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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 331 | Restitution geraubter Gebeine Editorial zum Themenschwerpunkt

Editorial zum Themenschwerpunkt

Koloniale Sammelwut

Zu Beginn von Virginia Woolfs Roman »Orlando« ist der Titelheld dabei, »Fechthiebe nach einem Mohrenkopf zu führen, der von den Dachsparren hing«. Seine Vorväter hätten »viele Köpfe von vielerlei Farbe von vielen Schultern gehauen und sie heimgebracht.«

Schädel, die in Kolonien geraubt wurden – dieses Thema mag auf den ersten Blick abseitig erscheinen. Doch man findet sie in Kellern und auf Dachböden. Der deutsche Rassenforscher Eugen Fischer hatte sich 1921 an die LeserInnen der Deutschen Kolonialzeitung gewandt, um menschliche Schädel aus den ehemaligen Kolonien als Schenkung zu erhalten. Der Privatbesitz solcher Schädel war durchaus verbreitet. Auch in öffentlichen Institutionen wie Museen und Universitäten sind Schädel und Gebeine archiviert, die im kolonialen Kontext angeeignet wurden. In der Freiburger Universität beispielsweise werden bis heute die geraubten Schädel der Alexander-Ecker-Sammlung im Keller des Kollegiengebäudes II aufbewahrt. Die Studierenden, die ein Stockwerk darüber ihre Vorlesungen besuchen, dürften sich darüber allerdings kaum im Klaren sein. Oben Aufklärungsideale, darunter »schönes Hottentottenmaterial« – wie es der Anthropologe Hans August Ried 1906 in einem Dankwort an die Sammlung nannte (siehe den Beitrag auf S. 27).

Der Spuk wird zunehmend zum Debattenthema: Tausende Gebeine und andere menschliche Überreste wurden mittels kolonialer Raubzüge in Museen und Institute verbracht, vor allem am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Jetzt mehren sich die Forderungen nach Restitution – der Rückgabe an die Herkunftsorte. Einige Länder wie Australien sind seit längerem mit Restitutionsprogrammen für Gebeine befasst (siehe S. 34). In Deutschland hat erstmals eine Fernsehreportage des Magazins Fakt 2008 über Schädel aus »Deutsch-Südwestafrika« in deutschen Sammlungen für eine größere Öffentlichkeit gesorgt. Die Rückgabe von vorerst 20 Schädeln der Berliner Universitätsklinik Charité 2011 an eine namibische Delegation (mitsamt einem diplomatischen Eklat) rief bereits eine beachtliche Reaktion in den Medien hervor (siehe S. 23). Nun sehen sich immer mehr anatomische und anthropologische Sammlungen der Frage gegenüber, wie sie sich zu unrechtmäßig erworbenen Gebeinen verhalten und wie sie mit ihrer eigenen rassistischen Geschichte umgehen sollen. Die Restitutionsforderungen werfen viele weitere Fragen auf: Herkunftsländer und Nachkommen der Opfer kolonialer Verbrechen fordern Anerkennung, Aufarbeitung und Entschädigung für erlittenes koloniales Unrecht. Das beginnt mit einer würdigen Rückführung der Gebeine und der Bereitstellung von Mitteln für Gedenkstätten. Es geht weiter damit, den Zusammenhang zu den kolonialen Eroberungen und Kriegen aufzuzeigen. Im Hinblick auf den deutschen Genozid im heutigen Namibia 1903-1908 verknüpfen Opfergruppen mit der Restitution die Anerkennung dieses Tatbestands seitens der deutschen Regierung. Sie fordern eine offizielle Entschuldigung und Entschädigung, und sie wollen sich nicht mit einigen restituierten Schädeln oder mit von Deutschland dekretierten Programmen abspeisen lassen. In den Herkunftsländern tritt mit den Restitutionen der Prozess der Aufarbeitung der Kolonialgeschichte ebenfalls in eine neue Phase. Die Restitutionen bringen derzeit die gesamten vergangenheitspolitischen Defizite im Zusammenhang mit der kolonialen Gewalt auf die Agenda.

Die Universitäten der ehemaligen Kolonialmächte wiederum müssen sich beispielsweise mit der Tradition der Rassenkunde, vor allem in der Anthropologie und Völkerkunde, auseinander setzen. Die BesitzerInnen der anatomischen Sammlungen (es ist meist die öffentliche Hand) müssen endlich das Unrecht anerkennen, Tote gegen deren Willen zur Schau gestellt zu haben – noch dazu, um deren »rassische« Minderwertigkeit zu belegen. Von einer selbstkritischen Befassung mit den Sammlungen ist derzeit allerdings noch nicht viel zu sehen (siehe S. 30). Die »Rassenforschung«, die Schädel vermaß, sie unterschiedlichen »Rassen« zuordnete, sie systematisierte und ihnen unterschiedliche Wertigkeit zusprach, gilt heute zwar als inakzeptabel. Aber es wird kaum eingestanden, dass die Rassenforschung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem in der Anthropologie und der Völkerkunde hegemonial und für diese Fachrichtungen sogar grundlegend war.

In Orlando steht die Anfangsepisode mit den »Mohrenköpfen « für Orlandos frühe Sozialisationsphase als ungelenker Rittersohn auf einem Landsitz. Später lernt er die Prinzessin Maruscha Romanowitsch kennen: »Er hörte Bäche rieseln und Vögel singen.« Orlandos Weg der Verwandlungen beginnt. Die Geschichten der »Mohrenköpfe« auf dem Dachboden bleiben ungeschrieben als ein Spuk zurück. In einer Romangeschichte ist eine solche Auflösung ganz hübsch. Für eine Vergangenheitsbewältigung kann und darf man die Geschichten der Schädel nicht in Wohlgefallen auflösen. Eine umfassende Wiedergutmachung wird zwar immer ein Ding der Unmöglichkeit bleiben. Aber das Mindeste ist, für die Identifizierung und Rückführung von Gebeinen aus den Kolonien verbindliche Regeln zu erstellen. Die Anerkennung des mit ihnen verbundenen kolonialen Unrechts ist eine politische Bringschuld.

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331 | Restitution geraubter Gebeine
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