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Hefteditorial

"Nous ne regrettons rien"

Dass man älter wird, merkt man oft nicht an sich selber. Wenn aber im Umfeld plötzliche Veränderungen eintreten, wenn vertraute Menschen sterben oder sich Gruppen nach langen Jahren selbstverständlich gewordener Existenz auflösen, kommt man ins Sinnieren. Sind wir jetzt allein? Die Nachricht von der Auflösung des Rheinischen JournalistInnenbüros (rjb) in Köln hat uns daher geschockt. Das kann doch nicht sein, dass ihr einfach aufhört? So alt seid ihr doch nicht, dass ihr unschöne Worte wie »Ruhestand« in den Mund nehmen müsst! Toll, dass ihr eine Party feiert, aber muss es ein Abschiedsfest sein?

Jüngere, die möglicherweise noch nie vom rjb gehört haben, müssen an dieser Stelle aufgeklärt werden, warum uns dieser Verlust groß erscheint. Denn unter den internationalistischen Projekten war es eines der relativ wenigen, das politischen Anspruch, kollektives Arbeiten und hohe Qualität über Jahrzehnte hinweg überzeugend miteinander vereinbart hat.

Gegründet wurde das rjb 1983, als alternative Projekte nur so aus dem Boden sprossen. Viele davon haben bald das Zeitliche gesegnet oder sich zu normalen Wirtschaftsbetrieben entwickelt. Das rjb aber wurde zu einer der ersten Anlaufadressen für Texte und Radiofeatures zu internationalistischen Themen, selbst für große Anstalten wie WDR und SWR. Denn die Rheinischen beherrschten die Kunst der Recherche vor Ort – was nicht erst im Zeitalter des Google-Journalismus ein entscheidendes Qualitätsmerkmal war. Ihre oftmals lang dauernden Reisen führten sie in Gegenden und Kontexte, über die andere nur aus der Ferne schrieben.

Die Rheinischen nahmen ihre GesprächspartnerInnen als handelnde Subjekte ernst. Ihren Interviews mit AktivistInnen oder einfachen Leuten auf der Straße war großer Respekt anzumerken. Den Rheinischen ging es immer um das Politische als gesellschaftlicher Prozess. PolitikerInnen, Parteien und Bosse interessierten sie im Gegensatz zu den meisten außenpolitischen KorrespondentInnen herzlich wenig, allenfalls wenn sie Gegenstand des Protests von sozialen Bewegungen waren. Dann konnten die Rheinischen durchaus klassischen investigativen Journalismus betreiben.

Das rjb wurde bald zu einer wichtigen Bewegungsinstitution. Ob der West-Sahara-Solidarität, der Anti-Apartheidsbewegung, der Bewegung gegen Atomverseuchung des Pazifik oder dem Bündnis kein mensch ist illegal – ihnen allen dienten die Rheinischen mit Büchern, Texten und Radiosendungen. Politischer Aktivismus war integraler Bestandteil der Arbeit. Wiederholt wurden MitarbeiterInnen vom Alltagsgeschäft freigestellt, um Kampagnen zu organisieren – zuletzt für die Freilassung des in der Türkei inhaftierten Schriftstellers Dogan Akhanli.

Ein Mammutvorhaben war das Buch »Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg« und dessen Folgeprojekte wie die gleichnamige Ausstellung. Hierfür gingen die Rheinischen bis an die Grenzen ihrer Kräfte und gelegentlich darüber hinaus. Sie sammelten ein Jahrzehnt lang O-Töne von Überlebenden, durchforsteten Archive in aller Welt und trugen die Ergebnisse in einer Form zusammen, die ein breites Publikum erreichte. Das in Teilen der antirassistischen Szene übliche Schwarz-Weiß-Denken ließen sie dabei hinter sich. So wurde nicht verschwiegen, dass es auch in Indien oder Palästina Kollaborateure mit den Nazis gegeben hatte. Das überforderte prompt einen Teil der Szene, es wurden hanebüchene Vorwürfe wie »Kolonialrassismus« laut. Die Rheinischen hat das irritiert, aber nicht daran gehindert, mit ihren FreundInnen aus Afrika, Lateinamerika und Asien weiter an diesem Projekt zu arbeiten.

Als anerkannten JournalistInnen hätten den Rheinischen gut dotierte Stellen in bürgerlichen Medien offen gestanden – wenn sie gewollt hätten. Doch zumindest Karl Rössel, Birgit Morgenrath, Albrecht Kieser und Gerhard Klas wollten bis zum Schluss nicht. Sie zogen es vor, zum bescheidenen Einheitslohn im Kollektiv zu arbeiten. Sich ganz hierarchiefrei mit den Macken der anderen abfinden und sich ganz selbstbestimmt stets selbst motivieren zu müssen, hat immer auch so seine Schattenseiten. Aber noch der freundschaftliche Umgang beim Abschiedsfest machte deutlich: Für die Rheinischen war Solidarität auch im Kleinen kein leeres Wort, sie war eine alle Schwierigkeiten überwindende Haltung. Diese Haltung ist es, der die iz3w viele spannende Beiträge aus dem rjb zu verdanken hat, obwohl wir null Cent Honorar zahlen können.

Stellt sich die Frage: Warum hören sie eigentlich auf? Gestritten haben sie nicht, es sind eher profane Gründe. Die Älteren wollen kürzer treten, die Akquise von Auftragsarbeiten für die Öffentlich-Rechtlichen wird immer schwieriger, die Kosten für den Unterhalt der Büro-Infrastruktur laufen davon, und was einem das Leben halt sonst noch schwer macht. Vor allem aber fehlte es an NachfolgerInnen. Dann lieber »in Würde das Licht zum selbst gewählten Zeitpunkt ausmachen«, wie es zum Abschied hieß.

Die Rheinischen werden ihre Arbeit am heimischen Schreibtisch oder in anderen JournalistInnenbüros fortsetzen. Wir freuen uns auf weitere Zusammenarbeit, denn dem Abschiedsmotto des rjb können wir uns nur anschließen: »Nous ne regrettons rien!«

die redaktion

 

PS: Wir haben es verbaselt und holen es nun mit Bitte um Verzeihung nach: Der Themenschwerpunkt »Drogen« in iz3w 329 und die mittlerweile stattgefundene
Veranstaltung mit Autor Robert Lessmann wurden von Umverteilen! Stiftung für eine, solidarische Welt gefördert.

Wir bedanken uns herzlich.

 

PPS: Sören Scholvins Beitrag über Namibias Abhängigkeit von Südafrika (iz3w 326) veranlasste unseren Windhoeker Abonnenten Klaus Schade zu einer ausführlichen Replik. Sie ist samt einer Entgegnung Scholvins auf www.iz3w.org nachzulesen.

PPPS: Auf unserer Webseite findet sich nun das Jahresregister 2011.

329 | Globales Lernen mit Defiziten
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