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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 327 | Der Grüne Kapitalismus kommt Gerhard Klas: Die Mikrofinanz-Industrie

Gerhard Klas: Die Mikrofinanz-Industrie

Die große Illusion oder das Geschäft mit der Armut. Verlag Assoziation-A, Berlin 2011. Ca. 320 Seiten, ca. 19,80 Euro.

Angriff auf die Einzelnen

Jahrelang wurden die in die Schuldenfalle gelockten Länder des globalen Südens mit so genannten Strukturanpassungsprogammen drangsaliert. An die Kreditvergabe knüpften IWF und Weltbank Bedingungen wie Kürzung der Sozialausgaben, Liberalisierung des Kapitalverkehrs und Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen. Diese Strukturanpassung ist gescheitert. An ihre Stelle tritt nun ein ähnlich neoliberales Projekt mit neokolonialen Zügen. Auch hier werden die Gewinne abgeschöpft und fließen auf die Konten der großen Finanzinstitutionen der reichen Länder.

Die Rede ist von der Mikrofinanz-Industrie. Gerhard Klas, Mitglied des Rheinischen JournalistenInnen-Büros in Köln, legt mit seinem gleichnamigen Buch erstmals in deutscher Sprache eine umfassende kritische Recherche zum Komplex der Mikrofinanz vor. Einem Thema, über das hierzulande bislang nur vage Vorstellungen wie Bangladesch, soziale Bank und Armutsbekämpfung vorherrschen.

Dass sich diese positiv besetzten Assoziationen bis heute gehalten haben, hat nicht zuletzt mit Mohammad Yunus zu tun. Dessen Status als Friedensnobelpreisträger verhalf ihm dazu, seine Idee einer Bank, die Kredite an ärmere Bevölkerungsschichten vergibt, weltweit als Erfolgsstrategie zur Armutsbekämpfung auszugeben. Dabei war sie schon im Ansatz als privatwirtschaftlich marktorientierte Lösung angelegt, denn die Kreditvergabe soll zu »Einkommen schaffenden Tätigkeiten« führen. Werde dein/e eigene/r UnternehmerIn und befreie dich durch wirtschaftliche Selbstständigkeit aus Abhängigkeiten, etwa vom Mann – so lautet eine der Verheißungen der Mikrofinanz-Lobby.

Mittlerweile ist aus der Idee ein florierendes Geschäftsmodell geworden. Allerdings nicht für die KreditnehmerInnen, sondern die Finanzinstitutionen. Der Markt umfasst derzeit ein Volumen von 60 Milliarden US-Dollar, das Potenzial der Mikrokredite wird auf 250 Milliarden geschätzt. Weltweit gibt es rund 10.000 Mikrofinanz-Institutionen (MFI) mit mehr als 100 Millionen »Kunden«. 98 Prozent von ihnen sind Frauen.

Unter den deutschen Finanzakteuren tut sich neben der Deutschen Bank vor allem die Kreditanstalt für Wiederaufbau hervor (KfW). Ihre Bankengruppe hat sich im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) zum weltweit größten öffentlichen Investor im Bereich Mikrofinanzen entwickelt. Daran lässt sich die Neuausrichtung der »Entwicklungshilfe« ablesen, die unter Minister Dirk Niebel eine Intensivierung erfahren hat.

Das große Geschäft geht auf Kosten der Armen. Bei einem effektiven Zinssatz von 38 Prozent im weltweiten Durchschnitt ist das auch nicht anders vorstellbar. Klas weist nach, dass Mikrokredite aufgrund von Über- und Mehrfachverschuldung zu einer Verschärfung der ohnehin vorhandenen Armut führen. Allein 14 Prozent der verschuldeten Bauern Indiens, so eine Schätzung, verlieren jährlich durch Enteignung und Pfändung ihr Land, weil sie die Raten der Mikrokredite nicht zurückzahlen können.

Der Autor hat seinen Stoff gründlich bearbeitet. Er klärt über die Allianzen von Investoren, Banken und NGOs auf und analysiert die treibenden Kräfte des Mikrofinanzsystems. Klas schildert ausführlich die Praxis der Geldeintreibung und die Methoden der Disziplinierung. Er setzt sich intensiv mit den Mythen der Mikrofinanzierung auseinander und überführt die christlichen Kreditgenossenschaften der Verstrickung ins globale Finanzsystem. Nicht zuletzt zeigt er auf, dass die Mikrofinanz auf jedes Gemeinwesen eine zerstörerische Wirkung ausübt und in dem Maße erstarkt, wie die sozialen Sicherungssysteme abgebaut werden. Dadurch, dass Klas auch Beispiele einer echten Armutsbekämpfung aufführt, wird im Kontrast die Untauglichkeit der Mikrofinanz noch deutlicher.

Überraschend ist auch zu lesen, dass es zwischen der Mikrofinanz und den arabischen Aufständen einen ursächlichen Zusammenhang gibt, dass sie den Klimawandel anheizt und dass die als alternativ geltende GLS-Bank eine zentrale Rolle bei der weiteren Etablierung des Mikrofinanzwesens in Deutschland übernommen hat.

Durch alle Abschnitte zieht sich eine Grundthese: Die Mikrofinanz ist nicht reformierbar oder durch kosmetische Veränderungen zu retten. Das System ist der Fehler. Denn: »Ob auf Makro- oder Mikroebene, ob Großbank oder MFI, das Kreditgeschäft folgt immer der Maxime der Bereicherung: Geld soll möglichst billig geliehen werden, um es so teuer wie möglich weiterzuverleihen.« Die Strukturanpassungsprogramme haben die Lebensbedingungen im Großen verändert, die Mikrofinanz ist der direkte neoliberale Angriff auf die einzelnen Menschen. Sie zwingt die Logik der kapitalistischen Verwertung den ärmsten Bevölkerungsteilen dieses Planeten auf.

Es ist höchste Zeit, die Mikrofinanz in Verruf zu bringen und ihren Siegeszug zu stoppen. Das Buch von Gerhard Klas liefert das Material dazu.

Bernd Sahler

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