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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 333 I Die Krise des Kapitalismus Editorial zum Themenschwerpunkt

Editorial zum Themenschwerpunkt

Krise & Kapitalismus

Spätestens seit 2008 bilden sie selbst in der breiten Öffentlichkeit ein unzertrennliches Begriffspaar: Krise & Kapitalismus. Allenthalben hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass nach dem Ende des Realsozialismus der Kapitalismus zwar als hegemoniales globales Wirtschaftsmodell unangefochten ist, er aber alles andere als stabil ist. Eine Krise reihte sich in den letzten 15 Jahren an die andere. Sie gehen ineinander über und sind kaum noch unterscheidbar: Verschuldungskrise, New Economy-Krise, Immobilienkrise, Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Ernährungskrise, Eurokrise…
Vier Jahre, nachdem die so genannte Finanzkrise in aller Munde war, ist es Zeit für eine vorläufige Bestandsaufnahme ihrer Auswirkungen. Wie in der iz3w üblich, blicken wir dabei vor allem auf die Länder des globalen Südens. Sie waren von all den genannten Krisen unterschiedlich stark betroffen. Einige Länder mit stark expandierenden Ökonomien sind vergleichsweise kaum negativ in Mitleidenschaft gezogen worden oder waren sogar Krisengewinnler. Das gilt vor allem für die VR China, aber auch die anderen BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika).
Für viele, insbesondere ärmere Länder des Südens gilt aber, dass die Krise der Weltwirtschaft negativ auf ihre sozioökonomischen Verhältnisse durchschlug, obwohl sie für deren Zustandekommen nicht im Geringsten verantwortlich sind. Schwankende Rohstoffpreise, mangelnde Nachfrage aus dem Norden, Währungsverfall, Kurseinbrüche, Kreditklemmen und Unternehmenspleiten sind nur einige der Auswirkungen. Deren Folge sind wiederum knallharte staatliche Sparpolitiken, die Privatisierung öffentlicher Güter und damit einhergehend Verelendungsprozesse bei Teilen der Bevölkerung.

Die Verwerfungen des globalen Kapitalismus sind in Lateinamerika – als Laboratorium des Neoliberalismus – bereits in den 1980er und 90er Jahren aufgetreten. Die Mexikokrise und die Argentinienkrise hätten eine Warnung vor der Instabilität des marktradikalen Kapitalismus sein können. Dass sich ähnliche Vorgänge nun auch in Teilen Europas ereignen und dass beispielsweise der IWF jetzt vielen EU-Staaten harsche Strukturanpassungsmaßnahmen vorschreibt, bereitet allerdings keine Genugtuung. Dazu sind die Auswirkungen der Peripherisierung von Griechenland oder Spanien und Portugal zu bitter für die Mehrheit der Bevölkerung.

Krise ist ein aus dem Griechischen stammendes Substantiv zum altgriechischen Verb krínein, das wiederum »trennen« und »unterscheiden« bedeutet. Es kann auch »entscheidende Wendung« meinen. In Griechenland kann derzeit besichtigt werden, wie eine solche Wendung derzeit meist aussieht: Sparen um jeden Preis, und zwar bei der breiten Bevölkerung. Athanasios Marvakis, Sozialpsychologe aus Thessaloniki, benennt in seinem Essay »Lehrstück Griechenland« (in jungle world 39/2012) eine wichtige Bedingung für den aktuellen Klassenkampf von oben: »In Krisenzeiten treten die wahren Machtverhältnisse offener zu Tage. Bisherige soziale, politische Kompromisse werden aufgekündigt oder sind es schon.« Anders formuliert: Krisen spitzen das bereits Existierende zu.
Nicht allein auf Griechenland beschränkt ist auch die Gültigkeit einer anderen treffenden Feststellung von Marvakis: »Vieles von dem, was wir nur allzu gern der bloßen Faktizität ‚der Krise’ zuschreiben, wird erst von den herrschenden Eliten hergestellt«. Deren politisch gewollte Lösungen erscheinen dann als einzig mögliche. Und so werden dann Banken gerettet (oder besser gesagt: die Vermögen ihrer Eigner und Gläubiger) und nicht etwa Sozialsysteme.

 

Krise bedeutet also immer Umverteilung, wenn auch nicht immer zwangsläufig von Süd nach Nord, sondern innerhalb der Gesellschaften. Die SZ bringt das für Deutschland so auf den Punkt: »Die Reichsten werden immer reicher. Das geht aus dem vierten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung hervor. Das private Nettovermögen hat sich allein zwischen 2007 und 2012 um 1,4 Billionen Euro erhöht – allerdings ist der Wohlstand sehr ungleichmäßig verteilt. Die reichsten zehn Prozent der Deutschen verfügen über mehr als die Hälfte des Gesamtvermögens, der unteren Hälfte der Haushalte bleibt gerade mal ein Prozent.«
Auf globaler Ebene sieht die Ungleichverteilung noch extremer aus: Die 1.210 MilliardärInnen der Welt besitzen laut Forbes-Liste zusammen ein Vermögen von 4,5 Billionen US-Dollar. Das ist viermal mehr als die untere Hälfte der Weltbevölkerung (rund 3,5 Milliarden Menschen) besitzt. In den Jahren der Krise seit 2008 ist diese Schere immer weiter aufgegangen. Auch wenn Reiche die ein oder andere Million abschreiben müssen, sie bleiben reich. Arme hingegen kann die Krise existenziell treffen. Die Bebilderung dieses Themenschwerpunktes spiegelt diese ebenso banale wie empörende Entwicklung wider.

die redaktion

PS:
Ganz und gar kein Krisengewinnler ist die Aktion Finanzplatz Schweiz: Diese kleine, aber feine NGO löst sich in diesen Tagen auf. Seit 1978 schaute die AFP den Schweizer Banken auf die Finger, wenn sie Diktatorengelder anlegten oder sich an Geldwäsche im Großmaßstab beteiligten. In jüngerer Zeit ist die Schweiz für Anleger aus Asien, Lateinamerika und auch Afrika immer bedeutender geworden. In Zeiten der Krise gäbe es genug Arbeit für einen Watchdog wie die AFP. Doch ausgerechnet bei ihr schlägt nun der Geldmangel zu.

333 I Die Krise des Kapitalismus
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