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Eine etwas realistischere Darstellung

Reaktion von Klaus Schade zum Beitrag von Sören Scholvin; Wie ein Land. Namibia ist von der ehemaligen Mandatsmacht Südafrika abhängig. In iz3w 326, September/ Oktober 2011

Der Autor, Sören Scholvin, versucht anhand entwicklungspolitischer Theorien die Beziehungen zwischen Namibia und Südafrika zu erklären.  Dies ist sicherlich ein lobenswerter Ansatz, der Wege aufzeichnen könnte, Namibias Abhängigkeit von traditionellen Bezugsquellen sowie Absatzmärkten zu verringern.  Allerdings hat der Autor sich offensichtlich wesentlich stärker mit den Theorien auseinander gesetzt, als mit der tatsächlichen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Situation Namibias.  Viele seiner Beispiele werden eher krampfhaft bemüht um seine Theorie zu untermauern, vermeintliche Fakten entsprechen zum Teil nicht der Realität und eine Reihe von Aussagen ist schlichtweg nicht haltbar.  Insbesondere überrascht, dass der Autor nach einer historischen Einleitung diesen Kontext im Folgenden so gut wie außer Acht lässt.  Momentaufnahmen genügen nicht als empirischer Beweis für eine vermeintliche Abhängigkeit und Unterordnung.  Dafür wären vielmehr Zeitreihen erforderlich, die eine Entwicklung nachzeichnen und somit auch mögliche Extremwerte, die bei einer Momentaufnahme zu einer Fehlinterpretation von Fakten führen könnten, auszugleichen.


Da, wie der Autor richtig darstellt, Südafrika kein Interesse an einer eigenständigen wirtschaftlichen Entwicklung in Namibias gehabt hatte, wäre es angebracht anhand von Zeitreihen aufzuzeigen, ob es Namibia nach der Unabhängigkeit gelungen ist, ein größeres Maß an wirtschaftlicher Unabhängigkeit von Südafrika zu erlangen.  Zum Beispiel, gemäß offizieller Handelsstatistiken sind die Einfuhren aus Südafrika zwischen 2004 und 2009 von 85.3% auf 69.4% des gesamten Wertes der Importe kontinuierlich gefallen, während Namibias Exporte nach Südafrika im selben Zeitraum von 25.8% auf 34.7% zunahmen.  Aus der Entwicklung der Importwerte könnte der Schluss gezogen werden, dass Namibias Abhängigkeit von Südafrika sich verringert hat.  Zugegebenermaßen stellen auch diese Zahlen eine Vereinfachung dar und lassen andere Faktoren, die den Handelswert beeinflussen können wie z. B. Preisänderungen und Wechselkursänderungen, außer Acht.  Eine detaillierte Analyse der Importstruktur ist notwendig, um zu Schlussfolgerungen bezüglich einer verringerten oder erhöhten Abhängigkeit zu kommen.  Beispielsweise sollte die Analyse der Importstruktur Produkte ausklammern, die in Namibia nicht hergestellt werden können oder im Lande nicht vorkommen wie zum Beispiel hochspezialisiertes Minengerät oder Öl.


Im Folgenden werde ich versuchen, einige der unzutreffenden Aussagen zu berichtigen und damit ein etwas realistischeres Bild von der Entwicklung in Namibia zu zeichnen..
Der Autor beschreibt ganz richtig die Zweiteilung des Landes, die durch den sogenannten Veterinärzaun (Veterinary Cordon Fence) verbildlicht wird.  Dieser Veterinärzaun hatte seit jeher die Funktion, die Ausbreitung von Tierkrankheiten wie Maul- und Klauenseuche aus den nördlichen subsistenzlandwirtschaftlichen Gebieten in die kommerziellen Farmgebiete zu verhindern.  Es kann davon ausgegangen werden, dass zu Apartheidzeiten der Zaun auch die Funktion eines Cordon Sanitaire übernahm, um das Vordringen namibischer Freiheitskämpfer in die kommerziellen Farmgebiete und Industriezonen zumindest zu erschweren.  Es ist aber zu bezweifeln, dass der Zaun dazu diente, unliebsame Konkurrenz aus dem Norden von kommerziellen Farmern abzuhalten.  Der Besitz von Vieh ist in der Tradition der nördlich des Veterinaerzaunes lebenden Ethnien ein Statussymbol ohne einen monetären Marktwert.  Diese Einstellung wandelt sich langsam, trägt aber immer noch dazu bei, dass die beiden kommerziellen, auf den Export ausgerichteten Schlachthöfe im Norden Namibias nur durch Subventionen in Betrieb gehalten werden können, obwohl dort mehr als 50% des gesamten Viehs gehalten wird.  Es ist richtig, dass Vieh aus den Gebieten nördlich des Veterinärzaunes nicht nach Europa exportiert werden darf.  Aber es darf in die kommerziellen Gebiete in Namibia und in Nachbarländer inklusive Südafrika ausgeführt werden, wenn es die vorgeschrieben Zeit in einem Quarantänelager verbracht hat.  Die Regierung ist seit Jahren dabei, einen Weg zu finden, den Veterinärzaun weiter nach Norden zu verlegen, um die Subsistenzfarmer stärker in den Markt einzubinden.  Dazu muss allerdings sichergestellt sein, dass die Grenze zu Angola so gesichert ist, dass kein Vieh unauthorisiert die Grenze überquert.  Es ist heute noch gängige Praxis, dass namibische Farmer ihr Vieh auf die besseren Weiden in Angola treiben.  Da in Angola weiterhin Tierkrankheiten vorkommen, besteht die Gefahr, dass diese nach Namibia eingeschleppt werden und somit den Export in lukrative Exportmärkte, u.a. nach Europa, gefährden könnten.  Im Übrigen lassen auch die Nachbarländer wie Botswana und Südafrika kein Fleisch ins Land, wenn der Verdacht besteht, dass es von Krankheiten infiziert ist.  Auch Namibia schließt augenblicklich die Grenze, wenn in Südafrika oder Botswana zum Beispiel Maul- und Klauenseuche ausbricht.


Die Präsenz südafrikanischer Handelsketten und Finanzdienstleistungsunternehmen (Banken und Versicherungen) in Namibia ist unbestreitbar.  Allerdings vergisst der Autor zu erwähnen, dass der Gross-und Einzelhandel sowie die Finanzdienstleiter nur etwa 15% zum Bruttosozialprodukt beitragen.  Der Bergbausektor wird zum Großteil von australischen und kanadischen Konzernen beherrscht, der Fischereisektor von spanischen usw.  Davon abgesehen, gibt es viele namibische Unternehmen im Sektor Gross- und Einzelhandel und nicht nur Woermann Brock.  Zum Beispiel gibt es im Norden des Landes seit langem Handelsketten im Besitz namibischer Geschäftsleute ebenso wie Spar Supermärkte, KFC etc., die namibischen Unternehmern gehören.  Auch kann Pick’n Pay nicht als Beispiel für die Dominanz südafrikanischer Unternehmen herhalten, da es ein namibisch-südafrikanisches Gemeinschaftsunternehmen ist unter dem Namen Model Pick’n Pay.  Die Waren in den südafrikanischen Handelsketten, wie auch in denen in namibischem Besitz, kommen zwar zum Großteil weiterhin aus Südafrika, aber zudem verstärkt auch aus Namibia selbst oder anderen Ländern wie China.  Interessant wäre es sicherlich den Marktanteil ausländischer und namibischer Groß- und Kleinhandelsunternehmen einmal festzustellen, anstatt Schlussfolgerungen aus der Sichtbarkeit südafrikanischer Handelsketten in den wenigen größeren Städten zu ziehen.  Interessanterweise erwähnt der Autor auch nicht die große Anzahl chinesischer Kleinhändler, die das Bild insbesondere in kleinen Ortschaften und ländlichen Gebieten prägen.
Gerade in den Lebensmittelsupermärkten lässt sich die fortschreitende Diversifizierung der namibischen Wirtschaft feststellen.  Von Milchprodukten (frisch- und haltbare Milch, Käse, etc.) über die komplette Palette der Pasta Produkte, von Trinkwasser in Flaschen zu anderen nicht alkoholischen Getränken wird vieles in Namibia hergestellt.  Ganz augenscheinlich wird es bei Obst und Gemüse, bei dem die lokale Produktion den lokalen Bedarf inzwischen zu ca. 35% deckt.  Vor nicht einmal zehn Jahren lag der Anteil bei unter 5%.  Auch bei Getreide verringert sich die Abhängigkeit von Getreideeinfuhren aus Südafrika oder dem Weltmarkt und es werden gerade Versuche durchgeführt, Gerste für die Bierproduktion im Lande anzubauen, um die Abhängigkeit von Importen zu verringern.  Sambia stellt seit ein paar Jahren eine alternative Bezugsquelle für Mais dar, schließt aber häufiger die Grenzen, so dass namibische Getreidemuehlen gar keine andere Wahl haben als aus oder durch Südafrika zu importieren.  Simbabwe, vormals der Brotkorb des südlichen Afrikas, ist aus bekannten Gründen seit längerem als Getreidelieferant ausgefallen. 

Wie bereits erwähnt hat sich die Abhängigkeit von Importen aus Südafrika im Zeitablauf von über 80% auf Mitte 60% verringert.  Aber auch dies ist eine oberflächliche Betrachtung.  Diese Güter sind nicht unbedingt in Südafrika hergestellt, sondern durch südafrikanische Importeure und Handelsketten eingeführt und werden dann u. a. an namibische Filialen oder namibische Unternehmen geliefert.  Nur ein Beispiel: fast alle großen Autoproduzenten produzieren in Südafrika, haben sich aber im Rahmen der weltweiten Arbeitsteilung auf bestimmte Modelle spezialisiert, die dann weltweit exportiert werden.  So wird beispielsweise der VW Caddy, ein beliebtes Transportfahrzeug, in Deutschland gefertigt und von VW Südafrika importiert und weiter geliefert.  Dadurch dass Schifffahrtslinien auch verstärkt den namibischen Hafen Walvis Bay anlaufen, verringert sich die Abhängigkeit von südafrikanischen Häfen für Namibias Importe.
Auch die Aussagen über die Abhängigkeit in Bezug auf Elektrizität stimmen nicht.  Je nach Saison; Namibia produziert eigene Elektrizität u.a. durch ein Wasserkraftwerk und ist damit von den Regenfällen in Angola abhängig; wird zwischen 50% und 60% aus Südafrika importiert.  Seit einigen Jahren, zugegebenermaßen recht spät und langsam, investiert die staatliche Elektrizitätsgesellschaft NamPower in Alternativen, da Südafrika kaum seinen eigenen Strombedarf decken kann.  Vor einem Jahr wurde eine Stromleitung durch den Caprivi Zipfel fertiggestellt und damit die Region Caprivi überhaupt erst an das namibische Stromnetz angeschlossen.  Bis dahin wurde die Region von Sambia aus mit Strom versorgt.  Diese Stromleitung ermöglicht es nicht nur Namibia direkt Strom aus Nachbarländern wie Sambia und Simbabwe oder auch Mozambik zu beziehen und nicht wie bisher durch Südafrika von diesen Ländern, sondern stellt auch für Südafrika eine Alternative zu den überlasteten Stromleitungen weiter im Osten dar.  Es gibt weitere Projekte, wie eine neue Stromleitung durch Botswana, um Engpässe bei der Elektrizitätsversorgung in der Region zu verringern.  Wenn die Pläne eines Gaskraftwerkes denn endlich umgesetzt werden, wäre Namibia Netto Exporteur von Strom.  Im Übrigen treffen Strompreiserhöhungen die ärmeren Bevölkerungsschichten in beiden Ländern gleich stark, unabhängig von den unterschiedlichen Durchschnitts-Pro-Kopf Einkommen.  Auch wenn es den Armen nicht viel hilft, sollte nicht vergessen werden, dass Südafrika (und damit auch Namibia) weltweit mit die niedrigsten Strompreise haben und Erhöhungen unvermeidlich sind, um zum einen neue, überfällige Investitionen zu finanzieren und zum anderen zu einem effizienteren Gebrauch anzuhalten.  Eine notwendige Erhöhung der Strompreise sollte nicht durch Subventionen verzögert werden, sondern mit sozialverträglichen Tarifen und einer Anhebung der Sozialtransfers begleitet werden.
Namibia mit einer Bevölkerung von zwei Millionen hat natürlich einen Wettbewerbsnachteil gegenüber Südafrika mit einer Bevölkerung von 50 Millionen, da es nicht im gleichen Maße von den Skalenerträgen in der Produktion profitieren kann. Gerade deswegen bietet die Zollunion des südlichen Afrika (SACU) eine gute Möglichkeit, zollfrei einen angrenzenden Markt von 50 Millionen Menschen beliefern zu können, von denen allerdings wie auch in Namibia viele nicht die Kaufkraft haben, namibische Produkte zu erwerben.  Dass namibische Produkte minderwertiger Qualität seien, wird schon dadurch widerlegt, dass viele im Ausland erhältlich sind und andere so sehr auf dem einheimischen Markt mit südafrikanischen oder anderen ausländischen Produkten konkurrieren können.  Abgesehen von namibischen Bier, was einen Marktanteil von mindestens 30% in dem Premium Segment in Südafrika beherrscht, gibt es viele andere namibische Produkte, die die Konkurrenz aus Südafrika nicht zu scheuen brauchen.  Ich wage zu bezweifeln dass Kunden namibische Produkte in Namibia und anderswo nur aufgrund von Loyalität mit Namibia kaufen und daher geringe Qualität und hohe Preise gerne in Kauf nehmen.  Eigenständige namibische Textilunternehmen, keine Ableger südafrikanischer oder anderer ausländischer Konzerne, beliefern die südafrikanische Woolworth Kette mit Kleidungsstücken, die in den Woolworth Geschäften im gesamten südlichen Afrika verkauft werden.  Nur nebenbei bemerkt, Woolworth ist kein Billiganbieter wie Pepstore.  Namibische Schokolade findet sich ebenso in Geschäften in der Region, wie namibische Baumaterialien, die insbesondere nach Angola verkauft werden.  Und wie erwähnt, behaupten sich namibische Produkte auf dem namibischen Markt gegen ausländische Produkte, ohne durch hohe Zollschranken geschützt zu sein, mit der Ausnahme von Pasta Produkten und hocherhitzter Milch, die zeitlich begrenzt in den Genuss des Schutzes neuer Industrien kamen (Infant Industry Protection).  Um noch zwei weitere Beispiele einer sich verringernden Abhängigkeit zu benennen:  Seit Anfang 2011 produziert Namibia das doppelte des Eigenbedarfs an Zement, der vorher fast ausschließlich aus Südafrika importiert worden ist mit zusätzlichen, geringen Einfuhren aus China und Brasilien.  Ab Mitte 2012 wird Namibia Selbstversorger in Bezug auf Hühnerfleisch sein, dessen lokaler Bedarf zurzeit fast zu 100% von Einfuhren aus dem Ausland gedeckt wird.

Für eine kleine Ökonomie wie Namibia macht es auch wirtschaftlich Sinn, sich einer Währungsunion anzuschließen, um Transaktionskosten und Währungsrisiken zu reduzieren.  Namibia ist daher, wie Lesotho und Swasiland Mitglied einer Währungsunion (Common Monetary Area - CMA) mit Südafrika.  Der Autor hat Recht, dass die CMA von Südafrika beherrscht wird und die kleineren Volkswirtschaften in der Regel den Schritten der südafrikanischen Zentralbank folgen.  Aber diese Aussage ist auch nur zum Teil korrekt.  Während der letzten vier Jahre unterschied sich der namibische Leitzins von dem südafrikanischen bis zu 150 Basispunkten, mit der Ausnahme weniger Monate.  Zudem hat Namibia seit einiger Zeit ein eigenes Clearinghouse und einen eigenen Interbankzinssatz.  Es ist auch völlig unzutreffend, von Unterstützungszahlungen der südafrikanischen an die namibische Zentralbank zu sprechen.  Bei diesen Zahlungen handelt es sich um sogenanntes Seignorage, Ausgleichszahlungen, die bis zum Finanzjahr 2006/07 nicht an die Zentralbank, sondern an das Finanzministerium geleistet wurden.  Da der südafrikanische Rand legales Zahlungsmittel in Namibia ist, werden weniger namibische Banknoten und Münzen benötigt und damit entgehen dem Staat Einnahmen aus der Ausgabe von Münzen und Banknoten.
Auch der Übernahmeversuch von Capricorn Investment Holding (und nicht direkt von der Bank Windhoek) durch die südafrikanische ABSA Bank ist kein Beispiel für südafrikanische Hegemonie, sondern eher eines der Globalisierung.  Die Barclays‘ Bank mit Hauptsitz in London ist Mehrheitsaktionär der ABSA Bank (55%) und versucht ihren Einfluss im südlichen Afrika weiter auszudehnen; wie andere internationalen Banken im Übrigen auch.  Zum Beispiel hält die Industrial and Commercial Bank of China einen Anteil von 20.1% an der südafrikanischen Standardbank, die die größte Bank in Afrika ist.  Es kann davon ausgegangen werden, dass die Expansionsstrategien der ABSA Bank nicht ausschließlich in Johannesburg beschlossen werden, sondern in London.  Es ist auch nicht korrekt, dass diese Übernahme von der namibischen Regierung untersagt wurde, sondern die namibische Zentralbank genehmigte den Antrag auf Übernahme nicht.  Die namibische Zentralbank ist ebenso unabhängig von der namibischen Regierung, wie die deutsche Zentralbank von der deutschen.  Der Globalisierungsdruck hat sich kürzlich auch in der Übernahme des südafrikanischen Massmart Konzerns durch die US-amerikanische Wal-Markt Kette gezeigt.  Damit sind auch schlagartig viele in Namibia vertretene Handelsketten nicht mehr rein südafrikanisch, sondern mehrheitlich US-amerikanisch.  Auch die oben genannte südafrikanische Handelskette Pick’n Pay steht gegenwärtig vor einer Übernahme durch das britische Unternehmen Tesco, was Auswirkungen auf Model Pick’n Pay in Namibia haben könnte.
Andere Beispiele, die der Autor als Beleg für die Abhängigkeit anführt, taugen auch nicht allzu sehr.  Der kleine Grenzverkehr zwischen dem südlichen Namibia und den südafrikanischen Städten auf der anderen Seite der Grenze ist keine Besonderheit, sondern kommt in fast allen Grenzregionen, auch in Deutschland, vor.  Dieser Grenzverkehr, für den kein Visum erforderlich ist, ist sogar wesentliche stärker im Norden, an der Grenze zu Angola und Sambia, ausgeprägt.  Es ist sicherlich auch kein Zeichen einer effizienten Geldverwendung, wenn namibische Universitäten versuchen würden, alle Wissenschaftszweige abzudecken und alle Abschlüsse, wie Honours, Master oder PhD anzubieten. Von daher bietet es sich einfach an, in Südafrika zu studieren, nicht weil dort Verwandte wohnen, sondern weil es kostengünstiger ist als in anderen Ländern und weil die Universitäten überwiegend einen akademisch guten Ruf haben.  Der Autor vergisst auch anzumerken, dass viele Angolaner, Sambier und andere Nationalitäten an namibischen Universitäten zu studieren, ohne dass sich hieraus Abhängigkeitsverhältnisse konstruieren lassen.  
Andere Behauptungen entsprechen auch nicht den Tatsachen.  Z.B. ist die Universität von Namibia (UNAM) nicht die einzige Universität im Lande, die zudem die Anzahl der Fakultäten und der möglichen Abschlüsse kontinuierlich ausgedehnt.  Es gibt private Universitäten, sowie die Polytechnic.  Gleiches trifft auch auf Aussage über die Kupferschmelze in Tsumeb hin, die nicht das einzige Beispiel der Weiterverarbeitung von Mineralien im Lande ist.  Im Süden des Landes gibt es nach der Eröffnung der Skorpion Zink Mine eine Zink Raffinerie und es gibt mittlerweile eine ganze Reihe von Diamantenschleifereien im Lande, die namibische Diamanten weiterverarbeiten.  Dieses sind Beispiele dafür, wie langsam eine verarbeitende Industrie basierend auf vorkommenden Rohstoffen aufgebaut werden kann, und die Abhängigkeit von Rohstoffexporten und von Importen verarbeiteter Produkte reduziert werden kann.

Von einer Unterordnung Namibias unter Südafrika zu sprechen, mutet dann auch schon etwas abenteuerlich an.  Diese Einschätzung wird weder mit Zitaten von Regierungsvertretern belegt, noch lässt sie sich aus der Aussage des RDP Vertreters ableiten.  Es ließen sich endlos Beispiele hierfür anführen, aber die folgenden sollten Genüge tun.  Namibia fährt außenpolitisch einen unabhängigen Kurs, nicht nur im Verhältnis zu Simbabwe.  Die Verhandlungen über ein neues Abkommen der Zollunion des südlichen Afrikas (SACU), haben sich nicht deshalb so in die Länge gezogen, weil sich die kleineren Volkswirtschaften der größeren untergeordnet haben, sondern weil sie ihre eigenen Interessen so gut wie möglich durchsetzen wollten.  Deshalb werden auch die neu anstehenden Verhandlungen des Zollabkommens schwierig und langwierig werden.  Und, Namibia konkurriert mit Südafrika um ausländische Investitionen, was nicht nur das Beispiel des Textilherstellers Ramatex zeigte (auch wenn dies schlussendlich kein besonders gutes Beispiel für eine gelungene ausländische Investition darstellte). 

Zusammengefasst:  Namibia ist seit 21 Jahren Unabhängigkeit, keine lange Zeitspanne für ein Land, um Strukturen aus 100 Jahren Kolonialismus und Apartheid völlig umzukehren.  Wie die wenigen angeführten Beispiele zeigen, treffen pauschale Aussagen über Abhängigkeiten und Unterordnung nicht zu.  Produktions- und Handelsstrukturen haben sich verändert und werden sich in den nächsten Jahren aufgrund neuer Unternehmen weiter verändern.  Unbestreitbar gibt es Möglichkeiten, die bislang nicht voll ausgeschöpft worden sind.  Es wäre daher aufschlussreicher gewesen, wenn der Autor anhand von Zeitreihen aufgezeigt hätte, wie sich Abhängigkeiten über die letzten 21 Jahre verändert haben, welche Politiken dazu beigetragen und welche ihre Wirkung verfehlt haben, wie größere Vorteile aus den bestehenden Wirtschaftsstrukturen und der voranschreitenden Globalisierung gewonnen werden könnten, und vor allem, zu welchem Grade, nicht nur kleine, sondern nachholende Volkswirtschaften wirklich unabhängig von benachbarten größeren und weiter entwickelten Volkswirtschaften sein könnten.

Klaus Schade lebt in Windhoek.


Antwort von Sören Scholvin:
Lieber Herr Schade,

ich habe Ihr Schreiben in Bezug auf meinen Artikel "Wie ein Land: Namibia ist von der ehemaligen Mandatsmacht Südafrika abhängig" aufgrund der Detailfülle mit großem Interesse gelesen.

Im Folgenden möchte ich auf einige Ihrer Kritikpunkte antworten:

Die von Ihnen genannten Export- und Importwerte können unterschiedlich interpretiert werden: Zwar ist Namibia von 2004 bis 2009 weniger abhängig von Südafrika für seine Importe geworden. Doch spricht der Wert von immer noch knapp 70% nicht gerade für wirtschaftliche Unabhängigkeit. Interessant wird hier sein, wie sich der Boom Angolas und eine positive Entwicklung Sambias auf Namibia auswirkt. Die Exporte von Namibia nach Südafrika deuten in Richtung mehr Abhängigkeit. Sie sind gestiegen.

Sie merken zu Recht an, dass eine detaillierte Betrachtung der Im- und Exporte wünschenswert wäre. Doch gerade hier zeigt ihr Argument (Produkte, die in Namibia nicht hergestellt werden können), wie groß die wirtschaftliche Abhängigkeit ist. Es besteht nicht einmal die Möglichkeit, in gewissen, durchaus zentralen Sektoren (u.a. Getreide und Strom) ohne Südafrika auszukommen. Alternative Handelspartner in südlichen Afrika erreichen oft nicht die Verlässlichkeit von Südafrikanern (z.B. Stopp der Getreideexporte Sambias bei nationaler Knappheit).

In Bezug auf wirtschaftliche Verflechtungen erlangen auch Großhandel und Banken sicherlich eine Bedeutung, die über ihren Anteil von 15% am BSP hinausgeht. Namibias Stromversorgung über andere Nachbarstaaten sehe ich weniger optimistisch als Sie. Denn diese Länder sind wenig zuverlässig (Simbabwe) und / oder produzieren für den eigenen Bedarf zu wenig (Mosambik).Der Bau neuer Kraftwerke in Namibia, ob nun Gas in Lüderitz oder Kohle in Walvis Bay, ist, so wie ich die Berichterstattung in namibischen Zeitung von Deutschland aus verfolgen konnte, bisher nur Zukunftsmusik. Und auch hierbei könnte Südafrika über Eskom, die ja Interesse am Kudu Gasfeld haben, eine zentrale Rolle spielen.

Dass aus Südafrika importierte Güter für Südafrika selbst oftmals Importe sind, verdeutlicht meiner Meinung nach die große Bedeutung Südafrikas für Namibia: Viele Produkte aus Übersee - vom VW Caddy bis zu europäischer Schokolade - sind zumindest für einen Teil der namibischen Bevölkerung erschwinglich, weil sie über Südafrika importiert werden. Ein Großteil der Produkte wird in Südafrika verkauft, ein verschwindend geringer Anteil gelangt über südafrikanische Großhändler nach Namibia.

Hieraus kann man außerdem ableiten, dass Walvis Bay die Häfen von Kapstadt, Duban usw. nicht ersetzen wird. Walvis Bay kann, so zumindest mein Eindruck aus Gesprächen mit Johny Smith (WBCG), Christian Faure (Namport) und anderen, eher in Nischen, die Südafrikas Häfen nicht oder nur unzureichend abdecken, erfolgreich sein.

Mit Hinblick auf Investoren aus Übersee - Sie sprechen hier den Bergbausektor an - wäre genauer zu prüfen, ob nicht-afrikanische Unternehmen mit Partnern aus Südafrika zusammenarbeiten. Zumindest im Banken- und Mobilfunksektor sind derartige Partnerschaften für Investitionen im südlichen Afrika ja bereits recht prominent. Hier nimmt Südafrika bzw. Johannesburg als Global City dann eine Vormachtstellung als "Gateway" zur Region ein.

Bei vielen der von Ihnen sehr detailliert ausgeführten weiteren Argumente wie der Vielfalt und Qualität namibischer Produkte oder den Finanztransfers in der SACU, denke ich, dass die Bewertung auch innerhalb der namibischen Gesellschaft und Regierung weit auseinander geht. Sie vertreten diesbezüglich eine sehr optimistische Sichtweise.

Entscheidender Punkt bleibt, wie in meinem Artikel und in Ihrem Schreiben erwähnt, dass Namibia als deutlich kleinere und schwächere Volkswirtschaft immer in gewissem Maße von seinem deutlich stärkeren und weiter entwickelten Nachbarn Südafrika abhängen oder zumindest eng an ihn gekoppelt sein wird. Somit stellt das namibisch-südafrikanische Verhältnis keine Besonderheit, sondern eher den Regelfall dar.

Sie heben aus namibischer Sicht positive Entwicklungen seit der Unabhängigkeit hervor, die meiner Meinung nach an der "alltäglichen Präsenz" und "strategischen Abhängigkeit" von Südafrika nichts ändern. Die von namibische Seite gewählte "freiwillige Unterordnung" bedeutet nicht, wie Sie es vielleicht verstanden haben, eine Aufgabe der staatlichen Souveränität, sondern ein Arrangement mit diesen Umständen.

Mit freundlichen Grüßen,

Sören Scholvin

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