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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 331 | Restitution geraubter Gebeine »Kein Fußbreit den Islamisten!«

»Kein Fußbreit den Islamisten!«

Interview mit der tunesischen Filmemacherin Nadia El Fani

Mit ihrem Film »Laïcité, inch’Allah!« wurde Nadia El Fani in Tunesien im wahrsten Sinne des Wortes schlagartig bekannt. Im Juni 2011 stürmten Salafisten ein Kino in Tunis, um die Aufführung gewaltsam zu verhindern. Die laizistisch-religionskritische Haltung der Filmemacherin war ihnen mehr als nur ein Dorn im Auge. Dabei formuliert El Fani ihre Kritik am wachsenden Einfluss des Islam auf das Alltagsleben zwar offensiv und in aller Deutlichkeit, aber niemals beleidigend. Zudem sind ihre filmischen Beobachtungen während des Ramadan in Tunis von einem augenzwinkernden Humor geprägt.

Nadia El Fani wurde 1960 als Tochter einer Französin und eines Tunesiers geboren. Sie wuchs in Tunesien auf, lebt jedoch seit zehn Jahren in Paris. Für ihre Dreharbeiten kehrte sie immer wieder nach Tunesien zurück. Ihre Filme sind im besten Sinne des Wortes agitatorisch, sie tritt nicht als scheinbar neutrale Chronistin auf, sondern als Protagonistin, etwa indem sie PassantInnen in erregte Diskussionen über religiöse Verhaltensvorschriften und deren subtile Unterlaufung verwickelt. Was die linksradikale Feministin El Fani auszeichnet, ist ihre direkte, schnörkellose Art, die Dinge beim Namen zu nennen. Davon konnte sich Ende Mai auch das Freiburger Publikum überzeugen, als sich El Fani nach der Aufführung von »Laïcité« der Diskussion stellte.

 

iz3w: Worum geht es Ihnen mit Ihrem Film »Laïcité, inch’Allah!«?

Nadia El Fani: Ich habe die Arbeiten an dem Film bereits zur Zeit des Regimes von Ben Ali begonnen, weil sich abzeichnete, dass die IslamistInnen mehr Macht gewinnen und das Regime wiederum die Religion benutzt, um die Islamisten einzudämmen. Aber dies war eine Gefahr für die Freiheit. Also habe ich im August 2010 während des Ramadan diesen Film gedreht, weil man in diesem Monat die Macht der Religion am besten spürt, ebenso wie die Bigotterie: Selbst jene, die den Ramadan nicht begehen, tun so als ob und essen im Geheimen.

Tunesien war eines der wenigen arabischen Länder mit laizistischer Lebensweise, es gab keine Gesetze, die das Essen während des Ramadan verbieten. Aber seit einigen Jahren müssen die Cafés die Fenster verhängen, damit die Menschen auf der Straße die Cafébesucher nicht sehen, während sonst das ganze Jahr über Alkohol verkauft werden darf. Auch TunesierInnen, die den Ramadan nicht begehen, werden quasi zum Fasten und zur Enthaltsamkeit gezwungen, da auch sie keinen Alkohol kaufen dürfen.

Ich wollte das doppelte Spiel, das die Regierung spielt, darstellen: Sie kämpft einerseits gegen die IslamistInnen und benutzt andererseits die Religion, um auf eine einheitliche Identität zu verweisen und so den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken: »Wir sind doch alle Muslime, wir gehören zusammen.«

Eine der ersten Forderungen der Revolutionsbewegung war es, den Artikel 1 der Verfassung abzuschaffen, der lautet: «Die Religion in Tunesien ist der Islam«. Also nennt man uns die »pro-laïques«. Ich kam nach Tunesien zurück, um die diesbezüglichen Debatten zu filmen – und hier endet der Film dann.

 

Von welchen Gruppen wurden Sie wegen Ihres Filmes angegriffen?

Während eines Filmfestivals wurde der Film gezeigt und ich wurde von einem Fernsehsender interviewt. Dabei bekräftigte ich die Aussage, die ich in dem Film gemacht hatte, dass ich Atheistin bin und mit den IslamistInnen im Krieg sei. Dies meinte ich nicht im wörtlichen, sondern im philosophischen und politischen Sinne. Dieses Interview gab den Ausschlag für die Gewalt und Beleidigungen via Facebook seitens der Salafisten. Leider schafften es die »ProgressistInnen« nicht, die Diskussion auf ihre eigentliche Forderung – die Trennung von Religion und Staat – zu lenken, also eine politische Diskussion stattfinden zu lassen. Vielmehr wurde nur über Identität diskutiert: »Wir sind alle Muslime«.

 

Wird der Salafismus von der Mehrheit getragen?

Nein, in Tunesien sicher nicht. Das Problem ist aber, dass die Gewalt Angst macht. Eine Minderheit terrorisiert die Mehrheit. Und die Salafisten haben es geschafft, dass keine politische, sondern nur eine Identitätsdebatte stattfindet.

 

Was hat es mit dem Angriff auf das Kino in Tunis auf sich?

Das war Ende Juni 2011, nachdem der Film bereits zwei Monate in den Kinos gezeigt worden ist. Es gab eine größere Veranstaltung verschiedener KünstlerInnen, die sich für das Recht auf freie Meinungsäußerung einsetzen, bei der auch mein Film gezeigt wurde. Salafisten haben das Kino zerstört, den Kinodirektor krankenhausreif geschlagen, das Publikum bedroht. Nach einer halben Stunde kam endlich die Polizei, obwohl das Innenministerium nur 20 Meter vom Kino entfernt ist. Polizei und Politik wollen also nicht eingreifen. Der Film wurde dennoch gezeigt. Durch dieses Ereignis wurde er zur nationalen Angelegenheit, er polarisierte. Es gab Demonstrationen gegen mich und im Internet wurden die Beschimpfungen schlimmer. Es wurde Klage gegen mich erhoben wegen »Religions- und Sakralverbrechen«, »Gotteslästerung« etc. Deshalb kann ich nicht mehr nach Tunesien zurückkehren, weil mir Gefängnis droht. Aber ich erfahre auch viel Unterstützung und Solidarität von Menschen, die ähnlich denken wie ich.

 

Ist es nur eine Minderheit, die die Trennung von Religion und Staat will?

Ja. Allerdings denken viele in Tunesien, dass die jetzige Entwicklung gefährlich ist, etwa dass die Religionsausübung nicht mehr Privatsache ist, sondern zum gesellschaftlichen Leben dazugehört. Neuerdings wird man beispielsweise von NachbarInnen angesprochen, man sei kein ‚guter Muslim’. Wir müssen den TunesierInnen klar machen, dass wir keineswegs fordern, dass der muslimische Glaube verschwindet. Allerdings haben die Salafisten es geschafft, über uns zu verbreiten, dass genau dies unser Ziel sei. Ich sage: Jeder darf leben wie er will. Mein Großvater war Imam. Ich bin Atheistin. Der Islam erlaubt das aber nicht. Man ist Muslim qua Geburt.

 

Ist es jetzt einfacher über Religion zu diskutieren als vor der Revolution?

Nein, es ist paradox, aber vor der Revolution konnte man offener über Religion sprechen. Da die IslamistInnen die Revolution vereinnahmt haben, ist das Recht auf Meinungsäußerung heute eingeschränkt. Dennoch bin ich glücklich über die Revolution. Heute aber endet die Meinungsäußerungsfreiheit in Tunesien dort, wo die Religion beginnt. Das geht in einer Demokratie jedoch nicht. Die ProgressistInnen wollen, dass die Staatsmacht die Zivilgesellschaft beschützt. Momentan schützt sie nur die IslamistInnen und Salafisten. Dafür gibt es viele Beispiele: Sobald man sich gegen die Religion äußert, wird man verurteilt. Ein junger Mann wurde zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt, weil er Mohammed karikiert und sich öffentlich als Atheist bekannt hat. Die Salafisten, die das Kino angegriffen haben, haben den Gerichtssaal hingegen als freie Leute verlassen.

Der Kampf geht weiter. Wir versuchen, Straßenkunst zu machen, etwa Fotoausstellungen auf den Straßen. Es gab auch eine erlaubte Theaterveranstaltung in der Innenstadt. Die Salafisten haben jedoch die Kulissen zerstört und die SchauspielerInnen geschlagen und mit Messern verletzt.

Die Salafisten haben außerdem fünf Monate lang die Uni besetzt, damit auch junge Frauen mit Niqab (Gesichtschleier, Anm. der Red.) studieren können. Die ProfessorInnen haben sich dagegen entschieden, woraufhin Salafisten den universitären Betrieb blockiert haben. Die Zivilgesellschaft kämpft weiter, aber der Staat tut nichts. Er ist klar auf Seiten der Salafisten, die Regierung ist islamistisch. Es gibt allerdings keinen moderaten Islamismus, wie oft behauptet wird. Auch die Moderaten wollen den Islam als Regierungssystem. Und hiergegen kämpfen wir. Die nächsten Wahlen werden zeigen, wer gewinnt. Wir müssen den Leuten klarmachen, dass die Modernisierung des Landes nicht bedeutet, dass das Land seine muslimischen Wurzeln verliert.

 

Wie steht es nach der Revolution um den politischen Einfluss der Frauen?

Seit 1956 gibt es Scheidungsrecht, Zivilehe, Abtreibungsrecht und einiges mehr. Nach der Revolution haben die Salafisten diese feministischen Errungenschaften zu der Behauptung benutzt, die Feministinnen hätten gemeinsame Sache mit dem Regime gemacht.

Im Oktober wurde die verfassungsgebende Nationalversammlung gewählt. Die Frauen haben durchgesetzt, dass die Hälfte der BewerberInnen weiblich sein sollen. Aber auf den Stimmzetteln wurden nicht, wie abgemacht, Mann-Frau-Mann-Frau auf die Listen gesetzt, sondern zunächst die Männer. Von 219 Abgeordneten sitzen jetzt nur 49 Frauen in der Versammlung, davon sind 42 Islamistinnen. Momentan kämpfen viele Frauen dafür, die Rechte, die die Frauen seit 1956 genießen, in die neue Verfassung aufzunehmen.

 

Wie hat sich das tägliche Leben nach der Revolution verändert?

In der Mittelklasse hat sich nicht viel geändert. Aber in den ärmeren Vierteln werden die Frauen mehr und mehr zum Kopftuchtragen angehalten. Viele tragen das Kopftuch zwar freiwillig. Aber in diesen Vierteln ist der Islamismus die Regel. Das Problem ist, dass die Salafisten die Gesellschaft schleichend verändern. Die Leute werden sich unmerklich anpassen: Wenn es ein sozialer Affront ist, einen kurzen Rock zu tragen, dann trägt frau eben einen, der ein bisschen länger ist. Irgendwann reicht auch das nicht mehr… wir dürfen ihnen nicht das kleinste bisschen unserer heutigen Lebensweise preisgeben.

 

Was wollten Sie mit Ihrem früheren Film »Ouled Lenine« erreichen?

Es ist ein Film über meinen Vater, der in den 1970/80ern führend in der Kommunistischen Partei war. Ich habe den Film gedreht, um den Jugendlichen zu zeigen, was nach der Unabhängigkeit geschah. Präsident Bourguiba hat manches Gute für Tunesien getan, aber wenn es um seine politischen GegnerInnen ging, war er brutal. Schon damals haben Linke gegen IslamistInnen gekämpft. Der 11. September hat der Welt gezeigt, zu was Islamisten fähig sind. Aber es gab sie schon viel früher, vor allem in den 1960ern, als die CIA Islamisten finanzierte, um die linke Opposition zu bekämpfen.

 

Wie geht es weiter mit dem Arabischen Frühling?

Ich glaube, dass sich momentan viele Menschen weltweit in einer Art vorrevolutionärem Zustand befinden. Es gibt überall Proteste, und nun muss man sich solidarisieren. Der Arabische Frühling zeigt, dass auch die anscheinend so ‚rückständigen’ AraberInnen in Freiheit leben wollen. Während der Revolution wurde die Religion kein einziges Mal angeführt. Jetzt aber spricht man in Tunesien nur noch über Religion. Also muss die Revolution weitergehen. Aber ich glaube, dass sie internationaler werden muss.

 

Das Interview führten Katrin Dietrich und Christian Stock. Übersetzung aus dem Französischen: Jutta Bader.

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