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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 329 | Globales Lernen mit Defiziten Editorial zum Themenschwerpunkt

Editorial zum Themenschwerpunkt

Ohne Angst verschieden sein

Die Auseinandersetzung mit postkolonialer Theorie und Geschichte, mit Weißsein und privilegierter Position ist für kritische, nord-südpolitische und antirassistische Bildungsarbeit unabdingbar. Leider sind Konzepte und Inhalte antirassistischer Bildung in staatlichen Einrichtungen wie der Schule weitgehend abwesend. Dafür gibt es – wie gerne argumentiert wird – die außerschulischen Bildungsangebote. Schon an diesem bequemen Verweis auf Akteure des Globalen Lernens zeigt sich, dass an einem Schulsystem festgehalten wird, das im Kern auf die Reproduktion sozialer Ungleichheit basiert, auf Selektion, Ausschluss und Konkurrenz. Weswegen auch die best konzipierten Workshops der antirassistischen Bildung – so lange sie nur in Ausnahmen und von engagierten Schulen in Anspruch genommen werden – keine von klein an »erlernte« Gesellschaft verändern können. Und die Widerstände gegen eine Veränderung sind heftig.

Vor vier Jahren sorgte die Strafversetzung der Grundschullehrerin Sabine Czerny in Bayern für mediale Furore. Die offizielle Begründung des bayrischen Schulamtes lautete damals »nachhaltige Störung des Schulfriedens«. Das konnte man Czerny tatsächlich vorwerfen, denn von ihren ViertklässlerInnen wechselten über 90 Prozent auf Gymnasien oder Realschulen. Allesamt hatten sie gute Noten erreicht, und, wie Eltern später beteuerten, auch noch Spaß am Lernen. Ein Verstoß, ja eine Rebellion gegen den normalen Wahnsinn des Schulbetriebes, der in erster Linie bestehende Schichten, Klassen und Gruppen reproduzieren, Chancen verteilen und Lebensläufe im Alter von zehn Jahren definieren soll.

Dass Schule als bürokratische Selektionsmaschine fungiert, ist bekannt – neu ist vielleicht, wie offen dabei die Ellbogen ausgefahren werden. Beim Hamburger Volksentscheid 2010 sprach sich das Bürgertum gegen eine Reform und für die möglichst frühe Auslese ihrer Sprösslinge aus.

An der Beharrlichkeit der Schulstrukturen zeigt sich auch, wie ernst es mit anti-rassistischer Bildung gemeint ist. Eine Unterrichtseinheit zum Thema Anti-Rassismus, ja gerne. Doch die, um die es geht, sollen bleiben, wo sie sind. Wo kämen wir denn hin, wenn alle plötzlich alles…?

Die Debatten der 1960er und 70er Jahre, in denen eine Demokratisierung der Bildungsinstitutionen verhandelt wurde und AutorInnen wie Ivan Illich die »Entschulung der Gesellschaft« forderten, scheinen passé. Heutige Diskussionen drehen sich um Turbo-Abi, Credit-Points oder das Schreckgespenst der PISA-Studien. Dass ein zentrales Ergebnis der Studien, nämlich die fehlende Chancengleichheit und hohe soziale Auslese an deutschen Schulen, zu keiner nennenswerten Veränderung geführt hat, kann kaum überraschen.

Von Adornos Forderung, »ohne Angst verschieden sein« zu können, ist das deutsche Schulsystem Lichtjahre entfernt. Schon lange fordern Sans Papiers, ihre Kinder ohne Angst vor Abschiebung in die Schule schicken zu können. Und Eltern kämpfen um das von den UN proklamierte Recht, Kinder mit Behinderung in Regelschulen zu integrieren. Die Norm ist nach wie vor das Abschieben in »sonderpädagogische Fördereinrichtungen«. Welch fröhliche Diversity.

Die institutionalisierte Hierarchisierung der Spezies SchülerIn ist übrigens ein Produkt des 19. Jahrhunderts. Im Aufbau einer Militärkaserne ähnlich, war Disziplinierung durch Gewalt und Einschüchterung ein zentrales Ziel. Astrid Albrecht-Heide zeigt im vorliegenden Dossier auf, wie im Kolonialismus die ‚gut gemeinten’ Erziehungsmethoden auf zu zivilisierende ‚Wilde’ übertragen wurden. Und welche Spuren die Weiße Pädagogik in den heutigen Angeboten des ‚Globalen Lernens’ hinterlassen hat. Damit wäre – jenseits der strukturellen Verankerung – ein zweiter Schwachpunkt der nord-südpolitischen Arbeit angesprochen: die Inhalte und die Methoden. Auch sie sind von kolonialem Denken und Machtverhältnissen geprägt. Chandra Danielzik und Beate Flechtker zeigen das für die viel gepriesene ‚Bildung für nachhaltige Entwicklung’. Die Pfade dieses Denkens zu verlassen, ist Anspruch vieler, die sich für eine politische Bildungsreise entscheiden (siehe Beitrag von Katrin Zeiske) oder gar an einem Peacebuilding Projekt teilnehmen (Paul Metsch). Nun wird mit dem erklärten Willen, solidarisch zu handeln, die Welt noch nicht anders. Wir denken, dass sich nord-südpolitische antirassistische Bildungsarbeit trotz aller struktureller Hürden, kolonialer Altlasten und postkolonialer Stolpersteine lohnt. Weil sie alle Beteiligten herausfordert.

 

die redaktion

 

Das Dossier entstand mit finanzieller Unterstützung des BMZ und der Evangelischen Landeskirche in Baden

329 | Globales Lernen mit Defiziten
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