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Hefteditorial

Brücken bauen

»Es muss immer jemand den ersten Schritt tun.« Was wie die wohlfeile Binsenweisheit eines beliebigen Moralapostels klingt, kann im entsprechenden Kontext eine hochpolitische Angelegenheit sein. Etwa wenn ein Schriftsteller aus einem arabischen Land nach Israel reist, um sich dort mit anderen SchriftstellerInnen auszutauschen. Eigentlich ist eine Zusammenkunft der schreibenden Zunft zwecks Austausch ein unspektakulärer Vorgang. Doch angesichts der ungeheuer verhärteten Fronten im Nahostkonflikt gerät sie zu einem Tabubruch, der auf massive Ablehnung stößt.

Das musste der algerische Autor Boualem Sansal (»Das Dorf der Deutschen«) erfahren, als er es Mitte Mai wagte, eine Einladung zum Dritten Internationalen Schriftstellerkongress in Jerusalem anzunehmen. »Ich finde es völlig normal, dass sich arabische und israelische Schriftsteller treffen«, sagte er in einem Interview zur Begründung, warum er die Einladung annahm. Er ergänzte: »Wenn wir immer nur Angst haben und nichts tun, wird alles bleiben, wie es ist.«

Grund zur Furcht hätte Sansal. Die palästinensische Hamas bezeichnete seine Reise nach Israel als »Verbrechen gegen die 1,5 Millionen algerischen Märtyrer, die ihr Leben im Kampf für die Freiheit von der französischen Besatzung opferten«. Welches Strafmaß sie für Sansal vorsieht, ließ die Hamas offen, doch hat sie in vielen anderen Fällen der »Kollaboration« mit dem »zionistischen Regime« schon die Todesstrafe vollstreckt. Auch die arabische Presse fiel über ihn her. Die libanesische Tageszeitung Al-Akhbar bezeichnete Sansal als »Israels Alibi-Araber« und als »gehirngewaschenen Schwächling«, der zwischen »kleinlicher Naivität« und »dummem Opportunismus« schwanke. Und die palästinensischen SchriftstellerInnen – hatten nicht wenigstens sie Verständnis für ihren algerischen Kollegen? Ihr Verband jedenfalls nicht: Man müsse sich entscheiden, ob man »für die Besatzung oder für die Freiheit« sei. Dazwischen gebe es keinen Platz.

Auf ähnlich verbissene Reaktionen stieß auch ein anderer Brückenbauer: Serbiens Ex-Präsident Boris Tadic. Er hatte sich im Juli bei einem Treffen südosteuropäischer Spitzenpolitiker höflich gezeigt und dem kosovarischen Ministerpräsidenten Hashim Thaci die Hand zur Begrüßung gereicht. Ein Sakrileg, denn Serbien erkennt die Unabhängigkeit Kosovos bis heute nicht an, und der ehemalige UCK-Kommandeur Thaci gilt als »Terrorist«. Serbische PolitikerInnen haben bislang peinlichst jedes Zusammentreffen mit kosovarischen KollegInnen vermieden – übrigens auch Tadic, als er noch Präsident war.

Tadic sagte über seinen Händedruck mit Thaci, er sei »nicht von historischer Bedeutung, aber gut« gewesen. Wenn das »Problem zwischen Serben und Albanern« nicht gelöst werde, würden alle verlieren. Den kommenden Generationen werde großes Leid zugefügt, befürchtete er. Was immer vom Kosovokrieg und seinen Ergebnissen zu halten ist –Tadic hat unzweifelhaft Recht mit seinem Ansatz, die Vergangenheit nicht dazu zu nutzen, die Zukunft zu sabotieren. Mal sehen, ob er diesem Anspruch auch gerecht wird, wenn er wieder zum Präsidenten gewählt werden sollte.

Brückenbauer wie Sansal und Tadic tragen viel zur Überwindung von Gräben bei. Doch nicht immer ist Brückenbauen gerechtfertigt, manchmal gerät es zur Affirmation von Gewaltherrschaft. Ein prägnantes Beispiel dafür ist das TV-Interview, das der selbsternannte Friedensemissär Jürgen Todenhöfer jüngst mit Syriens Noch-Präsidenten Bashar al-Assad führte. Der Ex-CDU-Politiker, der von Assad sagt, er sei ein »stiller, nachdenklicher Mann«, lieferte kaum mehr als Stichworte, die es dem syrischen Potentaten ermöglichten, sich zum Friedensfürsten zu stilisieren. Ein Auszug aus dem schrecklich gut gemeinten Interview, das bei tagesschau.de nachgelesen werden kann:

»Todenhöfer: Und Sie sagen, diese Rebellen, die Sie Terroristen nennen, bringen Zivilisten um? Das heißt, Sie machen die US-Regierung, zumindest teilweise, verantwortlich für die Ermordung von unschuldigen syrischen Zivilisten. Ist das richtig? Assad: Natürlich. Ja, genau. Todenhöfer: Sie sind also bereit, mit jedem zu reden, der seine Waffen niederlegt? Assad: Natürlich. Todenhöfer: (…) Welche Vision haben Sie für Syrien? Assad: Ich würde gerne zu jedem Zeitpunkt ein blühendes Land sehen. (…) All das geht nicht ohne Sicherheit. Ohne Sicherheit gibt es keinen Traum von einer besseren Zukunft.«

Ähnlich zweifelhafte Vorstellungen vom Brückenbauen hat Todenhöfer bereits 1975 verwirklicht. Der ehrgeizige Jungparlamentarier verhandelte in Chile acht Stunden lang mit Diktator Augusto Pinochet, angeblich über die Freilassung politischer Gefangener. Nach seiner Rückkehr profilierte Todenhöfer sich jedoch vor allem mit der Forderung, die Bundesregierung möge die Zusage für einen Kredit über 45 Millionen D-Mark einhalten, die der damalige Entwicklungshilfe-Staatssekretär Matthöfer 1973 dem sozialistischen Staatspräsidenten Allende gegeben hatte. Dass Allende von Pinochets »Mörderbande« (so Matthöfer in gebotener Deutlichkeit) weggeputscht worden war, störte Todenhöfer nicht beim Gut-Wetter-machen für den Diktator.

Halten wir es also lieber mit Boualem Sansal, der nicht nur bei der Auswahl seiner GesprächspartnerInnen treffsicher ist, sondern auch treffende Bonmots übers Brückenbauen formuliert: »Den ersten Schritt zu tun ist dabei sehr viel wichtiger als der letzte, der uns ans Ziel bringt.«

 

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