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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 329 | Globales Lernen mit Defiziten Unterscheidungen verlernen

Unterscheidungen verlernen

von Albert Scherr

Über die Notwendigkeit rassismuskritischer Bildung in der Einwanderungsgesellschaft

Immer dann, wenn rechtsextreme Gewalttaten es in die Medien schaffen, wird die Forderung nach Projekten und Initiativen gegen Rassismus erhoben. Dass antirassistische Bildungsarbeit jedoch weder in staatlichen Schulen noch in der Erwachsenenbildung verankert ist, wird gewöhnlich nicht problematisiert.

Antirassistische Bildungsarbeit hat sich in Deutschland vor allem seit den 1990er Jahren in Reaktion auf rechtsextreme und rechtspopulistische Positionen entwickelt, die Einwanderung als Ursache von Arbeitslosigkeit, der Krise des Sozialstaates und als Gefährdung nationaler Identität inszenieren. Antirassistische Bildung grenzt sich kritisch gegen eine interkulturelle Pädagogik ab, die von der hochproblematischen Annahme ausgeht, dass Probleme und Konflikte in der Einwanderungsgesellschaft eine Folge kultureller Unterschiede zwischen der Mehrheitsgesellschaft und ethnischen Minderheiten seien. An deren Stelle tritt ein Verständnis von Rassismus als Begründung und Rechtfertigung von Machtverhältnissen und sozioökonomischen Ungleichheiten in der Einwanderungsgesellschaft sowie von staatlicher Zuwanderungsbegrenzung.

Dabei wird unter Rassismus nicht ‚nur‘ der tradierte biologische Rassismus verstanden, sondern auch seine modernisierten Varianten, in denen der Verweis auf vermeintliche kulturelle Zugehörigkeiten und Prägungen an die Stelle biologistisch-genetischer Argumente tritt. Der Kulturrassismus weist kulturellen Merkmalen und Unterschieden die gleiche Bedeutung zu, die der biologische Rassismus genetischen Merkmalen zugesprochen hatte: Menschen gehören demnach einer Rasse oder Kultur an und sind durch ihre Rassenzugehörigkeit oder Kultur geprägt, die grundlegend verschieden voneinander ist.

 

Gesellschaftlicher Lernprozess

Rassismustheoretische Positionen hatten zunächst erhebliche Schwierigkeiten, im politischen und wissenschaftlichen Mainstream akzeptiert zu werden. Gängig waren sozialpsychologische Problembeschreibungen und die ihnen entsprechende Redeweise von »Fremdenfeindlichkeit« oder »Ausländerfeindlichkeit«. Heute ist es hingegen selbst in Dokumenten staatlicher Institutionen üblich, von Rassismus zu sprechen.1 Dass niemand aufgrund rassistischer oder ethnischer Unterscheidungen benachteiligt werden soll, stellt zudem einen politisch unstrittigen Konsens dar (zumindest jenseits der extremen Rechten), dem rechtliche Festlegungen und Institutionen wie die Europäische Grundrechteagentur (FRA) und die Antidiskriminierungsstelle des Bundes entsprechen.

Hier zeigt sich ein Lernprozess, der sich in Deutschland seit Anfang der 1990er Jahre vollzogen hat: An die Stelle einer Problemsicht, die auf den organisierten und den subkulturellen Rechtsextremismus beschränkt war, ist inzwischen die Einsicht getreten, dass die Auseinandersetzung mit Diskriminierung und Rassismus in der Einwanderungsgesellschaft eine gesellschaftliche Aufgabe darstellt. Zu dieser Entwicklung haben die Aktivitäten antirassistischer und migrantischer Initiativen einiges beigetragen.

Befördert wurde dieser Prozess zudem durch zahlreiche sozialwissenschaftliche Studien, die zeigen, dass gegen EinwanderInnen gerichtete Vorurteile und Feindbilder sowie politische Positionen, die MigrantInnen den Status des gleichberechtigten Gesellschaftsmitglieds verweigern, auch in der so genannten Mitte der Gesellschaft verbreitet sind. Tradierte ethnisch-nationalistische und biologisch-rassistische Sichtweisen sind ebenso ein bedeutsames Element des Alltagsdenkens wie Formen des modernisierten Kulturrassismus, etwa in der Form eines Antiislamismus, der ‚den Islam‘ zur zentralen Bedrohung der westlich-europäischen Zivilisation erklärt.

 

Konzepte sind längst vorhanden

Es besteht eine Diskrepanz zwischen der Anerkennung der ‚Tatsache Einwanderungsgesellschaft‘ im politischen Diskurs einerseits und der verbreiteten Ablehnung einer Gesellschaft, in der Menschen unterschiedlicher Herkunft, Hautfarbe, ethnischer und religiöser Identität gleichberechtigt zusammenleben können. Eine der vielfältigen Ursachen dieser Diskrepanz ist darin zu sehen, dass ‚Bildung für die Einwanderungsgesellschaft‘ in den zentralen gesellschaftlichen Bildungsinstitutionen, also den Schulen, den Hochschulen und der beruflichen Bildung, bislang nicht systematisch verankert ist. Eine kritische Auseinandersetzung mit ethnisch-nationalistischen und rassistischen Ideologien, Diskursen, Strukturen und Praktiken erfolgt nicht.

Geeignete Bildungskonzepte, ihre theoretische Fundierung, Methoden und Materialien sind zwar längst vorhanden. Realisiert werden entsprechende Projekte aber vor allem in der außerschulischen Jugend- und Erwachsenenbildung, die über vergleichsweise geringe Ressourcen verfügt und nur die Freiwilligen erreicht. Zudem sind entsprechende Projekte und Initiativen prekär und von den veränderlichen Rahmenbedingungen der Politik abhängig. Eine Vorbereitung auf das Zusammenleben in einer soziokulturell pluralisierten Einwanderungsgesellschaft findet somit in den Regelinstitutionen kaum statt – und dies mehr als zwanzig Jahre nach dem Sichtbarwerden des neuen Rechtsextremismus Anfang der 1990er Jahre und trotz des Wissens um die gesellschaftliche Verbreitung von Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus.

Der Verzicht auf die systematische Verankerung menschenrechtlicher und antirassistischer Bildung ist folgenreich: Zwar sind die Möglichkeiten von Bildungsarbeit, gegen die Verbreitung rassistischer und kulturrassistischer Vorurteile, Diskurse und Ideologien wirksam zu werden, begrenzt. Bildungsangebote können Lernprozesse anregen und unterstützen, aber nicht erzwingen. Aber man verpasst die bedeutsame Chance, alle SchülerInnen, Studierenden und Auszubildenden zu einer Auseinandersetzung mit ihren gesellschaftlichen Erfahrungen sowie den Stereotypen, Diskursen und Ideologien zu befähigen, mit denen sie in ihrer alltäglichen Kommunikation und in den Massenmedien konfrontiert sind.

Es fällt vor diesem Hintergrund schwer, Forderungen nach einer Stärkung präventiver Maßnahmen noch ernst zu nehmen, die immer wieder dann formuliert werden, wenn spektakuläre Ereignisse öffentliche Aufmerksamkeit für Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus erzeugen. Die Frage, warum hieraus bislang keine zureichenden bildungspolitischen und pädagogischen Konsequenzen gezogen wurden, ist nicht einfach zu beantworten. In Rechnung zu stellen ist dabei erstens, dass Bildungsinstitutionen träge sind und auf externen Veränderungsdruck mit Abwehr reagieren. Zudem ist eine antirassistische Sensibilisierung in der Ausbildung künftiger LehrerInnen nicht vorgesehen.

Zweitens hat sich eine Arbeitsteilung zwischen schulischer und außerschulischer Bildung eingespielt, auf die sich beide Seiten eingerichtet haben und die politisch bequem zu handhaben ist. Schulen, Hochschulen und die berufliche Bildung können sich entlasten, indem sie auf Angebote der außerschulischen Bildung verweisen. Mit dem Verweis auf die Defizite von Schulen und Hochschulen können TrägerInnen der außerschulischen Bildung wiederum ihre Forderungen nach Fördermitteln begründen. Diese Förderung erlaubt es der Politik, sich zu legitimieren und zugleich von der schwierigen Herausforderung zu entlasten, Veränderungen der trägen Institutionen gegen Widerstände durchzusetzen.

Drittens ist zu berücksichtigen, dass dem Wissen um die gesellschaftliche Verbreitung von Diskriminierung und Rassismus nur eine eng begrenzte Bereitschaft entspricht, dagegen auch wirksam vorzugehen. Laut einer Studie gehen rund 40 Prozent der Bevölkerung davon aus, dass EinwanderInnen in Deutschland benachteiligt werden, aber weniger als ein Zehntel sind auch der Überzeugung, dass dagegen aktiv vorgegangen werden sollte (siehe Sinus-Studie 2008).

 

Wir und die Anderen …

Angezeigt ist damit eine Problematik, die auch im Antirassismusdiskurs vielfach unterschätzt wird: Rassismuskritik wendet sich zentral gegen Strukturen, Praktiken und Diskurse, mit denen Machtverhältnisse und soziale Ungleichheiten reproduziert, begründet und legitimiert werden. Zentraler Gegenstand antirassistischer Vorurteils- und Ideologiekritik sind daher alle Varianten der Annahme, dass es zulässig sei, ‚Rassen‘ bzw. Ethnien als ungleichwertige Gruppen zu unterscheiden. Eine darauf zielende Kritik tendiert aber dazu, zu vernachlässigen, dass bereits die Unterscheidung selbst folgenreich ist, da sie Grenzen der moralischen und politischen Verantwortung etabliert: Diejenigen, die rassistisch oder ethnisierend von »uns« unterschieden werden, werden damit nicht notwendig als minderwertig, aber immer als Nicht-Zugehörige definiert, die nicht »unserem« moralischen und politischen Universum angehören, für die »wir« nicht zuständig und verantwortlich sind.

Antirassistische Bildungsarbeit kann sich deshalb nicht auf eine Kritik von Machtverhältnissen und Ungleichheiten sowie der ihnen entsprechenden Diskurse, Vorurteile und Ideologien beschränken. Sie muss darüber hinaus zu Lernprozessen beitragen, die dazu motivieren, die Begrenzung politischer und moralischer Verantwortlichkeit in Frage zu stellen. Und dies stellt nicht nur in Hinblick auf ethnische und religiöse Konstrukte von Zugehörigkeit, sondern auch im Hinblick auf ein Verständnis von Staaten als nationale Interessengemeinschaften ihrer BürgerInnen eine erhebliche Herausforderung dar.

 

Anmerkung

1  Es gibt jedoch gute Gründe, an der Reichweite dieser Veränderung zu zweifeln. Einer neuen Rhetorik muss kein verändertes Problemverständnis entsprechen, das Rassismen als ein Moment gesellschaftlicher Verhältnisse begreift.

 

Literatur

Albert Scherr (2011): Bildung als Auseinandersetzung mit sozialen Ungleichheiten und soziokulturellen Unterschieden. In: Benno Hafeneger (Hrsg.): Handbuch außerschulische Jugendbildung. Bad Schwalbach, S. 43-56.

Wiebke Scharathow / Rudolf Leiprecht (Hrsg.) (2010): Rassismuskritik. Band 2. Bad Schwalbach.

Claus Melter / Paul Mecheril (Hrsg.) (2009): Rassismuskritik. Band 1. Bad Schwalbach.

Sinus Sociovision (2008): Forschungsprojekt Diskriminierung im Alltag. Heidelberg.

Ulrike Hormel / Albert Scherr (2004): Bildung für die Einwanderungsgesellschaft. Wiesbaden.

 

 

Albert Scherr ist Professor für Soziologie an der Pädagogischen Hochschule Freiburg und arbeitet zu den Schwerpunkten Migration, Rassismus und Rechtsextremismus.

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