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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 326 | LGBTI gegen Homophobie Detlef Brandes/ H.Sundhaussen/S.Troebst(Hrsg): Lexikon der Vertreibungen.

Detlef Brandes/ H.Sundhaussen/S.Troebst(Hrsg): Lexikon der Vertreibungen.

Deportation, Zwangsaussiedlung und ethnische Säuberung im Europa des 20. Jahrhunderts. Böhlau Verlag, Wien 2010. 801 Seiten, 99.- Euro

Deutsche Opfer

Die Geschichte der Nationalstaaten ist untrennbar mit der Homogenisierung ihrer Bevölkerungen verbunden. Neben weniger gewaltsamen Methoden dienten auch Genozide, Massaker und Vertreibungen dazu, diese Homogenisierung zu erreichen. Diese Feststellung beschränkt sich keineswegs nur auf autoritäre Systeme oder gar nur auf »totalitäre« Regime. Auch demokratische Staaten waren und sind durchaus in der Lage, Teile der Bevölkerung als »anders« zu definieren und diese Gruppen dann mehr oder weniger gewalttätig zu dezimieren. Die Durchsetzung des Nationalstaates als dominante Form der politischen Ordnung führte so dazu, dass unzählige Gruppen Opfer staatlicher Gewalt wurden.

Einen Ausschnitt dieser Geschichte soll das Lexikon der Vertreibungen darstellen. Das 800-seitige Werk mit über 300 Einzelartikeln beschränkt sich auf Europa im 20. Jahrhundert. Das Schicksal vertriebener Deutscher erhält dabei überproportional viel Platz. Allein unter der Rubrik »Deutsche aus …« lassen sich 22 Artikel finden, so etwa »Deutsche aus Dobruscha«. Problematisch ist aber nicht nur das quantitative Übergewicht: Wie im Dobruscha-Artikel dargestellt wird, handelt es sich hierbei um die freiwillige Übersiedelung von circa 14.000 Deutschen aus Rumänien in das Deutsche Reich, wobei das zurückgelassene Eigentum entschädigt wurde. Offen bleibt, ob es sich hier überhaupt um Vertreibung handelt. Diese Übersiedlung bekommt im Lexikon in etwa gleich viel Raum zugesprochen wie der Genozid an der ArmenierInnen (1915) im Osmanischen Reich, der über eine Million Todesopfer hervorbrachte.

Dieser Schwerpunkt auf die deutschen Vertriebenen wird weder thematisiert noch begründet. Eine wohlwollende Erklärung wäre, dass die Autoren das Buch ausschließlich für LeserInnen konzipiert haben, die bisher wenig über deutsche Vertriebene erfahren konnten. Dies ist aber angesichts der deutschen Debatten der letzten Jahrzehnte, einschließlich jener in den Massenmedien, absurd.

Eine weitere Merkwürdigkeit bezieht sich auf die Sowjetunion als Täterin von Vertreibungen und Massaker. So geht es bei dem einzigen Artikel über die KurdInnen um die etwa 10.000 KurdInnen, die innerhalb der Sowjetunion in den 1930er und 1940er Jahren nach Zentralasien deportiert wurden, und um die Benachteiligung der KurdInnen in den postsowjetischen Staaten Armenien und Aserbaidschan. Dass die KurdInnen in Iran, Irak und Syrien nicht erwähnt werden, lässt sich vielleicht noch mit der Begrenzung auf Europa erklären. Aber dass die KurdInnen in der Türkei völlig ausgeblendet werden, ist sehr merkwürdig. Weder die Vertreibungen und Massaker noch die kurdischen Aufstände gegen die staatliche Türkisierungspolitik werden dargestellt. Geht das lediglich auf einen Eurozentrismus zurück, der sich allen jahrzehntelangen Debatten zum Trotz immer noch aufrechterhalten kann? Oder geht es weniger um die KurdInnen als Opfergruppe, als vielmehr um die Betonung der sowjetischen Vertreibungen? Oder wusste der Autor einfach nichts über das Schicksal der kurdischen Bevölkerung in der Türkei?

Auf einer methodischen Ebene lassen sich zwei zentrale Schwachstellen des Lexikons der Vertreibungen ausmachen. Erstens handelt es sich hierbei nur bedingt um eine gesamteuropäische Geschichte der Vertreibungen – zumindest wenn man Europa nicht mit Mittel- und Osteuropa gleichsetzt. Zweitens führt der Fokus auf die deutsche und sowjetische Geschichte dazu, dass dieser Blickwinkel auch dort dominiert, wo andere Zusammenhänge relevanter wären. Das bewirkt wiederum, dass die Unterschiede zwischen Genozid, Massaker, Vertreibungen und »sanfteren« Formen der Bevölkerungspolitik verwischt werden. Es wird ein Geschichtsbild konstruiert, in dem viel von deutschen Opfern und sowjetischen Tätern die Rede ist. Das Lexikon befördert somit politisch höchst fragwürdige Tendenzen in den deutschen Geschichtsdebatten.

Ismail Küpeli

326 | LGBTI gegen Homophobie
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