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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 328 | Der Krieg gegen Drogen ist gescheitert Im kolonialen Geiste

Im kolonialen Geiste

von Katja Behrens

Eine Bonner Ausstellung über das Kulturerbe der Dogon

Es gibt diese eine Ausnahme: 2003 hat die Tochter des französischen Dichters André Breton, Aube Elléouet-Breton, eine indianische Maske aus dem Besitz ihres Vaters den Nachkommen derer, die sie vor fast hundert Jahren angefertigt hatten, zurückgegeben. Aube Elléouet-Breton hat nun bei ihnen den Namen »U’Ma« (Die, die zurückgegeben hat). Die Regel ist allerdings, dass die in ehemaligen Überseegebieten und Kolonien entwendeten Kulturgüter von Regelungen zur Restitution (Rückgabe) ausgenommen bleiben. Hier zeigt sich, dass der koloniale Geist in den europäischen Köpfen und Institutionen immer noch fest verankert ist. Auf eine Diskussion über eine eventuelle Rückerstattung von erbeuteten Gegenständen möchte sich niemand ernsthaft einlassen.

Die Dogon im westafrikanischen Mali und Burkina Faso sind eine der ältesten Kulturen Afrikas. Ihre Geschichte schreitet zwischen Migration und Eroberung, weitläufigen Handelsbeziehungen und Widerstand fort. Dennoch haben viele Dogon versucht, ihre Traditionen, Musik und Tanz, die Masken- und Figurenkunst zu bewahren und achten darauf, Kultur und Sprachen zu schützen. Doch sie müssen nach Paris, London oder Berlin reisen, um die schönsten Artefakte der eigenen Geschichte im Original zu sehen. Oder eben, wie jetzt, nach Bonn.

Rund 270 Objekte aus internationalen Museen und privaten Sammlungen (der Großteil davon aus dem Pariser Musée du Quai Branly) sind jetzt in Bonn versammelt. Die Bundeskunsthalle zeigt sie zum Auftakt ihrer Afrika-Reihe. Die Präsentation mit falschen Lehmwänden, Baumattrappen, Erdtönen und Schummerlicht hätte man sich allerdings sparen können, zu offensichtlich ist das Bestreben, in der Inszenierung das Fremde und Exotische zu betonen.

Über einen großen Zeitraum wurden Kultgegenstände der Dogon, die hölzernen Masken und Figuren, in Höhlen bewahrt. Im trockenen Klima rund um die kargen Felsen des Hochplateaus von Bandagira wurde vieles erhalten: Fetische und Gebrauchsgegenstände, Kultobjekte und geschnitzte Türen. Aus archäologischer Sicht ist dies eine phantastische Chance, alte Objekte aus Afrika zu untersuchen, zu vergleichen, auszuwerten. Nun lassen sich Stilsprachen und regionale Unterschiede erkennen. Deutlich wird etwa die Entwicklung von einem weitgehend abstrakten zu einem realistischeren Konzept in der Darstellung der menschlichen und tierischen Figur. Ein Glücksfall für die Wissenschaft. Aber auch für die Dogon? Sind sie überhaupt in irgendeiner Weise an der Ausstellung beteiligt? Als Autoritäten, Fachleute, HistorikerInnen, InsiderInnen? Nein. Auch nicht an den Erlösen, die die Museen jetzt erwirtschaften. Die Dogon tauchen in der Ausstellung lediglich im Film auf. Hier endlich ist zu erfahren, was die Menschen heute denken, dass sie zwar stolz sind auf das große Interesse, das ihre Objekte wecken, dass sie es aber besser fänden, wenn diese in ihrer Heimat zu sehen wären. Dann könnten sie die Exponate auch einmal sehen.

Der französische Ethnologe Marcel Griaule hatte seine Forschungen zur westafrikanischen Dogon-Kultur 1931 begonnen. Als Leiter der Dakar-Djibouti Mission hat er zwischen 1931 und 1933 gut 3.000 Objekte ins Pariser Trocadero Museum gebracht, die heute zum Bestand des Musée du Quai Branly gehören. Griaule hatte damals ausdrücklich das Recht (das tatsächlich auch so genannte »Loi Griaule«), aus den Kolonien alles das mitzubringen, was er für seine wissenschaftlichen Studien für nötig hielt. Er veröffentlichte mehrere Bücher und Artikel, die die Ergebnisse seiner Studien verbreiten halfen. So kam es, dass im kolonialen Frankreich wie auch in anderen Ländern des Westens die afrikanischen Kulturen plötzlich eine besondere Wertschätzung erfuhren. Vorher hatte die christlichen Kolonisation versucht, die vorgefundenen Kulturen zu zerschlagen und es waren allenfalls KünstlerInnen, die die Skulpturen und Masken der Dogon als ästhetische Sensationen erkannten und ihrer Kunst einverleibten.

Was in der Bonner Ausstellung kaum problematisiert wird, ist die Geschichte all der ursprünglich im Kult oder im Alltagsleben benutzten Gegenstände, die Frankreich zwischen 1895 und 1960 an sich gebracht hat. Manche sagen, die Dinge seien geraubt worden, und vieles spricht für diese Sichtweise. So haben französische Kolonialbeamte mithilfe des Staates, des Militärs, der Kirche, der Wissenschaft und später auch der KunsthändlerInnen zahllose Schätze geborgen und gleich behalten. Sie haben die Kultobjekte zu Kunstobjekten umgewidmet und aus ihren sandigen Gräbern in gläserne Vitrinen umgebettet. Uns bleibt wohl das schlechte Gewissen erhalten, wenn wir uns die wunderbaren Masken und Figuren der Dogon in Bonn oder anderswo ansehen. Die aktuellen Besitzverhältnisse werden davon aber nicht berührt.

Dogon. Weltkulturerbe aus Afrika. Bundeskunsthalle Bonn. Bis 22.1.2012. Katalog 39 Euro.

Katja Behrens ist Kunstkritikerin in Düsseldorf.

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