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Blogger-Pioniere in den arabischen Golfstaaten

von Sultan Al-Qassemi

Lange vor Facebook und 140 Zeichen-Tweets gestalteten in den arabischen Golfstaaten einige Cyber-AktivistInnen die Landschaft der nicht von Regierungen gebildeten öffentlichen Meinung. In weniger als einer Dekade schaffte es eine Gruppe von BloggerInnen, von denen die meisten sich nie persönlich getroffen haben, jenen „anderen“ Meinungen Raum zu verschaffen, die in den von den Regierungen kontrollierten Medien vermisst wurden. Die von diesen Bloggern ausgelösten  Erschütterungen der traditionellen Medien sind vergleichbar mit denen, die Al-Jazeera bei den dem Untergang geweihten Staats-TV-Sendern verursachte.

Heute wird die Zahl der Twitter- und Facebook-User in den Golfstaaten auf mehrere Millionen geschätzt. Viele von ihnen kritisieren unverblümt die Politik der dortigen Regimes, das religiöse Establishment und die Stagnation bei sozialen und politischen Reformen. Der Raum für diesen gewaltfreien Online-Protest wäre wesentlich kleiner und weniger toleriert, hätte es nicht den couragierten Aktivismus der Blogger-Pioniere gegeben.

Einige von ihnen sind heute nicht mehr dabei, andere verstecken sich aus Angst, ins Gefängnis gesteckt zu werden. Blogger wie emoodz, Redbelt oder Silly Bahraini Girl beschränken sich darauf, über Lokales zu schreiben, aus Angst vor Repressalien im Anschluss an die Verhaftungen bekannter Blogger. Einige dieser Blogger verwenden Pseudonyme, anderen ihre realen Namen, trotz des Druckes und der Drohungen, denen sie ausgesetzt sind. Obwohl sich diese Blogger nie persönlich getroffen haben, sind ihre Leben miteinander verbunden.

Im Dezember 2007 schrieb der saudische Blogger Fouad al-Farhan ein Posting mit dem Titel „Zehn Saudis, die ich niemals treffen möchte“. Die umstrittene Liste umfasste neben anderen einen führenden Kleriker, einen Richter und einen saudischen Prinz. Al-Farhan hatte zuvor bereits einen Beitrag geschrieben, in dem er eine Gruppe konservativer Akademiker verteidigte, die dafür verhaftet worden waren, weil sie Treffen abhielten und Reformen verlangten. Kurz nach Erscheinen der Liste wurde er in festgenommen und für vier Monate in Isolationshaft genommen. Al-Farhan hatte seine eigene Verhaftung vorhergesagt. Ein Informant hatte ihm gesteckt, dass er in den nächsten zwei Wochen zur Vernehmungen im Innenministerium „mitgenommen“ werde. Sein Blogeintrag endet mit den Worten: „Ich möchte nicht im Knast vergessen werden.“

Während al-Farhans 137-tägiger Haft kam die lautstärkste Unterstützung von Hadeel al-Hodaif, der 25-jährigen saudischen Autorin des Blogs Heaven Step’s. Al Hodaif war bekannt dafür, unter ihrem Realnamen zu bloggen. Sie initiierte eine „Free Fouad“-Kampagne und eine Facebook-Seite, die die Aufmerksamkeit globaler Medien erweckte. BBC Arabic lud sie ein, eine Rede über al-Farhans Zwangslage zu halten. Tragischerweise fiel al-Hodaif wenige Tage vor al-Farhan Freilassung ins Koma und starb 25 Tage später. Al-Hodaif hat Saudi-Arabiens Blogosphäre inspiriert, heute wird sie bereichert von anderen mutigen Bloggerinnen wie Manal, Fotat und Ghada, ebenso wie von Eman Al Nafjan und Manla Al Sharif, die im Dezember 2011 von der Zeitschrift Foreign Policy zu den „Top 100 Global Thinkers“ gezählt wurden.

Obwohl al-Farhans Geschichte ein Paradebeispiel dafür ist, wie BloggerInnen an Einfluss gewinnen, wird sie von den Golf-Regimen ignoriert. Dabei bestätigt sie Gandhis Aussage: „Erst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich, und dann gewinnst du“. Al-Farhans Blog wurde ignoriert, dann wurde er inhaftiert und im Februar 2011 gewann er, als Prinz Khalid Al Faisal, der Gouverneur der Provinz Mekka, al-Farhan treffen wollte, um mit ihm über die behördlichen Anstrengungen bei der Bekämpfung einer Flutkatastrophe in Jeddah zu sprechen. Der Prinz bat al-Farhan, den „jungen Leuten über Twitter seine Grüße“ ausrichten zu lassen und über die Diskussion mit ihm zu berichten. Was wohl al-Hodaif aus dieser Situation gemacht hätte?

Ahmed al-Omran, ein nun in Washington D.C. lebender Blogger, der für seinen Blog Saudi Jeans bekannt wurde, hatte al-Hodaifs Blog Heaven’s Step zu den Top Ten der saudischen Blogs gezählt. Er bedauerte, sie nie persönlich getroffen zu haben, und schrieb im Mai 2008: „Erinnerst du dich, als meine Webseite geblockt wurde und du die Erste warst, die mich verteidigte, ungeachtet aller Kritik?“ Bis heute ist Saudi Jeans einer der meistzitierten Blogs aus der Region, der Themen wie die Verhaftung saudischer Youtube-Aktivisten und ein geplantes saudisches Anti-Terror-Gesetz aufgreift.

Ein weiterer in der Region bekannter Cyber-Aktivist ist Mahmood al-Yousif, auch bekannt als „Bahrain’s Blogfather“. In einem Blogeintrag vom Dezember 2005 mit dem Titel „Thematische Trends von Blogs aus Golfstaaten“ sagte er den Durchbruch des Bloggens in den Golfstaaten voraus. Seine Vorhersagen haben bis heute Bestand. Über Blogs zu den Vereinigten Arabische Emiraten schrieb er, sie seien voller Auswanderer, die „darüber schimpfen, wie miserabel das Leben in den Emiraten“ sei. Katar brauche mehr Blogger, denn man erfahre kaum, was dort vor sich ginge. Kuweitische Blogger pries er für ihren legendären Sarkasmus, mit dem sie auf Regierung und Parlament losgehen. Blogs aus Oman hingegen fand er „niedlich“: „Wenn ich glauben will, alles in der Welt ist in Ordnung und entspannt, lese ich Blogs aus Oman.“

Als ob es zur Gewohnheit im Umgang mit Bloggern geworden sei, wurde auch der besonnene al-Yousif im vergangenen Frühjahr kurz verhaftet und erst nach Protesten des US-amerikanischen Außenministeriums freigelassen. Das hielt ihn nicht davon ab, weiter seine Meinung kund zu tun. In einem Eintrag vom 23. November 2011 anlässlich einer Veröffentlichung der Kommission, die die Vorkommnisse in Bahrain während der Aufstände vom Frühjahr 2011 untersuchte, schrieb er: „Es müssen Köpfe rollen, zuerst der des Innenministers.“ Er schrieb auch über das Phänomen des „tief verwurzelten Hasses“, das Bahrain im letzten Jahr erlebte, und fragte sich, ob „wir den Mut haben, den Reset-Knopf zu drücken, um vorwärts zu kommen.“

Bereits im Dezember 2006 hatte al Yousif, der nicht nur prominenter Blogger, sondern auch politischer Aktivist ist, die Kampagne „Not Shi’i, not Sunni, just Bahraini“ initiiert – die heute wohl wiederbelebt werden sollte. Im Februar 2007 wurde der bahrainische „Blogfather“ von der Kriminalpolizei vernommen, weil er einen Regierungsoffiziellen verunglimpft habe; sein Blog wurde einige Tage lang gesperrt. Einer bahrainischen Tageszeitung sagte er daraufhin: „Es ist lächerlich, auf eine solch plumpe Weise Kritik zu unterdrücken.“

Ein anderer prominenter Blogger aus Bahrain ist Ali Abdulemen, der bereits 1998 mit dem Online-Aktivismus begann. Er gründete das Diskussionsforum Bahrain Online um lokale Nachrichten zu verbreiten und der pro-demokratischen Debatte eine Plattform zu geben. Abdulemen zog es vor, bis 2002 anonym zu bleiben. Danach wurde seine Webseite mehrfach geblockt, obwohl sie hunderttausend Besucher am Tag hatte – für eine kleine Bevölkerung wie die bahrainische eine Rekordzahl. Im September 2010, einen Monat nach seinem letzten Update, wurde Abdulemen mit der Begründung verhaftet, Bahrain Online verbreite falsche Nachrichten. Während seiner Haft wurde er nach eigenen Angaben gefoltert. Er wurde am 23. Februar 2011 plötzlich entlassen,  nachdem König Hamad mehrere Gefangene während des Höhepunkts der Proteste in Bahrain begnadigt hatte. Nach einer Razzia bei einem der Sit-Ins von RegimegegnerInnen auf dem Lulu-Roundabout (dem Perlenplatz in der Hauptstadt Manama) wurde Abdulemen im Juni 2011 in Abwesenheit zu fünfzehn Jahren Haft verurteilt. Er ist seither untergetaucht.

Einer der wohl kontroversesten Blogs im Mittleren Osten, Lands of Sands aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, wurde von Ahmed Benkerishan betrieben. Er nennt sich selbst Atheist. Die Themen seiner letzten Blogeinträge vom November 2010 waren so verschieden wie ‚Masturbation’ oder ‚politischer Islam’. Land of Sands wurde zeitweise als „berühmtester arabischer Blog“ bezeichnet. Mahmood al-Yousif aus Bahrain schrieb: „Benkerishan ist Grund genug für jeden, der nicht Arabisch spricht, die Sprache zu lernen“. Benkerishan – oder Ahmed X, wie ich ihn nannte – mailte mir manchmal, um mich zum Schreiben zu ermutigen. Jedoch weigerte er sich, mich zu treffen oder seinen realen Namen preiszugeben. Im Oktober 2008 schrieb er mir: „Wenn du auf Arabisch schreiben würdest, wärst du der größte Autor in den Golfstaaten.“

Benkerishans Ansichten waren für die Golfregion außergewöhnlich, aber sehr erfrischend zu lesen. 2005 schrieb er: „Es ist noch keine Demokratie, wenn ein Mann über Politik reden kann, ohne bedroht zu werden. Es ist erst Demokratie, wenn eine Frau über ihren Liebhaber sprechen kann, ohne ermordet zu werden.“ Kaum überraschend wird Benkerishans Blog in den Emiraten gesperrt. Im August veröffentlichte OpenNet einen Bericht über die zunehmende Internet-Zensur in den Emiraten, aus dem hervorging, dass die damit beauftrage Überwachungsbehörde Blogs sperrte, die „unorthodoxe Perspektiven auf den Islam“ präsentierten. Betroffen waren unter anderen drei URLs, unter denen Benkerishans Blog erschien. Eine vierte, geheime Adresse, die er mit mir teilte, wurde nicht geblockt. Obwohl Lands of Sands nicht im engeren Sinne politisch war, kritisierte Benkerishan die Instrumentalisierung von Religion durch die Politik. Er benutzte dabei Karikaturen, die religiöse Menschen vermutlich für anstößig halten. Darunter waren solche, die die Religion verspotteten und Gott darstellten, wie er Jüngern befiehlt, ihm zu folgen.

Anders als Lands of Sands, der geschlossen wurde, veröffentlichten andere populäre Blogs aus unbekannten Gründen nur unregelmäßig oder selten Einträge, wie etwa Reem Site, Religious Policeman und Wardat Al Khaaleej. Jeder einzelne Golfstaat hat vor oder während der Aufstände des Arabischen Frühlings BloggerInnen festgenommen und eingesperrt. Katar zum Beispiel verhaftete im März Sultan Al-Khulaifi. Die VAE nahmen Ahmed Mansour und vier weitere Aktivisten fest. Oman Sperrte neben einigen anderen Abdullah al-Aisari ein. Kuweit übertraf alle anderen Golfstaaten und sperrte zahlreiche Social-Media-AktivistInnen ein, angefangen von Mohamed Al-Jassem bis zu Twitter-Aktivisten wie Hamad Al-Olayan, Tariq Al-Mutairi und Nasser Abul.

BloggerInnen zu verhaften ist keine exklusive Erscheinung der Golfstaaten. Im Post-Mubarak-Ägypten gehören einige Blogger zu den profiliertesten festgenommenen ZivilistInnen, wie etwa Abdel Fattah und Maikel Nabil Sanad, deren friedlicher Aktivismus zu riskant erschien, um ihn tolerieren zu können. Ägypten hat sogar BloggerInnen deportiert, wie im September den Libanesen Imad Bazzi, nachdem man ihn zu seinen Beziehungen zu anderen BloggerInnen verhört hatte. In Syrien wurde Razan Gazzawi für zwei Wochen festgenommen, ihr Blog wurde jedoch in dieser Zeit von ihren Freundinnen weiter betrieben. Die palästinensische Autonomiebehörde nahm den atheistischen Blogger Waleed Al-Husseini „zu seiner eigenen Sicherheit“ fest, wie es hieß. Und nachdem Marokko bereits 2009 ElBachir Hazzam verhaftet hatten, folgten im September 2011 Mohamad Douras und zwei weitere Blogger.

Beim Umgang mit bekannten Online-AktivistInnen scheinen die Golfstaaten demselben Drehbuch zu folgen. Doch wenn es ihre Absicht ist, die Blogger durch Verhaftung zu Schweigen zu bringen, dann schlägt dies fehl: Diese Blogger verlassen das Gefängnis mit noch größerer Motivation, um für das zu kämpfen, woran sie glauben. Der Fall Fouad Al Farhan zeigte es: „Erst ignorieren  sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich. Und dann gewinnst du.“

Einige der im Text erwähnten Blogs und Twitter-Accounts sind noch aufrufbar:

emoodz.com
sillybahrainigirl.blogspot.com
twitter.com/alfarhanhdeel.org/blog
saudijeans.org
mahmood.tv
freeabdulemam.wordpress.com

Sultan Al-Qassemi arbeitete unter anderem als Lehrer in Dubai und twittert unter @SultanAlQassemi. Dieser Text wurde zuerst publiziert auf Jadaliyya.com, einem unabhängigen E-zine des Arab Studies Institute in Washington D.C..

Übersetzung aus dem Englischen: Christian Stock

330 | Arabischer Frühling 2.0
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