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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 333 I Die Krise des Kapitalismus Verringerte Verletzlichkeit

Verringerte Verletzlichkeit

Lateinamerika entgeht der Krise durch das Einschlagen eigener Wege

Schuldenkrise, Tangokrise oder Tequilakrise: Lateinamerika galt jahrzehntelang als Kontinent der ökonomischen Katastrophen. Wie kommt es, dass ausgerechnet hier die globale Finanz- und Wirtschaftkrise seit 2008 vergleichsweise wenig zum Tragen kam?

von Dieter Boris

 

In den letzten 15 Jahren erlebten die meisten Ökonomien Lateinamerikas extreme Wechselbäder. In einer Phase der Rezession von 1998/99 bis 2001/02 waren einige Länder wie Argentinien, Uruguay und Ekuador einem vollständigen Kollaps nahe, etwa durch Staatsbankrott und extreme Pauperisierung. Dann begann eine Boomperiode. Sie war die längste und stärkste seit über 30 Jahren und dauerte bis zum Ausbruch der großen Krise von 2008. Es folgte eine leichte wirtschaftliche Abkühlung, die allerdings in den meisten Fällen schon um die Jahreswende 2009/10 überwunden war und von einer neuerlichen kräftigen Expansion bis Anfang 2012 abgelöst wurde.

Seither häufen sich die Anzeichen, dass die derzeit deutlich verlangsamte Gangart der Weltwirtschaft auch die meisten lateinamerikanischen Ökonomien erfassen wird. Lateinamerika mit seiner relativ hohen Außenabhängigkeit und seinem relativ geringen ökonomischem Gewicht von rund sechs Prozent Anteil am Welthandelsvolumen wird sich nicht dauerhaft gegen eine weltweite negative Tendenz stemmen können.

 

Der wirtschaftliche Boom…

Die lang anhaltende Boomphase mit durchschnittlichen Wachstumsraten von 5 bis 6 Prozent und einem deutlichen Anstieg der Pro-Kopf Einkommen führte zu einer Senkung der allgemeinen Armutsquote von 44 Prozent (2000) auf etwa 30 Prozent (2011). In absoluten Zahlen bedeutet dies, dass immerhin etwa 50 Millionen Menschen der Armut entkommen konnten, und es zu einer deutlichen Vergrößerung der (unteren) Mittelschicht kam. (Dies kann aber nicht vergessen machen, dass auch heute noch ca. 160 bis 180 Millionen Menschen in Lateinamerika unter oder an der Armutsgrenze leben müssen.)

Diese Entwicklung der letzten Dekade hat mehrere Ursachen. Nicht nur das hohe Wirtschaftswachstum, sondern auch der geringere Bevölkerungszuwachs und eine abnehmende »demographische Abhängigkeit« (das heißt eine günstigere Relation von arbeitsfähiger zu nicht-arbeitsfähiger Bevölkerung) ließen das verfügbare Einkommen in sehr vielen Haushalten steigen. Die Steigerung des Beschäftigungsvolumens, eine aktivere Politik staatlicher Sozialtransfers sowie der deutliche Anstieg der Überweisungen von ArbeitsmigrantInnen (»remesas«) waren weitere Gründe für die Zunahme der Pro-Kopf-Einkommen.

Gleichzeitig kam es in einigen Ländern (wie z.B. Brasilien, Argentinien, Uruguay) zur deutlichen Anhebung der Minimallöhne und der teilweisen Zurückdrängung prekärer, informeller Arbeitsverhältnisse. Der Anstieg der Reallöhne trug ebenfalls zur Expansion der Binnenmärkte und zur günstigen Konjunktur bei. In einigen Ländern  bildeten sich sogar die krassen Ungleichheitsverhältnisse in der Einkommensverteilung zurück. So vor allem in Venezuela, aber auch in Brasilien, Argentinien, Bolivien, Ekuador – also vor allem in den »mitte-links« regierten Ländern.

Der Boom beruhte vor allem auf vorteilhaften Weltmarktbedingungen, insbesondere auf der starken Nachfrage nach Rohstoffen und Agrargütern und ihrem entsprechenden Preisanstieg. Hinzu kamen günstige externe Finanzierungsbedingungen: Die Zinsen sanken ebenso wie die Risikoaufschläge für Staatsanleihen. Hohe Devisenerlöse und dadurch ermöglichte Schuldentilgungen führten zu einem deutlich niedrigeren Schuldenstand als noch zu Beginn der 2000er Jahre.

Neben diesen externen Einflussgrößen spielten aber auch interne Faktoren eine wichtige Rolle für diese positive Entwicklung, vor allem die jeweiligen wirtschaftspolitischen Strategien der Regierungen. Die verfolgte heterodoxe Wirtschafts- und Sozialpolitik, die die Abkehr vom ‚orthodoxen’ Neoliberalismus demonstrieren sollte, bestand zum einen darin, einen niedrigen, tendenziell unterbewerteten Wechselkurs der jeweiligen Währungen anzustreben. Dies konnte Exporte stimulieren und die nationale Produktion gegen Importe abschirmen. Zum anderen zielte die neue Politik auf die Fixierung der Preise öffentlicher Güter (wie etwa die Tarife von Bussen und U-Bahnen, von Wasser, Elektrizität usw.) und auf die Einführung neuer Sozialtransfers, die vor allem aus der erhöhten Besteuerung der Exporterlöse finanziert wurden. Auch die niedrigen Zinsen für Konsumenten- sowie Investitionskredite für kleine und mittlere Unternehmen hatten den Zweck, die Binnenmarktexpansion zu stärken.

Die Reduktion der Auslandsschulden, die damit erlangte größere Manövrierfähigkeit der Regierungen sowie die Verfolgung einer recht konservativen Fiskalpolitik (etwa das Anstreben von Haushaltsüberschüssen) führten dazu, dass sich die Abhängigkeit vieler Regierungen von externen Faktoren und Pressionen etwa seitens des IWF klar verringerte.

 

… mildert die Krise ab

Angesichts dieser relativ günstigen Ausgangssituation kann es nicht überraschen, dass Lateinamerika von der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 weit weniger betroffen war als die USA und Europa. Der Wirtschaftseinbruch war geringer und der Aufschwung erfolgte schneller und deutlicher. Dies beruhte auf der geringeren Neigung bzw. Möglichkeit zu spekulativen Derivategeschäften, auf besseren Bankenkontrollen (die großen Bank- und Finanzkrisen waren in Lateinamerika schon in den 1990er Jahren aufgetreten), auf einer vorsichtigen Fiskalpolitik (mit mehr oder minder großen Haushaltsüberschüssen) und auf Leistungsbilanzüberschüssen (die teilweise beträchtliche Devisenpolster und Entschuldungsmöglichkeiten zur Folge hatten).

Diese Faktoren trugen dazu bei, dass antizyklische staatliche Konjunkturprogramme sofort ins Werk gesetzt werden konnten, und diese ihre Wirkung nicht verfehlten. Die (wenn auch leichten) Umverteilungseffekte der Sozialpolitik – vor allem in Ländern mit »mitte-links«-Regierungen – trugen ebenfalls zur Stimulierung der Binnenmärkte und zur Glättung der Konjunktur bei. Die rasch wieder anziehenden Rohstoffpreise seit Ende 2009 sowie die fast ungebrochene Nachfrage aus asiatischen Ländern, aber auch die weitere Expansion der jeweiligen Binnenmärkte waren weitere Gründe für den schnellen Wiederaufschwung.

Innerhalb Lateinamerikas lässt sich hinsichtlich des Ausmaßes der Krisenbetroffenheit eine klare Linie ziehen: Diejenigen Ökonomien, die mit der US-Wirtschaft am intensivsten verbunden waren, sowie Ökonomien mit einem strikt neoliberalen Wirtschaftskurs waren deutlich stärker von der Krise betroffen als diejenigen Länder, bei denen die beiden Kriterien nicht oder weniger zutrafen. Als Beispiel für den ersten Typus können Mexiko sowie zentralamerikanische und karibische Länder genannt werden. Für den letzteren Typus stehen Argentinien und Brasilien.

 

Bedeutungsverlust der USA

Jenseits des konjunkturellen Geschehens gab es auch einige längerfristige strukturelle Veränderungen in Bezug auf Lateinamerikas Einbindung in die Weltwirtschaft. Während die Anteile von Exporten und Importen im Handelsverkehr zwischen EU und Lateinamerika im letzten Jahrzehnt etwa gleich blieben, vollzogen sich dramatische Veränderungen zwischen Lateinamerika und den USA. Gingen im Jahr 2000 noch 60 Prozent aller Exporte aus Lateinamerika in die USA, waren es 2010 nur noch knapp 40 Prozent. Und wurde 2000 noch die Hälfte aller Importe in Lateinamerika aus den USA bezogen, waren es 2010 gerade noch 29 Prozent. Umgekehrt erhöhte sich die Bedeutung Lateinamerikas als Exportziel und als Importquelle der USA im gleichen Zeitraum klar, wobei hier besonders hohe Werte im Anrainerstaat Mexiko sowie in Zentralamerika und in der Karibik zu beobachten sind.

Diese Veränderungen der Handelsströme von und nach Lateinamerika sind vor allem geprägt durch das wachsende Gewicht Asiens und insbesondere Chinas. Über ein Fünftel der Exporte und mehr als ein Drittel der Importe Lateinamerikas werden gegenwärtig mit Asien abgewickelt. Nimmt man die gewachsenen Anteile des innerlateinamerikanischen Handelsverkehrs hinzu, so kann festgestellt werden, dass der noch vor 30 Jahren minimale Süd-Süd-Handel für Lateinamerika mittlerweile quantitativ bedeutender als der Handel mit den USA und Europa geworden ist.

Mit der Bedeutungssteigerung Lateinamerikas für den US-Außenhandel einerseits und der Verminderung der Relevanz der USA für die lateinamerikanischen Außenbeziehungen andererseits hat sich die vor langer Zeit herausgebildete Asymmetrie zwischen Nord- und Südamerika verringert. Dieser Prozess spiegelt sich in Handelsbündnissen und regionalen Integrationsgebilden wie MERCOSUR und ALBA und der Absage an das von den USA betriebene Projekt der ‚Freihandelszone der Amerikas’ wider. Auf anderen ökonomischen Feldern wie den Direktinvestitionen und den Finanzbeziehungen lassen sich – wenn auch weniger deutlich – ähnliche Tendenzen beobachten.

Es wird allerdings immer deutlicher, dass die intensivierten außenwirtschaftlichen Beziehungen zwischen China und Lateinamerika zwar bisher überwiegend positive Wirkungen für Lateinamerika insgesamt mit sich gebracht haben (bei großen Unterschieden zwischen den einzelnen Ländern). Aber  der Blick auf die Zusammensetzung von Exporten und Importen nach und von China zeigt, dass mittel- und langfristig auch enorme Risiken damit verbunden sind. Denn China lieferte lange Zeit überwiegend verarbeitete Produkte mit geringem Wertzuwachs und niedrigem Technologiegehalt wie Textilien und Schuhe. Aber je länger die wirtschaftlichen Beziehungen anhalten, umso mehr werden auch technologisch hochwertige Produkte wie etwa elektronische Geräte geliefert.

Umgekehrt ist die Warenzusammensetzung der Exporte der meisten lateinamerikanischen Länder durch die starke Dominanz unbearbeiteter oder sehr gering bearbeiteter Produkte gekennzeichnet, es handelt sich um Rohstoffe mineralischer und metallischer Art sowie Agrargüter. Dies scheint die alte koloniale und neokoloniale Arbeitsteilung zwischen Zentren und Peripherie wieder neu aufleben zu lassen. Die Diskussion darüber wird in Lateinamerika in letzter Zeit immer heftiger. Es wird verstärkt darüber nachgedacht, wie diese entwicklungsstrategisch negativen Momente verhindert oder  zumindest verringert werden könnten (UN-CEPAL 2012, Jenkins 2012).

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die lateinamerikanischen Ökonomien den negativen Auswirkungen der »globalen Krise« umso besser ausweichen konnten, je stärker sie von dem bis vor kurzem vorherrschenden finanzdominierten, neoliberalen Akkumulationsmodell abwichen. Gleichzeitig haben ihnen die vergleichsweise günstigen Konjunktur- und Nachfragebedingungen in vielen Schwellenländern geholfen. So hat sich die Verletzlichkeit gegenüber den traditionellen Zentren deutlich verringert. Die Empfindlichkeit gegenüber der weltwirtschaftlichen Entwicklung ist insgesamt aber keineswegs abgemildert, trotz der verstärkten Fokussierung auf Binnenmärkte und den Regionalmarkt Lateinamerika.

 

Keine grundlegenden Alternativen

Trotz vollmundiger Slogans wie »Sozialismus des 21. Jahrhunderts« oder der Propagierung eines »guten Lebens« ist eine tiefgreifende Diskussion um reale gesellschaftliche und ökonomische Alternativen kaum auszumachen. Die zuletzt forciert geführte ökologische Debatte um Nachhaltigkeit und Klimawandel konzentriert sich vor allem auf pragmatische Abwehrkämpfe gegen in- und ausländische Bergwerk-Konzerne (Diskussion um »Neo-Extraktivismus«), gegen Mega-Projekte von Staudämmen und Windkraftanlagen. Zeitgemäße alternative wirtschaftliche Modelle werden kaum diskutiert. Auch die – an sich notwendige – Vertiefung und Umorientierung der regionalen Wirtschaftsbünde kommt kaum voran. Im Gegenteil vermehrten sich die Konflikte innerhalb des MERCOSUR in den letzten Jahren.1

Die Sektoren der »solidarischen Ökonomie« sind sehr klein geblieben, in keinem Land übersteigen diese Projekte mehr als ein Prozent der Wirtschaftsleistung oder der Beschäftigtenzahl. Und die Vergesellschaftung bzw. Verstaatlichung einiger Sektoren in Venezuela oder Bolivien haben diese nicht durchgängig zu Schrittmachern der ökonomischen, sozialen oder technologischen Entwicklung gemacht.

Es scheint, als ob man mit gradualistischen und pragmatischen Verbesserungen der Lebensverhältnisse von wachsenden Teilen der Bevölkerung eher Politik machen kann (und will) als mit grundlegenden Alternativen, deren Gangbarkeit unklar ist.

 

Anmerkung

1             Unabhängig davon haben sich aber die politischen Zusammenschlüsse in Lateinamerika in den letzten Jahren eher gefestigt. Zu nennen ist CELAC (Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten), ein 2011 entstandenes Bündnis, dem alle lateinamerikanischen Staaten angehören. Ebenfalls bedeutend sind UNASUR (Union Südamerikanischer Nationen) und das Staatenbündnis ALBA (Bolivarianische Allianz für die Völker unseres Amerika), wobei ALBA als explizit linkes Projekt neben wirtschaftlichen  auch gesellschaftliche und kulturelle Beziehungen umfasst.

 

Literatur

Joachim Becker (2012): Lateinamerika und die globale Krise: Verwundbarkeiten, Dynamiken, Gegenstrategien, in: Lesay, Ivan / Bernhard Leubolt (Hg.): Lateinamerika nach der Krise. Entwicklungsmodelle und Verteilungsfragen. Münster, S.35-54

Rhys Jenkins (2012): China and Brazil: Economic impacts of a growing relationship, in: Journal of Current Chinese Affairs 41, 1, S.21-47

Hartmut Sangmeister (2012): Der Wirtschaftsraum Lateinamerika – weiter auf Wachstumskurs, in : GIGA-Focus, Nr.1

UN-CEPAL(2012): Panorama de la inserción internacional de América Latina y el Caribe, Santiago de Chile

UN-ECLAC (2011): Latin America and the Caribbean in the World Economy, Santiago de Chile

 

 

Dieter Boris ist Professor für Soziologie (i.R.) an der Universität Marburg.

333 I Die Krise des Kapitalismus
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