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Pinar Selek: Zum Mann gehätschelt. Zum Mann gedrillt.

Männliche Identitäten. Orlanda, Berlin 2010. 240 Seiten, 18 Euro.

Leiden an der Männlichkeit

Es ist der Mord an dem Journalisten Hrant Dink, mit dem Pinar Selek ihr Buch über männliche Identitäten beginnt. In ihrer Einleitung verknüpft sie das Verhalten des Mörders mit seiner Männlichkeit und derjenigen anderer Türken. Denn sie interessiert weniger, warum sie zu Mördern wurden, sondern »wie sie zu Männern geworden waren, warum und wofür sie sich so aufspielten.« Ihr Buch soll, wie sie im Vorwort zur deutschen Ausgabe schreibt, Zugang zu den Erfahrungen von Männern in der Türkei verschaffen, da jede einzelne Erfahrung ein weiteres Detail eines nationale Grenzen überschreitenden Gesamtbildes sei.

Selek sieht die Wehrpflicht als eine der vier zu überwindenden und ritualhaft gefeierten Etappen, »um die in der Türkei traditionell anerkannte Rangstufe der Männlichkeit zu erreichen: Auf Beschneidung, Wehrdienst, Arbeit und Beruf folgt die Eheschließung.« Männlichkeit wird dabei als ein sich wandelndes Konzept verstanden, das an andere Werte und Kategorien sowie an Institutionen geknüpft ist. Um die Bedeutung der Wehrpflicht zu erfassen, lässt sie 58 recht unterschiedliche Männer zu Wort kommen, die (von anderen Männern) zu ihren Erfahrungen mit der Wehrpflicht interviewt wurden.

Die Interviewpassagen nehmen einen Großteil des Buches ein. Sie sind chronologisch geordnet; Selek beginnt mit Beschreibungen der Musterung und des Abschieds von der Familie sowie den dazugehörigen Erzählungen der Verwandten und Freunde über das Militär. Das Ende markieren Schilderungen über die Rückkehr nach Hause, über Begleiterscheinungen sowie Einschätzungen dessen, was ‘gelernt’ wurde. Das Narrativ in den zusammengestellten Passagen und damit Seleks These besteht darin, dass Männer im Militär »zum Mann gebrüht« werden. Über Normierung, Drill und Schikanen, aber auch durch deren Weitergabe sollen die Mehmeçikler (die kleinen Mehmets, wie die Rekruten genannt werden) fernab ihrer vertrauten Bindungen die ursprüngliche Prägung ablegen und zu Mehmets werden, die zurückkehren. Selek kommentiert diese Passagen und verweist auf die Erkenntnisse einiger WissenschaftlerInnen, wie etwa der SoziologInnen Ulrich Bröckling, Pierre Bourdieu, Raewyn William Connell und Deniz Kandiyoti, des Mediävisten Georges Duby sowie der Kulturtheoretikerin Hannah R. Bell.

Selek verweist immer wieder darauf, dass auch Männer an ihrer Männlichkeit leiden. Anstelle eines Schlusswortes ermutigt sie die durch Gewalt und ‚Vernunft’ zum Familienoberhaupt geformten Männer, ihr Weinen nicht weiter zu verheimlichen.

Seleks Buch ist ein vielstimmig erzählter Bericht über den Wehrdienst in der Türkei mit hohem Wiedererkennungseffekt auch für in Deutschland sozialisierte LeserInnen. Die Darstellung ist anschaulich, gut lesbar und eher essayistisch. Jedoch liegen in diesem Genre auch die Grenzen des Buches, insbesondere wenn es aus wissenschaftlichem Interesse gelesen wird: Gerade weil Selek immer wieder darauf verweist, dass Männlichkeit historisch kontingent und intersektional ist, und weil sie Männer mit sehr unterschiedlichen Biographien befragt, hätte sie genauer beschreiben können, was sie und die zitierten ehemaligen Soldaten darunter verstehen und welche Verknüpfungen mit anderen Kategorien oder Institutionen bestehen. So läuft sie Gefahr, dass »Männlichkeit« zu einer Art Black Box wird, die immer nur das beschreibt, was Männer gerade tun. Eine Lektüre wert ist ihr Buch aber in jedem Fall.

Kerstin Bischl

326 | LGBTI gegen Homophobie
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