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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 332 | Wem gehört die Stadt? metroZones (Hg.): Urban Prayers

metroZones (Hg.): Urban Prayers

Neue religiöse Bewegungen in der globalen Stadt. MetroZones 10. Assoziation A, Berlin/ Hamburg 2011. 277 Seiten, 20 Euro.

Opium des Volkes?

Religion – das ist hauptsächlich ein Dorfphänomen, könnte man meinen. Dem ist allerdings nicht so, wie der Sammelband Urban Prayers des UrbanistInnen- und SoziologInnen-Kollektivs metroZones aus Berlin zeigt. Neue religiöse Bewegungen sind besonders in der Stadt aktiv, hier wirken sie community-bildend und greifen als «moralische Gemeinschaft« (so der französische Religionssoziologe Emile Durkheim) Bedürfnisse auf, die sich in den vom Neoliberalismus geprägten urbanen Agglomerationen auftun.

Eine Leitthese, die im Buch unterschiedlich diskutiert wird, stammt von dem bekannten linken Stadtsoziologen Mike Davis. Er schrieb in seinem 2006 veröffentlichten Buch »Planet of Slums«, dass Gott in den alten Städten der industriellen Revolution gestorben und nun in den post- und nicht-industrialisierten Städten der Dritten Welt wiederauferstanden sei. Mehr noch: In den Armutsquartieren der Megastädte hätte Marx die Bühne verlassen, und nun würden Mohammed und der Heilige Geist die Regie führen.

Bemerkenswert ist vor dem Hintergrund dieses Befundes, dass Asef Bayar als Kenner der iranischen Revolution durch seine Beobachtungen aus Kairo und Teheran den Mythos von den ‘islamistischen Armen’ ankratzt. Der Islamismus sei eine Mittelschichtsbewegung und habe nur ein instrumentelles Verhältnis zu Fragen der Armut und der sozialen Gerechtigkeit. So kommt Bayar – die Entwicklung im Iran und in Ägypten am Ende des 20. Jahrhunderts vor Augen – zu dem Schluss: »Weder haben radikale islamische Strömungen ein echtes politisches oder moralisches Interesse an den städtischen Armen gezeigt, noch haben die SlumbewohnerInnen ein klares ideologisches Bekenntnis zum militanten Islamismus abgelegt«. Ob der Islamismus dennoch besonders in nicht-entwickelten Regionen den Armen eine vermeintliche Perspektive gibt, ist angesichts der Entwicklungen des Arabischen Frühlings offen und von einiger Brisanz.

Im Gespräch mit dem Philosophen und Theologen Enrique Dussel wird nochmals deutlich, welches Programm sich die katholische Befreiungstheologie gab, die ihre Hochphase in den 1970er Jahren hatte: sozialrevolutionär zu wirken und dennoch an vorhandene Traditionen anzuknüpfen. Sie verweltlichte konsequent den vorgefundenen Glauben bis hin zur Ideologie der «strukturellen Sünde«, die in Form von kolonialer wie neokolonialer Ausbeutung zu bekämpfen sei. Dussel spricht dem Islam ein solches Potential ab und sieht trotz vorpreschender evangelikaler Pfingstgemeinden gute Chancen für eine Erneuerung der Befreiungstheologie vornehmlich in Lateinamerika.

Der Stadtsoziologe Klaus Teschner arbeitet in seinem Beitrag »Struggle as a Sacrament« heraus, dass Religion als »gemeinschaftliche Denktradition mit transzendentalem Bezug« eine besondere Rolle im Kampf von unterdrückten, ausgebeuteten und benachteiligten Bevölkerungsteilen spielt. Dies führt er anhand des katholischen KUTOKA-Netzwerk in Kenia aus, das in einem Verbund mit weiteren Gruppen aktiv am Kampf gegen den Abriss von Armensiedlungen beteiligt war. Auch die «Bewegung der Hüttenbewohner« aus Südafrika kämpfte als demokratischer, antihierarchischer Verband gegen Zwangsumsiedlungen und die Verdrängung der Armen und schaffte es, organisatorisch durch die religiöse Fundierung ihres Widerstandes universell, inklusiv und antiautoritär zu wirken. Für Teschner ist daher Religion «kein Hemmnis für ein emanzipatives soziales Engagement«, sondern stellt einen wichtige Möglichkeit «zur Überwindung ethnischer Konflikte sowie zur Vertrauensbildung auf lokaler Ebene« dar.

Im abgedruckten Gespräch über die Praktiken religiöser Gemeinschaften in Berlin rächt sich allerdings das Umschiffen religionskritischer Fragestellungen – denn ob diese «Communities« lediglich kommunitaristisch das Elend abfedern oder dagegen vorgehen, ist den Diskutierenden gar keine ausführliche Erwägung wert. So bleibt auch nebulös, für wen die religiösen Gemeinden als Koalitionspartner fungieren könnten, wie es im Gespräch beschworen wird. Für die Linke? Für den Staat?

Um den Sammelband kommt jedoch niemand herum, der vermeiden will, den Stellenwert der Religion für soziale Konflikte und Auseinandersetzungen nicht falsch, also gering einzuschätzen. Was jedoch fehlt, ist eine klare Einteilung und Abgrenzung sektierisch-reaktionärer religiöser Bewegungen, zu denen der Islamismus genauso wie der Hindu-Nationalismus zu zählen sind, von einer Spiritualität, die man als Linker nicht in erster Linie zu bekämpfen hat, weil sie ‚den Anderen’ einschließt und nicht einer repressiven Moral zu opfern gewillt ist.

Gerhard Hanloser

332 | Wem gehört die Stadt?
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