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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 326 | LGBTI gegen Homophobie Katharina Inhetveen: Die politische Ordnung des Flüchtlingslagers.

Katharina Inhetveen: Die politische Ordnung des Flüchtlingslagers.

Akteure – Macht – Organisation. Eine Ethnographie im Südlichen Afrika. Transcript, Bielefeld 2010. 440 Seiten, 35,80 Euro

Soziologie des Flüchtlingslagers

In den Sozialwissenschaften ist mittlerweile in Anschluss an den Philosophen Giorgio Agamben die Auffassung verbreitet, dass Lager ein konstitutiver Teil der Moderne sind. Lager und das nackte Leben in ihnen zeichnen laut Agamben die souveräne Macht aus. Katharina Inhetveen untersucht nun Die politische Ordnung des Flüchtlingslagers, also diejenigen Formen, »in denen sich die Perspektiven, Interessen sowie die Handlungsbeschränkungen und -ressourcen der Akteure [niederschlagen], die [...] durch lagerinterne Strukturen und unterschiedliche [...] Außenbeziehungen geprägt sind.« Sie fragt nach (Wahrnehmungs-) Mustern, Entscheidungsprozessen und Machtdynamiken sowie Einflüssen auf die AkteurInnen des aid business.

Inhetveens Vergleichsmodell ist die idealtypisch vom US-amerikanischen Soziologen Erving Goffman beschriebene »totale Institution«, die das Leben der ihr ausgesetzten Menschen allumfassend bestimmt (wie etwa Gefängnisse). Als theoretisches Werkzeug zieht Inhetveen den Neo-Institutionalismus heran, der unter anderem die Interaktion zwischen Institutionen und Gesellschaft in den Blick nimmt. Sie geht davon aus, dass ein Flüchtlingslager »ein spezifischer Fall von auf Dauer gestellter institutioneller, organisatorischer und kultureller Heterogenität« sei, es aber für sich eine Einheit bilde – jedoch ohne integrierte Verwaltung mit eindeutigen Hierarchien oder kongruenten Außenbeziehungen. Nichtsdestotrotz ähnelten sich Flüchtlingslager weltweit untereinander.

Empirischer Gegenstand von Inhetveens Studie sind zwei seit Jahrzehnten bestehende sambische Flüchtlingslager für AngolanerInnen. Viele ihrer Beschreibungen und Erkenntnisse überraschen nicht: So besteht eine große Distanz zwischen Flüchtlingen und den im Lager vertretenen Organisationen. Deren Arbeit wird zusätzlich dadurch unterminiert, dass die Hierarchien zwischen UNHCR, Gastland-Regierung sowie den im Lager arbeitenden NGOs nicht klar definiert sind. Die Mutterorganisationen der NGOs außerhalb des Lagers bleiben innerhalb der komplexen Beziehungsgefüge weisungsbefugt und interdependent. Hinzu kommt, dass sie zum Teil um dieselben Geldgeber konkurrieren.

Während diese Organisationen nach außen vom »humanitarian speak« geleitet sind, zählen nach innen organisationsrationale Prämissen. Die Flüchtlinge werden als »vulnerable victim« (verletzliches Opfer), als »cunning crook« (gerissener Betrüger) oder als Erziehungsgegenstand gesehen. Selbstorganisation wird nur soweit gestattet, wie es der »humanitarian speak« fordert und es die Organisationsabläufe im Lager optimiert. Die Flüchtlinge selbst beklagen die Einschränkungen im Lager und artikulieren gleichzeitig Dankbarkeit für die Hilfe. Sie organisieren ihr Leben in der dauerhaften Vorläufigkeit, der Willkür und den Freiräumen des Flüchtlingslagers, was ihnen je nach alten und neuen Machtstrukturen mal besser, mal schlechter gelingt.

Es sind diese vielfältigen Hierarchien und die Tatsache, dass Flüchtlingslager keineswegs vollständig abgeriegelt und durchorganisiert sind, die Inhetveen dazu bringen, die Lager als eigenständige Phänomene zu klassifizieren – als polyhierachische Gebilde mit einer enormen Distanz zwischen den ‘Insassen’ und den ‘Verwaltern’, voller Ambivalenzen und frei flottierendem Misstrauen. Die Einfachheit des Agamben’schen Diktums von der souveränen Macht in den Lagern wird ihnen aber nicht gerecht, vielmehr ebnet es die Unterschiede zwischen den verschiedenen totalen Institutionen ein.

Bei Inhetveens Studie handelt es sich um solide Wissenschaft, die viele Vorgänge im Flüchtlingslager dicht beschreibt. Eine Parteinahme ist nicht auszumachen. Doch es ist genau diese ‚Objektivität’, die das Buch an manchen Stellen steril wirken lässt. Etwas mehr Empathie jenseits des Neo-Institutionalismus hätte der Studie nicht geschadet.

Kerstin Bischl

326 | LGBTI gegen Homophobie
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