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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 331 | Restitution geraubter Gebeine Die Partei als Königsmacher

Die Partei als Königsmacher

In Nordkorea beginnt nach dem Tod von Kim Jong Il eine neue Ära

Seit Dezember 2011 ist der erst 29-jährige Kim Jong Un Nordkoreas »Oberster Führer«. Obwohl das sozialistische Nordkorea keine Monarchie ist, beerbt er damit seinen Vater Kim Jong Il und seinen Großvater Kim Il Sung. Das Aufkommen alternativer Machtzentren bleibt weiterhin unwahrscheinlich. Worauf beruht die Macht der Kim-Dynastie und wohin treibt Nordkorea?

 

von Rüdiger Frank

 

Nordkorea ist bis heute das Land des Kim Il Sung (1912–1994). Der »Große Führer« hat laut offiziellen Darstellungen nicht nur das Land in den 1940er Jahren von den Japanern befreit, sondern auch während des Koreakrieges in den 1950ern einen glorreichen Sieg gegen die amerikanische Aggression errungen. Sein Sohn Kim Jong Il wurde seit Mitte der 1970er Jahre über zwei Jahrzehnte hinweg als einzige Person beworben, die Kim Il Sungs Weisheit vollkommen verstehen und die schließlich demütig seine Arbeit fortsetzen konnte.

Kim Jong Ils Position nach 1994 war schwächer als die seines Vaters, dennoch konnte er überzeugend von sich behaupten, dass er die einzige logische Wahl für die Fortsetzung eines Weges darstellte, der über jeden Zweifel erhaben war. Und er konnte darauf bauen, dass die alte Garde ihn dabei unterstützte.

Das gleiche Maß an Legitimität kann nun nicht einfach auf Kim Jong Un übertragen werden. Legitimität in autokratischen Systemen ist eine heikle Angelegenheit. Es ist schwer, sie sich anzueignen, und ihr mangelt es an einem Mechanismus der ständigen Erneuerung (wie sie etwa Wahlen in Demokratien darstellen). In Nordkorea ist Legitimität leistungsorientiert, auch wenn es sich dabei nicht unbedingt um tatsächliche Leistungen handeln muss. Dies schließt auch ein bestimmtes Maß an Fügsamkeit in bestehende Regeln, Formalitäten und Hierarchien mit ein. Deshalb wurde Kim Jong Un auch bis April 2012 weiterhin mit dem Titel »Stellvertretender Vorsitzender der zentralen Militärkommission der Partei der Arbeit Koreas« angesprochen.

Sein Großvater Kim Il Sung baute seinen Machtanspruch auf Heldentaten wie der Befreiung Koreas von Japan auf. Wie so oft zählt dabei nicht so sehr der Wahrheitsgehalt solcher Behauptungen, sondern mehr die Wahrnehmung der Zielgruppe – der nordkoreanischen Bevölkerung. Kim Jong Il musste sich ebenfalls das Recht zum Regieren erst verdienen. Man gab ihm eine Reihe von Aufgaben, anhand derer er beweisen konnte, dass er fähig war.

 

Die Basis der Macht

Kim Jong Un hatte wenig Zeit, solche wesentlichen Taten zu vollbringen, oder wenigstens zu behaupten, er hätte eine vollbracht (es gibt allerdings unbestätigte Gerüchte, dass er in eine Reihe von militärischen Operationen gegen Südkorea verwickelt sei). Es war die Partei, die als Königmacher fungierte. Die öffentliche Vorstellung Kim Jong Uns wurde im Rahmen einer Parteikonferenz Ende 2010 vorgenommen. Nach dem Tod Kim Jong Ils wurde in den Medien bald von ihm als Führer berichtet, der sich persönlich der Bedürfnisse seiner BürgerInnen annahm und Essen und heiße Getränke bereitstellte. Diese kleinen Details haben eine starke symbolische Kraft und versprechen: Kim Jong Un wird sich um die Konsumwirtschaft kümmern.

Eine der am weitesten verbreiteten Annahmen über Macht in Nordkorea ist, dass die Partei und das Militär um die Macht in Nordkorea konkurrieren. Es ist jedoch kaum vorstellbar, dass ein vernunftbegabter Diktator dem Militär erlauben würde, eine politische Macht in seinem Land zu werden. Er wird das Militär als Werkzeug verwenden, er wird militärische Werte wie Hierarchie, das Befolgen von Befehlen und Selbstaufopferung betonen. Alle sozialistischen Gesellschaften haben eine militante Sprache benutzt. Sie alle verfügten über ein großes Militär, riesige Militärbudgets (das war es letztlich, was ihre Wirtschaften zu Grunde richtete), paramilitärisches Training, eine Vorliebe für Uniformen, Massendemonstrationen und Aufmärsche. Trotzdem könnte man nur wenige von ihnen als vom Militär geführt bezeichnen. Nordkorea ist zugegebenermaßen ein Extremfall; aber es ist nicht einzigartig. Ein Teil des westlichen Wahrnehmungsproblems hat damit zu tun, dass es seit 1991 das einzige dieser Systeme ist, das noch besteht.

Die meisten erfahrenen BeobachterInnen Nordkoreas stimmen darin überein, dass das Land durch eine Oligarchie regiert wird. Diese besteht aus einigen wenigen Familien, unter denen sich die von Kim Il Sung und seinen 50 Gefährten befinden, die das Land zusammen mit ihm Ende 1945 betraten. Diese Top-Elite hatte Jahrzehnte lang Zeit, sich festzusetzen. Sie hat so die Kontrolle über die wichtigsten Machtpositionen übernommen, in der Partei, im Militär, in den Geheimdiensten, im Staat oder im Parlament. Sie haben untereinander geheiratet, haben sich vergrößert. Auch das ist in keiner Weise weltweit einzigartig. In Nordkorea sind es dieselben Familien, die Partei und Militär kontrollieren. Gäbe es also Rivalitäten – und es gibt Anzeichen dafür, dass dem so ist – sind es welche zwischen Familien und nicht zwischen Institutionen. Es stünden also Armeeabteilungen gegen Armeeabteilungen, Parteiführer gegen Parteiführer, Ministerien gegen Ministerien, aber nicht Armee gegen Partei.

Ein weiteres für westliche Beobachter schwer zu verstehendes Faktum ist, dass der Kitt, der Nordkorea zusammenhält, nicht direkte Repression, sondern die Ideologie ist. Damit soll nicht gesagt werden, dass Nordkorea kein im höchsten Maße repressives System darstellt. Die Repression ist systematisch und überall präsent. Aber sie ist nicht das einzige und wahrscheinlich noch nicht einmal das mächtigste Element der Stabilität des Regimes. Es ist kein Zufall, dass Kim Jong Il »ideologische Schwäche« als Grund für den Zusammenbuch des Sozialismus in Europa ausmachte. Und tatsächlich ist Nordkorea gerade in diesem Bereich besonders stark. Es hat antijapanischen und antiamerikanischen Nationalismus erfolgreich mit der Angst vor dem Verlust der Unabhängigkeit, mit einer kruden Form von Leninismus, mit Fremdenfeindlichkeit und mit traditionellen Familienwerten verschmolzen. Für NordkoreanerInnen sind »Führer« und »Sozialismus« dasselbe wie nationale Unabhängigkeit und Nation. Das Letztere besteht ohne jeden Zweifel und darum auch automatisch das Erstere. Eigentümer der Ideologie ist die Partei.

Trotz des offensichtlichen Militarismus und der Führung durch die eiserne Faust ist Nordkorea keine Militärdiktatur; vielmehr ist es der Extremfall einer staatssozialistischen Autokratie, die sich in einem dauerhaften Ausnahmezustand und quasi im Kriegsrecht befindet.

 

Verbündetes und gefürchtetes China

China wird in westlichen Medien oftmals als Nordkoreas einziger Verbündeter dargestellt. Das ist schwer zu leugnen, ist aber gleichzeitig nur eine Seite der Medaille. Die Geschichte kennt kaum Fälle, in denen die Beziehungen zwischen einem gigantischen Land und seinem kleinen Nachbarn aus Sicht beider Seiten ausschließlich positiv war. Die beiden Länder blicken auf eine lange Tradition enger Kooperation, aber auch von Spannungen und Misstrauen zurück. China scheiterte im 19. Jahrhundert als Koreas Beschützer, was zur Kolonisierung durch Japan führte. China eilte während des Koreakrieges zu Nordkoreas Rettung, war aber dabei nicht frei von egoistischen Gedanken – und seine Truppen blieben bis in die späten 1950er Jahre. Ein Coup gegen Kim Il Sung während einer Europareise im Jahr 1956 wurde von pro-sowjetischen und pro-chinesischen Koreanern angeführt. Während der Kulturrevolution kritisierten die chinesischen Roten Garden Kim Il Sung und seinen Führerstil aufs Heftigste und versuchten sogar, eine ähnliche Bewegung in Nordkorea auszulösen. Es gab territoriale Konflikte, die sich unter anderem um den heiligen Berg Paektu drehten.

Die heutigen Reformen im Nachbarland werden in Nordkorea mit einer Mischung aus Faszination und Misstrauen beäugt, und Chinas offensichtliche Hyper-Präsenz in der nordkoreanischen Wirtschaft ist für viele KoreanerInnen  besorgniserregend. Nordkoreas Handelsabhängigkeit von China sprang von 25 Prozent im Jahr 1999 auf 83 Prozent im Jahr 2011. Noch 1991 kamen die meisten im Ausland produzierten Waren, falls es denn überhaupt welche gab, aus Japan. Heute scheint das Land geradezu überflutet von chinesischen Waren und Dienstleistungen aller Art, von Textilien bis zu Autos, von Reparaturläden bis hin zu Restaurants.

Gegenseitiges Misstrauen herrscht nach wie vor. Offiziell ist aber alles nur Freundschaft, so wie es zwischen der Sowjetunion und seinen Satellitenstaaten gewesen war. Im Kontext seiner regionalen und globalen Strategie ist China in erster Linie an einem stabilen Nordkorea interessiert. Ein Zusammenbruch würde Peking in eine schwierige Lage bringen. Falls es Truppen senden würde, riefe das weltweit erboste Reaktionen hervor. Würde China den Zusammenbruch nur beobachten, wäre Korea wohl bald unter südkoreanischer Führung wiedervereint – was eine Expansion des US-amerikanischen Einflussbereichs bis an Chinas Grenzen bedeutete. Das wäre ein strategisches Desaster, und der Traum, regionale Supermacht zu werden, würde einen Rückschlag erleiden. Deshalb war es wenig überraschend, dass China der neuen Führung in Nordkorea schnell Unterstützung zusagte.

Nur wenn Pjöngjang sichtlich zu weit geht, zum Beispiel in der Atomfrage, wird Peking eingreifen – aber so leise wie möglich. In der Zwischenzeit werden neue Wirtschaftszonen errichtet und alte wiederbelebt. Es scheint so, als vertraue das angeblich kommunistische China der transformativen Kraft des Marktes mehr als der kapitalistische Westen es tut. Die Welt ist voller Ironie.

Nordkorea nutzt seine Atomwaffen als Abschreckungsmaßnahme auf Grundlage derselben Logik, die während des Kalten Krieges zwischen Ost und West angewandt wurde. Das Programm ist eine der wenigen großen Leistungen, die Kim Jong Il seinem Volk präsentieren konnte. Kim Jong Un wird nicht so dumm sein, es aufzugeben, während er selbst seine Legitimität auf dem Erbe seines Vaters aufbaut. Am wesentlichsten ist aber, dass das Atomprogramm die Nachbarn in Sorge und die Welt bei Interesse hält. Der Fall Libyens und der Tod Gaddafis wurden von Nordkorea als Langzeitauswirkung der Aufgabe des libyschen Atomprogramms interpretiert. Nicht zuletzt ist es wohl die einzige Art und Weise, wie Nordkorea das Gewicht Chinas ausgleichen kann.

Eine schnelle Verbesserung der Beziehungen mit Südkorea rangiert offensichtlich nicht sehr weit oben auf Kim Jong Uns Prioritätenliste. Die Vorwürfe bezüglich »respektlosen Verhaltens« sind in letzter Zeit so schwerwiegend geworden, dass man nur hoffen kann, dass dies die übliche kriegerische Rhetorik ist und nicht das Vorspiel zu einem weiteren militärischen Zwischenfall. Dennoch bleibt die Wiedervereinigung Staatsziel – und Südkorea ist der naheliegendste Kooperationspartner für wirtschaftlichen Austausch. Letzteres ist wesentlich, um den versprochenen Aufschwung beim Lebensstandard der nordkoreanischen Bevölkerung zu bewerkstelligen.

 

Vom Kollektiv zur Ein-Personen-Diktatur?

Das Aufkommen alternativer Machtzentren in Nordkorea bleibt unwahrscheinlich. Stattdessen ist davon auszugehen, dass verschiedene Einzelpersonen und Gruppen um die Kontrolle des Machtzentrums konkurrieren werden. Kaum ein Führer herrscht im Alleingang. Kim Jong Un wird also die Macht teilen, aber er wird zugleich vom System als alleiniger Herrscher gebraucht.

Wenn Kim Jong Un die ersten Jahre an der Macht überlebt, wird er langsam seinen Griff um die Partei und die Familien festigen. Er wird seine Gegner beseitigen, die Gruppe der Loyalen ausbauen und so die Institutionen schwächen, die im Moment mehr Macht zu genießen scheinen als je zuvor in Nordkoreas Geschichte seit 1956. Die quasi kollektive Führung, die es im Moment gibt, wird sich über die Jahre hinweg in eine Ein-Personen-Diktatur wandeln, wie man sie aus der Vergangenheit kennt – wenn Nordkorea und die internationale Gemeinschaft nicht jetzt die Chancen nutzen, die sich aus der neuen Situation ergeben.

 

 

Rüdiger Frank ist Professor für East Asian Economy and Society an der Universität Wien. Eine längere Fassung dieses Textes erscheint im August in Korea Forum (2012–1). Übersetzung aus dem Englischen: Elisabeth Schober.

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