlechtsabhängiger Gewalt und Viktimisierung, Ausschluss aus Familien und sozialen Strukturen.

Natürlich ist Homophobie, die Ablehnung von Homo- und Bisexualität, mit Transphobie, der Ablehnung von transgender und trassexuellen Menschen, verbunden. Nicht selten geben sich auch Homophobie und Rassismus die Hand, wenn, egal wo, die eigene Identität das Maß aller Dinge wird. Mit dem Finger bei Homophobie einfach auf den Süden zu zeigen, ohne vor der eigenen Haustüre zu kehren, wäre eine Variante solchen Gebarens. Homophobe Gesetze im Süden sind oft auch koloniale Relikte. Homophobe Propaganda im Süden wird nicht selten von Religionssekten aus dem Norden unterstützt. Die europäische Asylpolitik in Bezug auf LGBTIs und deren Zugang zu Bildung, Arbeitsmarkt und Gesundheitswesen sind unzulänglich. Solidarische Kämpfe um Anerkennung der LGBTIs sind im Norden wie im Globalen Süden anzutreffen. In Indien und Pakistan ist die Welt für LGTBIs zwar alles andere als in Ordnung. Aber es gibt nun, was hierzulande noch undenkbar scheint (vgl. S. 29): ein juristisches drittes Geschlecht.

die redaktion

 

 

1              Um Zwischengeschlechter hier orthografisch mitzudenken, verwenden wir nicht unsere übliche gegenderte Schreibweise mit großem I, sondern symbolisch ein Sternchen als Platzhalter zur Kennzeichnung des ‚Gender Gap’. Die Lebensrealität wird weder von der traditionellen männlichen Schreibweise, noch von der binären männlich-weiblichen Schreibweise erfasst. Das Sternchen zeigt auf den Zwischenraum

326 | LGBTI gegen Homophobie
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