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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 330 | Arabischer Frühling 2.0 Die Inszenierung der Grenzen

Die Inszenierung der Grenzen

Francesca Falk: Eine gestische Geschichte der Grenze. Wie der Liberalismus an der Grenze an seine Grenzen kommt. Wilhelm Fink Verlag, München 2011. 192 Seiten, 22,90 Euro.

Warum erscheinen Grenzen den meisten Menschen so normal? Woher bezieht der Ein- und Ausschluss entlang einer gedachten Linie seine Legitimität? Und steht die Idee der Grenze mit all ihren Schikanen und Restriktionen nicht im Gegensatz zur Idee des Liberalismus mit seinen Bürgerrechten?

Entlang dieser Fragen nimmt Francesca Falk ihre LeserInnen mit durch die Geschichte der modernen und damit vor allem der nationalstaatlichen Grenze. Das Buch beginnt klassisch ideengeschichtlich mit den Vertragstheoretikern John Locke und Thomas Hobbes. Deren Vorstellung von einem Gesellschaftsvertrag setzte die Existenz eines vermeintlich ‚leeren Raumes’ voraus, in dem sich Staaten gründen, voneinander abgrenzen und ihre Untertanen dabei einem System territorialen Ein- und Ausschlusses unterwerfen konnten. Von dort treibt es Francesca Falk zu den städtischen Pest- und Quarantänepolitiken der frühen Moderne (der Pestbrief als Vorläufer des Reisepasses), in die US-amerikanische Siedlerzeit, zu den unterschiedlichen Lager- und Abschiebepolitiken des 19. und 20. Jahrhunderts und schließlich zu den Bootsflüchtlingen und illegalisierten MigrantInnen an den Außengrenzen der EU.

Dabei fokussiert Falk einerseits auf die Wirkmächtigkeit von Bildern, Metaphern und Diskursen, die die Grenze im Denken der Subjekte als quasi-natürliche Gegebenheit verankern. Andererseits zeigt sie, wie und wodurch die Konstitution der Grenze als historischer und politischer Akt sichtbar wird: ein Widerspruch, den die Autorin als Spannungsfeld zwischen Grenzevidenz und Grenzkontingenz beschreibt. Besonders deutlich wird dies in dem Kapitel über Carleton Watkins, der Kalifornien in den 1860ern als menschenleere (sprich: grenzenlose) Wildnis inszenierte und dessen Landschaftsfotografie dann ironischer Weise zur Schlichtung von Grenzstreitigkeiten herangezogen wurde.

Wer nach einer systematischen Analyse aktueller Grenzpolitiken sucht, wird von dem Buch enttäuscht. Stattdessen tritt die gestische Geschichte der Grenze mit dem Anspruch an, die Begründung der Grenze selbst sowie deren Vermittlung in die öffentliche Sphäre zu untersuchen. Dabei hätte Falk durchaus weitere zentrale Aspekte bearbeiten können: Warum schreibt sie so wenig über Nationalismus und Rassismus? Rechtfertigt sich der gewaltförmige Ausschluss ‚der Anderen’ entlang staatlicher Grenzen doch bis heute vor allem über die Vorstellung von nationalen Gemeinschaften und deren Schutz vor äußeren Bedrohungen – gerade auch in den von Falk anvisierten liberalen Demokratien. Und auch der Widerspruch zwischen kapitalistischer Globalisierung einerseits und der staatlichen Beschränkung der Mobilität der Arbeitskraft andererseits sowie die Vermittlung dieses Widerspruchs im öffentlichen Diskurs hätten mehr Aufmerksamkeit verdient.

Nichtsdestotrotz ist Falks gestische Geschichte der Grenze vielseitig, kenntnisreich und mit Liebe zum Detail geschrieben. Vor allem aber bietet ihre kritische Historisierung ein ausgezeichnetes Gegengift gegen jede Darstellung moderner Grenzen als überhistorisches und quasi-natürliches Phänomen.

Henrik Lebuhn

330 | Arabischer Frühling 2.0
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