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Editorial

Lieber Siebenmilliardster Erdling,

wir wissen nicht, wann und wo du in diesen Tagen geboren wurdest. Jedenfalls freuen wir uns sehr, dass du das Licht der Welt erblickt hast, und wollen dich herzlich willkommen heißen. Wäre das langweilig auf der Erde, wenn wir sie nicht mit vielen anderen Menschen teilen könnten! Jeder neue Erdling ist doch eine einzigartige Bereicherung.

Leider wollen sich nicht alle über deine Ankunft freuen. Da gibt es zum Beispiel Menschen, die sich der so genannten Bevölkerungspolitik verschrieben haben. Oft nennen sie sich DemographInnen. Die sehen in dir ein Problem, ja sogar eine Bedrohung!

Nehmen wir mal an, du bist gar in einem afrikanischen Land geboren worden. Dann bist du für die DemographInnen nichts als ein Armutsrisiko, dazu verurteilt, ohne Bildung, mit schlechter Gesundheit und als Opfer von Gewalt dahinzuvegetieren. Sie meinen es schrecklich gut mit euch in Afrika. Die Stiftung Weltbevölkerung beispielsweise hat hehre Ziele: »Wir wollen durch unsere Arbeit Armut verhindern, bevor sie entsteht.« Nun ja, sie wollen vor allem verhindern, dass du als AfrikanerIn geboren wirst. Denn in ihren Augen bist du die personifizierte Armut. Aber lass dir das nicht einreden! Wenn denen wirklich was an deinem guten Leben läge, dann würden sie sich für faire Handelsbeziehungen, den Stopp von Rüstungsexporten und ein Ende der Kumpanei mit Kleptokraten einsetzen.

Und glaube denen bloß nicht, wenn sie behaupten, die Nahrung werde knapp und das Hungerelend sei unausweichlich, wie jetzt in Somalia. »Je stärker die Bevölkerung zunimmt, desto mehr Menschen konkurrieren um die ohnehin knappen Ressourcen wie Ackerland, Wasser und Wald«, schreibt die Stiftung Weltbevölkerung. Bullshit! Auf der Erde ist genug Essen da, es ist bloß ungleich verteilt. Oder es ist Gegenstand von politischen Machtkämpfen, wie jetzt in Somalia. Sollte das Essen wirklich knapp werden, liegt es daran, dass Weizen als »Biodiesel« verheizt wird. Der wird freilich weniger in Somalia, sondern von zahlungskräftigen EuropäerInnen durch den Auspuff geblasen.

A propos Ökologie. Die finden die DemographInnen ganz wichtig. Deshalb sagen sie zu Recht: Der westliche Lebensstil ist nicht universalisierbar. Aber gemeint ist: Ihr da unten in Afrika könnt nicht so luxuriös leben wie wir! Zumindest dürft ihr nicht so viele werden. Je mehr ihr seid, desto weniger CO2-Emissionen stehen euch pro Kopf zu. Das müsst ihr doch selbst einsehen. Weniger ist mehr. Wenn ihr euch durch schiere Masse arm macht, dann werdet ihr irgendwann fliehen wollen. Aber wo führt das hin? Das Flüchtlingslager oder das Ertrinken im Mittelmeer unter Aufsicht der EU-Grenzschutztruppen wollen die DemographInnen dir ersparen. Ganz altruistisch.

Sie meinen es übrigens auch mit deiner Mutter gut. Sie gehen mit größter Selbstverständlichkeit davon aus, dass du kein Wunschkind bist. Sondern dass deine Mutter durch deinen Vater und durch die patriarchalische Gesellschaft dazu genötigt wurde, dich zu gebären. Sei es, damit du zum Lebensunterhalt beiträgst oder weil viele Kinder zu haben bei euch nun mal so üblich ist. Klar, Kinderreichtum beruht wahrlich nicht immer auf Freiwilligkeit, und viele Mütter (und übrigens auch einige Väter) haben ihr Recht auf sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung nicht wahrnehmen können. Aber richte deinen Eltern bitte mit lieben Grüßen aus, sie sollen ganz genau hinschauen, wer mit welchen Absichten Verhütung propagiert.

Lieber siebenmilliardster Erdling, wenn du in Europa geboren wurdest, sieht es schon ganz anders aus. Dann freuen sich die PolitikerInnen über dich, es wird sogar richtig heimelig, etwa wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel sagt: »In einer Welt von sieben Milliarden Menschen müssen wir 500 Europäer zusammenhalten.« Wobei sie das nicht allzu wörtlich meint. Wenn du beispielsweise ein AkademikerInnen-Kind bist, dann gehörst du schon zum »Wir«, das den Wohlstand zusammenhält. Wenn du aber ein MigrantInnenkind bist, noch dazu ein muslimisches, dann bist du nicht wirklich europäisch, dann unterwanderst du den deutschen Sozialstaat, trägst zur Verdummung und letztlich zur Abschaffung Deutschlands bei. Sagt der Sozialdemokrat Sarrazin. Der muss es wissen, er hat ganz viele Bücher über Demographie gelesen und sie genauso verstanden, wie sie gemeint waren.

Wenn du in Asien geboren wurdest, dann können die DemographInnen sich nicht so recht entscheiden. Sie sind ein bisschen neidisch auf Chinas autoritäre Ein-Kind-Politik – würden sie aber niemals öffentlich loben. Sie malen sich das Schreckenszenario aus, dass alle 1,3 Milliarden ChinesInnen mit einer Geländelimousine der Marke Shuanghuan die Straßen einer Megacity verstopfen. Doch wenn es ein BMW wäre? Dem können sie Positives abgewinnen. Ein ganz besonders schlauer Demograph, Wolfgang Fengler, erklärte jüngst in der Süddeutschen Zeitung, wie Deutschland vom achtprozentigen Bevölkerungswachstum in Asien profitierten kann: »Bei mehr als vier Milliarden Asiaten wird das Interesse weiter wachsen, deutsche Qualitätsgüter zu kaufen.« Als Ökonom im Büro der Weltbank in Nairobi weiß Fengler nämlich, dass in Afrika die Nachfrage an deutschen Qualitätsprodukten nicht so groß ist – allenfalls, wenn sie von Heckler & Koch kommen.

 

Lieber Erdling, weißte was? Diese DemographInnen ignorieren wir einfach. Genieße dein Leben, wo immer du gerade bist, lass uns FreundInnen werden und Spaß haben. Das wünscht sich

die redaktion

327 | Der Grüne Kapitalismus kommt
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