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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 327 | Der Grüne Kapitalismus kommt Editorial zum Themenschwerpunkt

Editorial zum Themenschwerpunkt

Grüner Kapitalismus

Proteste gegen Unternehmen, die massiv die Umwelt verschmutzen und alle Auflagen der Behörden missachten, kommen in der VR China nicht gerade selten vor. So gesehen war der militante Protest mehrerer hundert BewohnerInnen der Stadt Haining, Provinz Zhejiang, im September 2011 gegen die ortsansässige Fabrik nichts Ungewöhnliches. Der Unmut der Demonstrierenden richtete sich gegen die Verschmutzung des nahe gelegenen Flusses. Toxische fluoridhaltige Abwässer hatten zu einem Fischsterben geführt. Aufhorchen ließ allerdings der Name des Unternehmens. Es handelte sich um die Jinko Solar Holding, ein schnell wachsendes Unternehmen, das Solarzellen für den Weltmarkt produziert und mittlerweile an der New Yorker Börse notiert ist.

Es ist eine bittere Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet eine Leitbranche des derzeit entstehenden Grünen Kapitalismus sich hier als normale Dreckschleuderindustrie entpuppt. Es handelt sich ja keineswegs um vereinzelte Ausreißer, wenn es bei den neuen Leittechnologien wie Solarenergie, Windkraft, Biomasseverwertung und Elektromobilität zu Umweltbelastungen und zur Ausbeutung von Arbeitskräften kommt. Ob beim Abbau Seltener Erden oder beim flächendeckenden Anbau von Energiepflanzen: Vielerorts entstehen schwere soziale und ökologische Konflikte, die jenen der ‚alten’ Industrien kaum nachstehen.

Die in der 1970er und 80er Jahren formulierten »small is beautiful«-Utopien der ÖkopionierInnen haben sich als Wunschtraum erwiesen, der nicht in Erfüllung geht. Der von ihnen gewollte sozialökologische Umbau des globalisierten Kapitalismus ist zweifelsohne noch immer dringend notwendig. Existentielle Probleme der Menschheit wie Klimawandel, Atomkatastrophen, Energieunsicherheit sowie Konflikte um Land und Rohstoffe sind ungelöst und verschärfen sich weiterhin. Doch leider muss man konstatieren: Der derzeit entstehende Grüne Kapitalismus droht alles andere als sanft zu werden, insbesondere um seine Sozialverträglichkeit ist es nicht gut bestellt. Überdurchschnittlich schlechte Arbeitsbedingungen in seinen Leitbranchen legen davon ein beredtes Zeugnis ab.

Solarenergie, Windkraft, Biomasseverwertung und Recycling sind mittlerweile zu hochtechnologischen Wachstumsbranchen mit ungeheurem Potenzial geworden. Noch vor den erst in jüngerer Zeit grün gewendeten ChristdemokratInnen haben das die Konzerne begriffen, die seit Jahren strategisch in die neuen Marktsegmente investieren. Sie wissen, dass der Grüne Kapitalismus die ungelöste Wachstumsfrage auf seine Weise beantwortet: Extraktion, Akkumulation und Expansion sind untrennbar mit der neuen technologischen Basis verbunden. Das verheißt weiterhin gute Geschäfte, und deshalb hat kein/e auch nur halbwegs für das Neue aufgeschlossene/r UnternehmerIn etwas gegen die Diversifizierung der Produktpalette. Insofern passt sich die neue grüne Technologie nahtlos in die bisherige Technikgeschichte ein (siehe den Beitrag von Cord Riechelmann in diesem Themenschwerpunkt).

Wirklich neu ist nur, dass es keineswegs allein europäische und nordamerikanische Unternehmen sind, die auf den Zug aufgesprungen sind. Insbesondere chinesische Firmen sind erfolgreich dabei, ihre Weltmarktanteile in den grünen Branchen auszubauen (wie Uwe Hoering berichtet). Dies geht zu Lasten jener Weltregionen, die auch im ‚alten’ Kapitalismus in die Rolle des bloßen Ressourcenlieferanten gepresst wurden – nur dass es nun partiell andere Ressourcen sind als Baumwolle oder Eisenerz. Imperialismus ist dem Grünen Kapitalismus nicht wesensfremd, freilich nimmt er ebenfalls neue Formen an. Und er geriert sich zunehmend als »moralisch«, da er vorgibt, die Umwelt zu retten (wie Rainer Trampert schreibt). Potenzielle Ausnahmen wie etwa das Desertec-Projekt (dem Wolfgang Pomrehn auch gute Seiten abgewinnen kann) bestätigen diese Regel.

Längst haben sich auch die StrategInnen der Politik mit der Ausgestaltung der »grünen« Wende befasst. Entlang von Schlagwörtern wie »New Green Deal« werden die Konturen der neuen industriellen Revolution diskutiert (zur Kritik siehe Joachim Hirsch). Es ist mittlerweile auch für  HinterbänklerInnen und Siemens-Vorstandsmitglieder unübersehbar geworden, dass angesichts der Endlichkeit des Erdölzeitalters und der wachsenden Zweifel an der Atomkraft neue globale Wirtschaftsstrukturen unumgänglich sind. Deutschland, das sich im Bereich umweltfreundlicher Technologien als Weltmarktführer etablieren will, ist bereits zu einer der Metropolen des grünen HighTech-Kapitalismus geworden. Der dazu passende politische Rahmen ist in Form der grünen Partei (der organischen Interessensvertretung der Bionade-Bourgoisie) und des Ergrünens der Konservativen gegeben.

Das weckt durchaus auch Gegenwehr, wie sich am Beispiel der selbsternannten Green City Freiburg zeigen lässt. Deren grüner Oberbürgermeister ließ unlängst eine Wagenburg im Vorzeige-Ökostadteil Vauban räumen, damit dort ein verbliebener Freiraum mit einem Hotel zubetoniert werden kann. Daraufhin brannten ganz unökologisch Barrikaden im Viertel und wurden Graffiti gesprüht wie »smash green capitalism«. Die BewohnerInnen des chinesischen Haining werden dieser Parole etwas abgewinnen können.

die redaktion

327 | Der Grüne Kapitalismus kommt
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