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Ralph Klein: Moderne Piraterie

Die Piraten vor Somalia und ihre frühen afrikanischen Brüder. Verlag Assoziation A, Berlin/ Hamburg 2012. 132 Seiten, 12 Euro.

Jenseits des Piratenjägerblicks

Wenn sich Mainstream-Medien in der Beschreibung der Piraterie vor Somalia so einig seien wie derzeit, sei ein »profundes Misstrauen« angezeigt, schreibt der Historiker Ralph Klein in seinem Essay Moderne Piraterie. Er nimmt die Perspektive der »Retter der Meere« ein, wie sich viele Piraten aus Somalia selbst bezeichnen. Dabei zeichnet Klein keineswegs ein holzschnittartiges Bild, sondern bemüht sich, verschiedene Quellen darzulegen und die »Sozialbanditen« (Eric Hobsbawm) Ostafrikas nicht zu romantisieren.

Klein demontiert gängige Interpretationsmuster, etwa dass es eine Allianz zwischen Piraten und der islamistischen Milizbewegung Al-Shabab gebe, Lösegeld in Terrornetzwerke flösse und das traditionelle Hawala-Bankensystem der Geldwäsche diene. Außerdem lässt er das gebetsmühlenartig vorgetragene Diktum vom »Failed State« und den »Clan-Rivalitäten« als Erklärung für die Misere in Somalia nicht gelten. Ebenso wenig sieht er im Aufbau einer Zentralregierung eine gute Lösung.

Vor allem aber bringt Klein die moderne Piraterie mit ihren historischen Vorläufern in anderen Weltregionen ins Gespräch. Er beleuchtet die lange Geschichte der Seeräuberei in Somalia. Dabei geht er auch auf die Kolonisierung Somalias ab 1880 ein und auf die Entwicklung des postkolonialen Staates, der lange Zeit nicht auf Nahrungsmittelimporte angewiesen war. Erst die hohen Ausgaben für das Militär unter Staatsoberhaupt Siad Barre und die strikten Auflagen der reichen Gläubigerstaaten führten zum Anbau von Bananen und Ölsaaten als Cash-Crops, Billig-Importen von Weizen aus den USA und zur Privatisierung der tierärztlichen Versorgung – mit einschneidenden Folgen für das von Viehwirtschaft geprägte Land.

Klein untersucht, ob die Küstenorte von der Piraterie profitieren oder ob sie eher darunter leiden. Er versucht herauszufinden, ob ausländische Trawler weiterhin Fische vor Somalias Küste rauben oder ob sie angesichts der Schiffspiraterie eher davon ablassen. Und er thematisiert, dass somalische Piraten bei ihren Überfällen nicht nur etwas vom Wohlstand der Reichen abhaben möchten, sondern dass sie dabei auf andere deprivilegierte Seeleute aus Indien oder den Philippinen treffen. Längst werden nicht nur die großen Containerschiffe gekapert und damit die Just-in-time-Produktion europäischer Fabriken gestört. Auch Kleinunternehmer und deren Crews aus Pakistan oder dem Jemen, die im Indischen Ozean auf Dhaus Waren transportieren oder Fischernetze auswerfen, werden entführt. Oft werden sie  gezwungen, ihre Schiffe für Piratenüberfalle zur Verfügung zu stellen und die Seeräuber zu verpflegen.

Der Essay stampft manchmal etwas in der unruhigen See, streift diese und jene Küste, fährt die gleiche Strecke noch einmal ab, passiert aber immer wieder interessante Buchten, die vielen flüchtigen Blicken verborgen bleiben. Nur wenige dürften zum Beispiel wissen, dass laut Verfassung der USA der Kongress noch heute das Recht hat, Kaperbriefe auszustellen und Vorschriften über das Prisen- und Beuterecht zu Wasser und zu Lande zu erlassen – obwohl bereits die Pariser Seerechtskonferenz von 1856 das Kapern im staatlichen Auftrag untersagt hatte. 2009 schlug der Republikaner Ron Paul mit Verweis auf diesen Artikel vor, Kaperbriefe zur Bekämpfung der Piraterie vor Somalia auszustellen.

Kaum bekannt sein dürfte auch, dass der Name der tapferen Jägerin Atalanta aus der griechischen Mythologie nicht nur für den ersten gemeinsamen Anti-Piraterie-Marineeinsatz der Europäischen Union steht, sondern dass die Nationalsozialisten 1944 ihre (erfolglose) Jagd auf kommunistische PartisanInnen der griechischen Volksbefreiungsarmee ebenfalls nach Atalanta benannt haben.

An manchen Stellen des Essays vermisst man jene Genauigkeit bei Eigenbezeichnungen und Quellen, die an anderen Stellen des Textes durchaus praktiziert wird. So bleibt unklar, woher die Angabe stammt, dass Ende 2011 1025 angeklagte oder verurteilte Piraten in 21 Staaten in Haft saßen, mehr als die Hälfte davon in Somalia. Gravierender noch ist Kleins Vorgehen bei seiner – genderunsensiblen – Analyse des Clansystems. Hier fehlen Hinweise, wie er zu seinen Erkenntnissen gelangt ist, etwa dass das Clansystem eine »hohe soziale Mobilität« ermögliche. Dies wäre wichtig, da Berichte von extremen Abhängigkeits- und Ausgrenzungsverhältnissen eine andere Sprache sprechen.

Nichtsdestotrotz: Klein stellt kluge Fragen. Am besten ist der Text, wo er keine eindeutigen Antworten, wohl aber hilfreiche Informationen und Hinweise zur unübersichtlichen Lage gibt.

von Anke Schwarzer

333 I Die Krise des Kapitalismus
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